Germanfriday: Einstürzende Neubauten, Funny van Dannen

Einstürzende Neubauten

Um aus Geräuschen Musik zu machen, Bedarf es eines gewissen Abstraktionsvermögens. Um aus Abstraktionsvermögen Musik zu machen, bedarf es der strukturierenden Metrik. Um aus Metrik Musik zu machen, bedarf es eines Gefühls für Rhythmus. Um aus Rhythmusgefühl Musik zu machen, bedarf es das Bedürfnis, überhaupt Musik machen zu wollen. Vor allem die ersten drei Schritte bildeten bislang verlässlich jene Grundlage, auf der die Einstürzenden Neubauten Klangkosmen erzeugten, deren Geräuschteppiche zu wahren Symphonien gerinnen konnten. Und weil dem postindustriellen Experimental-Kollektiv schon zu Beginn seines Bestehens vor 35 Jahren auch Schritt 4 am Herzen lag, hat es den Begriff des Musikalischen stetig erweitert, bis mit Silence is Sexy anno 2000 ein Zustand erreicht wurde, der sich eher an Bach misst als am Pop. Seither aber geht der Weg scheinbar Schritt für Schritt zurück. Bis jetzt. Bis LAMENT.

So heißt das neue, nach inoffizieller Schätzung ungefähr 35. Album. Und dafür die Klammer Musik zu benutzen, bedarf schon etwas mehr Abstraktionsvermögen als purer Metrik. Verfolgten Blixa Bargeld, Alexander Hacke und N. U. Unruh seit 1980 spürbar den Ansatz, noch den verwirrendsten Geräuschkaskaden einen Rest von Metrik, Struktur, ja: Melodie zu entlocken, so beschränkt sich LAMENT vollends auf den einzelnen Ton in scheinbar willkürlicher Aneinanderreihung. LAMENT ist so gesehen eher Stockhausen als Punk, eher Cage als Noise, eher Fabrik als Industrial, also nach musiktheoretischem Ermessen immer noch anspruchsvoll; hörbar ist es nicht. Nicht zuhause jedenfalls oder unterwegs. Höchstens live, wenn Einstürzende Neubauten das klanglichen Nichts zur Kunstform erheben. Denn nichts anderes ist LAMENT: Kunst. Musik geht anders.

Einstürzende Neubauten – LAMENT (Mute)

Funny van Dannen

Alles easy, alles gut – wenn man Funny van Dannen wie im Titeltrack seiner neuen Platte Geile Welt beim Singen zuhört, wird all die Schwere ringsum ein wenig leichter. Krisen, Kriege, Magenprobleme – hinfortgepustet wie ein blauer Fleck auf Kinderbeinchen. Funny van Dannen vom westlichsten Rand der Republik braucht nur ein paar Akkorde, um dem Bösen da draußen eins zu Husten, mit Texten, die den Ernst der Welt verlachen, ohne ihn zu negieren. Mit Humor und Gefühl und unglaublich präziser Beobachtungsgabe, die selbst politisch unkorrekte Zeilen wie Auch schwarze lesbische Behinderte können ätzend sein sonderbar statthaft machen. Wichtigste Voraussetzung für dieses Grundverständnis zwischen Sender und Rezipient war allerdings: diese Ruhe. Funny allein auf der Bühne, bei ihm seine Gitarre und dieser Kopf voll kluger Flausen. Geile Welt jedoch ist ein Bandalbum. Und das ist ein kleines Problem.

Denn noch immer sind die Texte darauf von einer lebenssatten Erhabenheit, die das Publikum aufwühlt und beruhigt zugleich. Mit echter Begleitband allerdings, die in Stücken wie Losgehen oder Geld sogar richtig abgeht, wird das lustig-besinnliche Singer/Songerwriting des Wahlberliners irgendwie erdrückt, fast negiert. Gut – Geile Welt hat unverdrossen Funnyeske Preziosen wie Lebensbejahend, in denen er lebensbejahend Fleisch kocht, während ihm seine Kinder gegenüber sitzen und fragen, ob er nicht mal lebensbejahend Hamburger machen könne. Darüber hinaus aber stört das Instrumentelle eher, als dass es die Platte voran brächte. Trotzdem ist auch dieses Album purer van Dannen, sprachlich grandios und auch sonst ziemlich schön. In aller Unruhe.

Funny van Dannen – Geile Welt (JKP/Warner)

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