Ray Cokes: Achterbahn & Reeperbahn

s515494306608940095_p580_i2_w640Wie ein Hooligan

Für alle Digital Natives und sonstwie später Geborenen: es gab da mal einen Sender namens MTV, der hat das Fernsehen mit Musikvideos revolutioniert, lange bevor es das Internet gab. Sein berühmtester Moderator hieß Ray Cokes, dessen Sendung Most Wanted von jedem Teenager, der was auf sich hielt, vergöttert wurde. Bis, ja bis seine Karriere mit einem Wutanfall endete. Auf der Reeperbahn. Jetzt hat der englische Ex-VJ seine Autobiografie geschrieben – und spricht ausgerechnet dort darüber, wo er 1996 seinen Job verlor und elf Jahre wieder in die Spur geriet.

Interview: Jan Freitag

Ray Cokes, ein Interview am Rande der Reeperbahn, mit Blick auf den Spielbudenplatz – das ist schon ein besonderer Ort für Sie oder?

Ray Cokes: Absolut, einer der besondersten sogar. Genau hier wurde mein altes Leben, wie es war, beendet. Hier hat aber auch ein neues begonnen. Am Ende hatte ich auf der Reeperbahn mein Happyend, und wissen Sie was? Ich liebe Happyends. Deswegen bin ich trotz allem glücklich, wie alles gelaufen ist.

Wie ist es denn gelaufen?

Als ich hier 1996 auf der Bühne stand und die Toten Hosen nicht wie angekündigt gekommen sind, sondern nur auf der Leinwand zu sehen waren, hab ich mich wie ein Hooligan verhalten. Die Leute waren aufgebracht und ich hatte zu viel Angst vor ihnen, um kontrolliert zu reagieren. Das war das Ende meiner Karriere bei MTV. Aber vor fünf Jahren habe ich exakt an der gleichen Stelle die Chance gekriegt, wieder auf einer deutschen Bühne zu sein, was im Musikgeschäft ein ungemein wichtiger Ort ist. Besonders in einer Stadt wie Hamburg.

Klingt nach dem Stoff eines klassischen Dramas.

Deshalb habe ich auch meine Memoiren so aufgebaut, ein ungeheuer befreiender Akt in drei Akten. Im ersten steigt der Protagonist auf, im zweiten fällt er tief, im dritten rappelt er sich hoch. Die Reeperbahn stand da am Ende des ersten und am Beginn des zweiten Aktes. Denn so tief ich darauf gefallen bin – nach einer Zeit der Verwundung habe ich hier neues Selbstvertrauen gefunden. Ein bisschen wie Hollywood.

Oder Shakespeare.

(lacht) So weit würde ich nicht gehen, aber am gleichen Ort unterzugehen und aus der Asche wieder aufzustehen – das ist doch absolut filmreif. Vielleicht hätte ich dieses Buch auch ohne die Reeperbahn irgendwann geschrieben, aber dann wäre es bloß ein Buch über MTV Most Wanted gewesen, einen spannenden Musiksender und mich mittendrin. So wurde es die Erzählung meines Lebens.

Obwohl die meisten Leser vermutlich vor allem der MTV-Teil darin interessiert.

Das stimmt. Musiker sagen ja immer wieder: Mein Song gehört nicht mir…

Sondern der Plattenfirma.

(Lacht) Das ist das zynische Besitzverhältnis, damn it. Nein: dem Publikum! Die Zuschauer von damals, das erlebe ich auf allen Reisen, sind wirklich berührt von dieser Zeit. Der Sender und alle Leute darin hat ihnen echt was bedeutet, besonders Teenagern. Weil das für eine Autobiografie nicht ausreicht, war jetzt das Problem, die Zeit davor und danach so spannend zu schreiben, wie es sich der MTV-Teil von ganz alleine tut. Das war für den Perfektionisten in mir, der allenfalls mal schlechte Popsongs schreibt, eine Riesenlast. Mein Herausgeber hat mir einen Ghostwriter angeboten, aber den wollte ich nicht. Erster Fehler. Dann fragte er, wie lange ich brauche. Ich: sechs Monate. Zweiter Fehler. Aber nach eineinhalb Jahren habe ich gemerkt, wie befreiend das Schreiben der eigenen Memoiren ist, fast wie eine Therapie.

In der Sie zum Beispiel über so intime Dinge wie Ihre Depression sprechen.

Und dann auch noch vor Wildfremden! Menschen, die eine völlig andere Wahrnehmung von mir haben. Wissen Sie, es kann mir passieren, dass ich mal irgendwo auf einer Party den DJ spiele, also jetzt nicht im Sinne von Mixen, sondern zwei iPods nebeneinander, und es kommt jemand an und sagt, Man, du bist doch Ray Cokes. Ich verkaufe Villen auf Ibiza, die hier kostet fünf Millionen, und weil ich es liebe, was du getan hast, gebe ich sie dir für zwei. Wenn ich ihm dann sage, dass ich kaum 2000 habe, sagt er nur: Ach kommt, zehn Jahre MTV – du musst doch Multimillionär sein! Mein öffentliches Bild passt nicht immer zur Realität.

IMG_20141022_154427Trifft das etwa auch auf den fröhlichen, schlagfertigen, anarchischen Moderator zu, ist das gar nicht dieser Ray Cokes?

Doch, doch. Ich hatte nie eine Maske auf, ich war kein Schauspieler, ich bin ein Entertainer, dessen Lautstärke nur auf eine Stufe gestellt wurde, die jenseits der Kamera wohl ein Fall für die Klapsmühle gewesen wäre. Heute, im Alter, muss ich dafür etwas mehr Energie aufwänden; damals kam das voll aus mir selbst, purer Ray Cokes. Sogar der Reeperbahn-Vorfall war ich, das war keine Show, kein Ausbruch.

Trotzdem verändert so ein Leben im Rampenlicht auch den Menschen dahinter oder?

Schon, aber ich mache den Job mehr als die Hälfte meines Lebens, seit ich 27 bin. Diese Zeit lässt sich nicht vom Rest meines Daseins abkoppeln. Um ihn machen zu können, braucht man ein gewisses Ego, sonst kommst du im Showbiz unter die Räder. Aber wenn ich nachdenke – und ich denke viel nach –, spüre ich mittlerweile Ängste und Sorgen, die ich früher nicht hatte. Es sind die Sorgen eines Mannes, der oft antriebslos war und zu viel Zeit mit Videospielen verbrachte. So gesehen entspreche ich nicht mehr ganz den Stereotypen echter Bühnenstars.

Meinen Sie damit die gesamte Zeit von 1996 bis 2009?

Nein, ich hatte zwischendurch sechs erfolgreiche Jahre im französischen Fernsehen, aber zwei Jahre nach der Sache mit der Reeperbahn und ein Jahr vorm Neubeginn steckte ich in einem ziemlichen Loch. Ich musste mich mit PR-Moderationen über Wasser halten, die in der Krise zudem immer schlechter bezahlt wurden. Aber solche Zeiten machen dich ja auch stärker, ich hätte sie mir nicht gewünscht, möchte sie aber auch nicht missen. Man lernt zum Beispiel, dass die guten Freunde auch bei dir sind, wenn du nicht mehr auf tollen Partys bist. Und man lernt, sich aufs Wesentliche zu besinnen. Bei mir ist das sicher keine Jury eines Tanzwettbewerbs im Privatfernsehen, die man mir schon angeboten hat. Ich will etwas mitteilen: echte, relevante Musik präsentieren wie auf dem Reeperbahnfestival oder meine Biografie schreiben, das erste greifbare Produkt, das ich in meinem Leben zustande gebracht habe.

War MTV Most Wanted nicht Ihr Produkt?

Doch, schon. Aber ein flüchtigeres als ein Buch. Dennoch: MTV gab uns damals die Macht, 60 Millionen Haushalte in Europa zu erreichen, ohne irgendwelche Formatvorgaben zu machen. Bis auf mich waren alle VJs jung, jedenfalls zehn Jahre jünger als ich, es gab kaum ein Budget – so wird man kreativ und interessant. Wir hatten wirklich Narrenfreiheit, haben sie genutzt und die Kollegen aus Amerika, die dort schon fünf Jahre MTV gemacht haben, fragten verwundert: Was ist denn das für ein Typ da bei euch? Zu alt, zu wenig Musik, er macht alles nur kaputt, schmeißt ihn raus! Da hatte ich Glück, dass mein Boss uns machen ließ, solange wir nicht sexistisch, rassistisch oder beleidigend waren. Dennoch gab es ständig Briefe der Regierung, wann künstlerische Freiheit angeblich in Respektlosigkeit umgeschlagen sei. Diese Linie haben wir öfter mal berührt.

Auch überschritten?

Nein, dafür bin ich auch nicht der Typ. Und mir war bewusst, dass das Überschreiten 50.000 Pfund gekostet hätte, im Wiederholungsfall gar die Lizenz. Da war ich sehr wachsam. Und die Fans gaben uns ja das Gefühl, alles richtig zu machen – das konnte man an den Abertausenden Briefen und Faxen sehen.

Faxen?

Ja, diese futuristischen Telefone mit Papier. Sehen Sie – das waren echt unglaubliche Zeiten! Vielleicht die letzten, wo Fernsehen noch den Zuschauern gehörte und denen, die sie unterhalten haben. Keinen Shareholdern. Das hat MTV so besonders gemacht. Und genau deshalb war mir so wichtig, mit meinem Buch nichts zu zerstören. Das einzige, was ich je bewusst zerstört habe, war meine eigene Karriere, als ich auf der Reeperbahn durchgedreht bin. Trotzdem finde ich es unfair, wenn man zehn erfolgreiche Jahre auf fünf schwache Minuten reduziert.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass da ein Ottonormalverbraucher mit wenig Haar, gebügelten Hemden und ein paar Jahren zu viel auf dem Buckel so ein Teenystar werden konnte?

Schwer zu sagen, aber ich war wohl sowas wie ein dreister Onkel auf dem Familienfest, eine Art schwarzes Schaf, das anders ist, aber lustig und dabei nett, statt gehässig. Man muss sich das mal vorstellen: Hinter MTV stand damals einer der größten Sender und seine erfolgreichste Sendung wird von einem Haufen Idioten gemacht. Das schafft, selbst wenn man älter und weniger hip ist als andere, eine Verbindung mit normalen Menschen da draußen. Denen ich – abgesehen davon – Radiohead, Arnold Schwarzenegger, Take That ins Studio geholt hab. Ich war ein Sonderling, aber ein unterhaltsamer.

Heute ist MTV kostenpflichtig, Viva musikfrei, VH1 tot – gibt es etwas zu beklagen oder ist es einfach der Lauf der Dinge, dass Musikfernsehen ins Internet emigriert ist?

Ach wissen Sie, wenn ich meinen 16-jährigen Nichten und Neffen erzähle, dass man früher eine Woche auf seine Lieblingssendung im Fernsehen warten musste, erklären sie das doch für verrückt. Für die ist Fernsehen Vergangenheit. Mir selbst ist es egal, auf welchem Bildschirm gute Musik läuft, solange man den Menschen dahinter wirklich begegnen kann, statt nur ihr Produkt zu konsumieren. Dafür kämpfe ich, aber es ist ein Kampf für meine Generation, nicht für die Teenager von heute. Für die habe ich in den Neunzigern gekämpft. Und zehn Jahre lang nicht verloren.

Ray Cokes – My Most Wanted Life (432 Seiten, bebildert, deutsch/englisch, handsignierte Erstauflage, Schwarzkopf & Schwarzkopf)

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