Das Ende der Geduld: Duldung & Fiktion

Mehr Toleranz für Intoleranz

Seit Sonntag wirbt die ARD-Themenwoche auf allen Kanälen für Erdulden statt Akzeptanz. Das ist oft gönnerhaft – außer im fabelhaften Biopic Das Ende der Geduld mit Martina Gedeck als Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heute Abend im Ersten wird Toleranz darin nicht verlogen gepredigt, sondern wirklich debattiert. Auch wenn die echte Juristin zuweilen besser wegkommt, als sie in der Realität womöglich war. 

Von Jan Freitag

Toleranz ist das Gebot der Integrationsstunde. Wer sich modern geben will, liberal und empathisch, betont zwanghaft seine Toleranz für alles, was irgendwie von der Norm abweicht: Behinderte, Homosexuelle, Andersgläubige, Ausländer, die vor allem. Wer tolerant ist, meint es ja gut. Dummerweise ist gut gemeint allzu oft das genaue Gegenteil von gut – weshalb die ARD in ihrer Themenwoche Toleranz selten das Gute feiert. Sondern die hässliche kleine Schwester der Akzeptanz. Wer tolerant ist, nimmt etwas mehr zähneknirschend hin, statt es aufrichtig als gleichwertig anzunehmen. Toleranz trägt den Keim der Verlogenheit weit tiefer in sich als vorgebliche Anteilnahme. Auch deshalb hätte sich Kirsten Heisig sicher mit Stolz als intolerant bezeichnet. Als sie 2008 am Amtsgericht Tiergarten tätig wurde, wollte die Jugendrichterin den herrschenden Umgang mit jungen Kriminellen am Berliner Brennpunkt nicht mehr hinnehmen und wendete die Gesetze daher strikter an als ihre wohlmeinend nachsichtigen Kollegen.

Die ortsübliche Toleranz mit straffälligen Jugendlichen aus Erschöpfung und Personalmangel nebst liberaler Rechtsauffassung ersetzte sie durch Zügigkeit, Härte und viel persönlichem Einsatz. Die erzieherische Wirkung schneller Urteile legte später den Grundstein ihres „Neuköllner Modells“, das bundesweit rasch Vorbildfunktion erlangte. Vom Umfeld allerdings brachte es derlei Rigidität viel Gegenwind, vom Boulevard den Titel „Richterin Gnadenlos“. Und von der ARD nun sogar ein Biopic. Das Ende der Geduld, benannt nach Kirsten Heisigs biografischem Sachbuch, schildert die letzten Wochen im Leben der streitbaren Juristin, die sich im Sommer 2010 inmitten des schwarzrotgoldduseligen Weltmeisterschaftstrubels das Leben nahm. Weniger gnadenlos als pädagogisch setzt sie sich als Corinna Kleist vor allem mit einem arabischen Clan ihres Kiezes auseinander, sucht stets die juristische Konfrontation, bietet kleine Deals für geringere Strafen an, urteilt hart, aber gerecht und gerät somit zu einer Art Lichtblick im trüben Wasser toleranter Verlogenheit. Was wiederum an Martina Gedeck liegt.

Denn wie sie die reale Richterin mit Wahrhaftigkeit füllt, ist – vorsichtig formuliert – eine Sensation. Ihr Gesichtsausdruck vermag es, Nähe und Distanz in einem einzigen Halblächeln zu vereinen. Allein Martina Gedecks Mimik kündet somit ausdrucksstark vom Dilemma zwischen dem tiefen Glauben an den Rechtstaat und dessen Hilflosigkeit im Angesicht anarchistisch entfesselter Bandenkriminalität zu verkünden. Wenn dann noch ihre sonore Stimme hinzukommt, glaubt man als Zuschauer, die echte Richterin zu begleiten, nicht bloß eine Schauspielerin.

Wie sie das haspelnd vorgetragene Gedicht eines abermals verurteilten Punkmädchens ausdruckslos mit „Mach’s gut, ich vertrau dir, komm nicht wieder, ja?“ statt schwülem Pilcher-Gesäusel kommentiert; wie sie der handelsüblichen Kindergeldtirade des Polizisten auf Viertelrundfahrt, „die übernehmen uns durch ihre Fruchtbarkeit“, ein trockenes „Neidisch?“ entgegnet; wie sie einer solchen Vielfachmutter auf die Klage in holpernden Deutsch, „wir brauchen Geld für Turnschuhe“, vors Kopftuch knallt, „Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs“; wie sie also tolerant bloß im Sinne der rechtlichen Schranken ist und ansonsten ihren Geist sprechen lässt – all dies macht Das Ende der Geduld zu einem bemerkenswerten Film über die Fallstricke der Realität. Trotz allem.

Trotz einiger Klischees liberaler Gutmenschen also, die wie der fabelhafte Jörg Hartmann als Jugendrichter Wachowiak unterm Talar zottelige Geisteskiffer sind, aber bei Konferenzen teuren Wein im Edelrestaurant verkosten. Trotz der Zeichnung libanesischer Gangs als quasi genetisch bedingte Unmenschen vor allem. Und ob Kirsten Heisig wirklich eine derart makellos moralgetriebene Superjuristin wie Corinna Kleist im Film ist, deren angebliche Depression als mögliche Suizidursache einfach mal komplett ausgespart wird, sei mal – schon aus Gründen der Pietät – dahingestellt. Dennoch ist Christian Wagners leiser, aber lautstarker Film eine famose Entzauberung der Scheinidylle bürgerlicher Toleranz zum Wohle von etwas, das dieser Kirsten Heisig zumindest in Form von Corinna Kleist abzunehmen ist: Akzeptanz menschlicher Unterschiede. Ein wenig mehr davon täte auch der ARD-Themenwoche gut.

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