Tango-Reportage: Tanzpuristen & Experimente

Ist das noch Tango?

Tangowerk des argentinisch-berlinischen Soundbastlers NHOAH  (R.O.T. Records) mag Puristen untanzbar erscheinen, dem geschlossenen System Tango fügt es erstaunliche Nuancen hinzu. Nun erscheint der zweite Teil. Dafür haben die freitagsmedien den ersten Teil mal mit Experten durchgetanzt.

Von Jan Freitag

Wenn auch nur der geringste Zweifel bestehen sollte, wo man gerade ist, wenn es eines Beleges für den tänzerischen Puritanismus dieser piekfeinen Kaste geben könnte, wenn ästhetische Traditionsverhaftung ein Gesicht bräuchte – hier zeigt es seine Kleider. Der samtschwarze Dreiteiler, das Hemd halb offen, den Kragen hoch, unterm Hosenschlag elegante Budapester, was sonst. Dazu ein Moustache wie aus uralten Bogart-Filmen, mitsamt dem passenden Gesichtsausdruck, so distinguiert wie selbstgewiss, mit diesem unwiderstehlichen Anflug von Arroganz: Ivano Bertazzo lebt, atmet, er ist Tango. Und der Mann mit dem Namen wie dieser Tanz selbst, er lebt, atmet, ist die Bewegung gewordene Emotion an einem Ort, der nahezu perfekt scheint für ein kleines Hörexperiment. Denn so wenig, wie man hinter der faden Rotklinkerfassade in Wurfweite von Tabledanceschuppen und Kiezgaudi auf St. Pauli die plüschige Eleganz des Tanzstudios La Yumba erwartet, so wenig erwarten die fünf Tangoversessenen um Ivano von einer Platte, auf der man den Tango erst eine Weile suchen muss, auch wenn sie ihn im Titel trägt: Tangowerk.

Es ist die Kompilation, mehr ein Projekt des Produzenten, Soundtüftlers und Songschreibers NHOAH, der in Berlin und Buenos Aires Künstler jeder Art zur Interpretation der argentinischsten aller Ausdrucksformen gebeten hat, von HipHop über Rock bis Electrotrash oder Pop. Diese Aneignung ausgerechnet von Ivano Bertazzo und fünf Klangkonservativen testhören, testtanzen zu lassen, auf einem improvisierten Tangoabend, in Fachkreisen Milonga genannt, stellt NHOAHs Werk auf eine harte Probe. Sie scheitert, so viel vorweg. Und gelingt, was keinesfalls ein Widerspruch ist. Umgeben von roten Säulen, Salongestühl, einem schweren Piano und noch schwereren Kronleuchtern schweben drei Paare aufs gewachste Parkett, zwischen erfahren und frisch dabei, versiert und ambitioniert. Es geht um Tango Argentino, trotz aller Einflüsse und Mixturen. Die Mutter des Tanzes, seine Keimzelle. Der Rest, sagt Mitbesitzer Kay Schmidt, sei europäischer Standard. Sport mithin. Wettkampf. „Ganz witzig.“ Aber kein Tango.

Und One More Kiss, das erste von 14 Stücken, eine Interpretation des Wiener Jazzcrooners Louie Austen, der noch im Rentenalter alle Mauern einzureißen bereit ist? Die Duos mühen sich sichtbar zum leidlich klassischen Auftaktstück durch den Spiegelsaal. Wir wollen, sendet ihre Gestik, die Mimik; fühlen tun wir nicht. Nichts. „Nett“, meint Kays Tanzpartnerin Constance, die schillerndste, nach dem Ausfaden. „Zu sportlich“, pflichtet Ivanos Tanzpartnerin Angela, die erfahrendste, bei. „Auf einer Milonga steh’ ich dafür nicht auf“, gibt sich Juans Tanzpartnerin Mariana, die jüngste, kritisch.

Da wird klar: Diese Variante des Tango Nuevo, Astor Piazollas Modernisierungsversuch der Fünfziger, bald erweitert auf eine Art Bastard-Tango, der sich drei Jahrzehnte später auch hierzulande eine Rückbesinnung zu den Wurzeln entgegenstellte, sie hat es hier nicht leicht. Noch vorm Refrain von If You Go feat. Headvoice löst sich die lächelnde Toleranz in lachenden Protest. Abbruch! Beim australischen Performance-Künstler ist Tango in der Tat nur Sample, Versatzstück in einem Marsch wie von Frank Farian, eher Derrick-Soundtrack als Bewegungsimpuls. Geht das jetzt so weiter? In seinen Abendgarderoben lässt das Sextett mit 65 Jahren Tanzerfahrung kurz die Schultern sinken.

Und erhebt sie sodann beim ersten Takt von Tuyo Soy, einem Traditional des argentinischen Orchesterleiters Chino Laborde. „Ah, Tango“, haucht Kay und lässt Constanzes blumiges Kleid vor Schwung flattern. Dass Tango umso schneller, versierter, akrobatischer wird, je getragener die Melodie erklingt, ist für Laien eher kryptisch, erfährt im Tangowerk aber ein ums andere Beweiswunder. Denn die HipHop-Varianten Tanto und Amanece En El Oce des Rappers El Topo aus Buenos Aires mögen ihre Würdigung als kreativer Ansatz erfahren, führen aber zur energetischen Stagnation, die beim rockigen Dancing On The Volcano oder dem technoiden Lost In Weltschmerz von MIA-Sängerin Mieze Katz zum Stillstand geraten.

Vieles auf der Platte klingt wie Tango, nutzt ihn aber nur für andere Zwecke, beutet ihn aus. Und das lassen die Leute von La Yumba nicht mit sich machen. Ob Ich Dir Treu Sein Kann von den Berlin Comedian Harmonists erinnert an Max Raabe, Weimarer Republik, alte Zeiten, bleibt aber zu hart, so der Tenor, zu deutsch. „Ist das denn noch Tango?“, fragt Sängerin Ina Viola Blasius in 1-2-3 rhetorisch. Das Parkett antwortet mit Distanz, Einzeltanz, der Höchststrafe im Metier. Bestenfalls als Cortina verwendbar, dem Pausenfüller zwischen zwei Liedern. Und AUA, wieder diese Blasius, wieder Headvoice? Nicht so schlecht, heißt es. Aber der Unernst…

Dem zu widerstehen gilt im Tango als Kardinaltugend. The Waltz mag zwar mit Dreivierteltakt aus der Art fallen – als Intermezzo tauge er für jede Milonga. Und dann Si Te Puedo Ser Fiel von Karina Beorlegui: „Wunderbar“, ist da gar zu hören; kein anderes Lied darf bis zum Ende ausklingen. Ein Desaster? Nein, ein Ausbruchsversuch. NHOAH mag Puristen die Hüfte lähmen, dem Genre fügt es Nuancen hinzu, die es nötig hat, die es verstohlen sucht, die es kräftig durchlüftet. Mit Tango zum Hören. Um die Gemeinde zum Tanzen zu bringen, bedarf es schließlich keiner Neuinterpretationen; der Fundus ist übervoll, sein Bestand unerschöpflich. Gerade deshalb aber braucht Tango Grenzgänger, Grenzgänge. „Nichts für mich“, sagt Ivano Bertazzo und richtet die Hemdsärmel. Aber ungewöhnlich, spannend. Mehr kann man im geschlossenen System Tango nicht erwarten.

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