Wigald Boning: Spaßvogel & Popanarcho

boningMeine Nasenhaarschneider

Wigald Boning ist eine der skurrilsten Figuren des Fernsehhumors, was er als einer der Doofen an der Seite von Olli Dittrich sogar ziemlich erfolgreich in Blödelschlager übersetzte. Und jetzt macht der 47-jährige Niedersachse auch noch, nun ja, ernsthafte Musik. Auf eigenem Label veröffentlicht er gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Roberto Di Gioia den zweiten Teil seiner halb ulkigen, halb sachlichen Genre-Exegese Hobby, diesmal zum Thema: New Wave. Ein Gespräch über klingende Bild-Schlagzeilen, die Bürde der Prominenz und warum er französische Poststrukturalisten im Original liest.

Interview: Jan Freitag 

freitagsmedien: Herr Boning, wie viel Ernst steckt im Plattenprojekt Hobby?

Wigald Boning: So ernst, wie es nur ernst gemeint sein kann. Roberto und ich waren uns einig, dass uns die erste Lebenshälften auf diese eine große umfangreiche nie enden wollende Tat vorbereitet hat, eine Art privaten, musikalischen Kölner Dom zu bauen. Das haben wir jetzt begonnen. Als ich vor zehn Jahren ein Flötensolo auf einer von Robertos Platten eingespielt hatte, haben wir schon gemerkt, dass sich da etwas zusammenfügt und das ernst gemeinte Jazzalbum Jet Set Jazz gemacht. Mit allem, was uns danach an Ideen in den Sinn kam, sind wir allerdings bei Plattenfirmen gescheitert.

Trotz des prominenten Namens?

Da darf man Prominenz nicht überschätzen. Wenn ich ein Revival der Doofen machen würde, hätte mein Name vielleicht einen Effekt, aber so nicht. Wir waren am Scheideweg, aufzugeben oder das Projekt auf eigene Rechnung zu machen. Ohne mich als Opfer darstellen zu wollen, sind wir von der kalten Realität quasi dazu gezwungen worden, ins Risiko zu gehen. Dann haben wir per Handschlag beschlossen, 100 Alben zu machen. Als eigene Chefs können wir es uns jetzt erlauben,  eine Bilanz erst in zehn Jahren zu ziehen, aber schon jetzt ist eine Flamme spürbar, die uns von Album zu Album tragen wird.

Bei Verwertbarkeit keine Rolle spielt?

Ja. Spaß ist der entscheidende Faktor, ob uns beiden die Musik gefällt. Wir müssen uns überzeugen können. Der Rest ist reine Grundlagenforschung mit der Frage: Wer soll das hören?

Gute Frage…

Die aber nach reiner praktischer Anwendbarkeit klingt, so als würde sich ein theoretischer Physiker fragen, ob seine Forschung mal in einem Haushaltsgerät zum Einsatz kommt. Wenn man am Beginn jedes Gedankens immer an die Praxis denkt, statt der Fantasie freien Lauf zu lassen, gäbe es heute womöglich noch nicht einmal das Rad, geschweige denn Musik.

Spielen Sie bei der alle Instrumente selber oder haben mit fremder, auch digitaler Hilfe?

Ich spiele sämtlich Blasinstrumente, am besten Flöte und Saxofon, am schlechtesten Fagott, aber selbst das reicht für Effekte. Den Rest liefert Roberto.

Selbst die Punkbretter der vertonten Bild-Schlagzeilen?

Da ist nichts gesampelt, sondern von Roberto handgespielt.

Darf man sich das als einen einzigen Spaß vorstellen?

Eher als goldene Momente. Die Kürze ist ein faszinierender Teil der Musik, darüber habe ich sogar eine Abiturarbeit geschrieben, über die kurzen Orchesterstücke von Anton Webern. Ich habe schon als Jugendlicher gerne John Zorn und Arto Lindsay gehört, etwa als Die Tassen in der Bremer Schauburg, ein legendäres Konzert in den Achtzigerjahren, wo kein Stück länger als 30 Sekunden war. Kürze fand ich immer gut, hatte damit aber zuletzt wenig zu tun, auch weil es sich kommerziell in Zeiten von i-Tunes schlecht vermarkten lässt. Der Druck auf dem Ventil war also ebenso groß wie der Spaß, der dabei rausgekommen ist.

Darf ich mir das Berufsleben des Wigald Boning ohnehin als einzigen Spaß vorstellen?

Es gibt in jedem Komikerleben Momente, wo der Spaß in Arbeit mündet. Aber ernsthaft: Bei aller Seriosität, die Humor gerade im Fernsehen erfordert, bin ich stets bemüht, den Spaß nie zu verlieren. Sonst fände es das Publikum nicht lustig. Von Irrwegen, Humor ohne den eigenen Spaß zu erzeugen, habe ich mich gottlob längst abgewandt.

Sind Sie durch und durch Komiker?

Falls durch und durch „immerfort“ heißt, nicht. So wie jeder, der nur ernst ist, bald traurig wirkt, tut es auch jeder, der nur lustig sein will. Ich sehe mich aber gar nicht als Komiker, sondern bin durch Zufall genau dann ins Fernsehen geraten, als die Comedy-Welle gerade durchs Land zu schwappen begann. Selbst da war das Lustige jedoch nur lustig, wenn es mit professionellem Ernst grundiert ist. Bei Hobby zum Beispiel ist es so, dass viele Aspekte daran durchaus humoristisch sind, aber von so großer Sachlichkeit begleitet, dass wir noch gar nicht wussten, wie wir bei unserem Tournee-Auftakt in Offenbach überhaupt auftreten werden.

Wie humoristisch sind Sie als Person?

Da muss auch ich mir vieles erarbeiten. Um lustig falsch Tuba zu spielen, muss man das Instrument richtig gut beherrschen.

Entspricht der Wigald Boning des Fernsehens seiner realen Vorlage?

Ich versuche die Differenz gering zu halten – das ist stressfreier, glaubwürdiger und gesünder. Es ist schließlich schwer, gegen eigene Empfindungen anzuarbeiten, so als würden Sie sich die Hand quetschen und müssten sogleich Heiterkeit verströmen. Das wird nix.

Ist an Ihnen also weniger Inszenierung als man meint?

Ich habe beispielsweise privat eher selten Kunstrasenanzüge getragen, es ist aber auch nicht alles Inszenierung an mir, so wenig, wie mein Privatleben humorfrei ist.

In dem Sie nebenbei Extremsportler sind.

Na ja, Extremsportler… Ich hatte als Zivi mit einem Mann zu tun, der nach einem Schlaganfall mit 86 noch mal gehen lernen wollte. Das ist Extremsport. Ich sehe mich ja auch deshalb nicht als Extremsportler, weil der sich in Grenzsituationen bringt, bei denen die Möglichkeit besteht, sie nicht zu packen. Ich dagegen bin mir bei allem, was ich anpacke, sicher, es auch zu Ende zu bringen. Da regiert das Sicherheitsdenken. Einzig bei Hobby ist das Ende völlig offen, aber es geht ja auch nicht ums Überleben.

Wie beim Sammeln von Einkaufszetteln und Nasenhaarschneidern.

In der Tat. Meine Nasenhaarschneider füllen eine Vitrine, da brauche ich demnächst die zweite. Und über Einkaufszettel hab ich sogar ein Buch mit dem Titel Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten geschrieben, wollte damit schon mal aufhören, ging aber nicht. Deshalb scanne ich weiter Parkplätze und Supermärkte ab.

Und betreiben was – eine Konsumgesellschaftsethnologie?

Gewissermaßen. Es gibt da viele spannende Aspekte. Weil man sie meistens zum einmaligen Eigengebrauch schreibt, ist man anders als beim Tagebuch gänzlich unverstellt, das lässt unendlich viele Interpretationen bis hin zum Familienstand des Einkäufers zu. Richtig spannend wird es aber erst, wenn die Einkaufszettel für andere verfasst sind. Steht da „3 Bier“ und in Klammern „mehr nicht“ mit drei Ausrufezeichen, sagt das eine Menge übers Verhältnis des Verfassers zum eigentlichen Einkäufer aus.

Auch darin steckt aber natürlich wieder ein humoristisches Element.

Schon.

Wurde Ihnen das in die Wiege gelegt?

Na ja, mein Vater war im Hauptberuf  Bankkaufmann und als ich klein war, FDP-Politiker. Weil das gar nicht so witzig klingt, hat mich das vielleicht umso mehr humoristisch geprägt.

Waren Sie denn schon in der Klasse der Clown?

Gar nicht. Eher ein ernsthafter junger Mann, der sich bis heute einbildet, ernstlich am Unterrichtsstoff interessiert gewesen zu sein. Mein Traumberuf war ja lange Zeit Lehrer. Später wollte ich sogar mal Philosophie studieren, aber dazu hätte ich ein Latinum gebraucht und ich bin von Natur aus etwas faul und vielleicht am Ende doch nicht ernst genug.

Und warten Sie jetzt, wo Sie als Komiker etabliert sind, auf die große ernste Rolle?

Ich kann das jederzeit machen, wenn ich will. Hobby  ist dafür der Beweis, so heiter das bisweilen ist. Aber eine ernste Rolle, ich weiß nicht. Ich bewundere Kollegen, die das geschafft haben, Dieter Hallervorden zum Beispiel. Beneiden tue ich ihn aber nicht. Da suche ich mir lieber meine Nische wie die Einkaufszettel-Sammelei und träume davon, ein Buch zu schreiben, dessen Grundgedanke an die Ernsthaftigkeit der Alltagsmythen von Roland Barthes heranreicht.

Sie lesen französische Poststrukturalisten?

Im Original sogar! Ist aber gar nicht so schwer und ich kannte das Buch vorher auf Deutsch.

Was war der ernsteste Moment Ihres Lebens?

Wirklich schwierig war mein Zivildienst in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung. Da war ich als 18-Jähriger ernsthaft überfordert. Von den späteren möchte ich lieber schweigen.

Wigald Boning & Roberto Di Gioia – New Wave (Hobby Musik/Good To Go/ Groove Attack)

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