Club-Mausoleum: Onkel Pös Carnegie Hall

onkelpoe-540x304Eppendorfs Höllentor

Diskos sterben, Konzerthallen schließen – jetzt landen Sie im Club-Mausoleum, mit dem ZEIT-Online und freitagsmedien an den Wandel der Hamburger Musikkultur erinnern. In Folge 1 geht es ums legendäre Onkel Pös Carnegie Hall (Foto: Hardy Schiffler/Jazzarchiv), die vor vier Jahrzehnten den damaligen Ruf Eppendorfs als Hamburgs Szenehochburg prägte.

Von Jan Freitag

Es gibt ein Wort, das gerne fällt, wenn Hamburgs snobistische Seiten beklagt werden: Eppendorf. Spätgeborenen muss man daher kurz etwas vor Augen führen. Als St. Pauli noch wilder Westen war und die Flora ein Kaufhaus, galt das Altbauviertel als kreativer Zweitkiez, versehen mit jenem Radical Chic, der heute zur Schanze zählt. Und ungefähr da, wo jetzt sorgsam manikürte Anwaltsgattinnen dem gängigen Vorurteil nach mit 1.200-Euro-Kinderwagen überflüssigen Lifestyle shoppen, hatte das Szenequartier seine Schaltzentrale: Das 1970 am Lehmweg eröffnete Onkel Pö – aus Sicht der Musikwelt ein himmlischer Ort. Aus Sicht der Anwohner eher Sündenpfuhl.

Doch die Hölle ist erkaltet, das Antlitz aufgehübscht, ihre Fensterfront geputzt. Das war bis vor 30 Jahren anders. Ringsum dominierte verwitterter Vorkriegsbau. Es gab viel Migration, noch mehr Kleinbürger, sogar echte Arbeiter. Die DKP hielt in den Kneipen des Viertels, unweit von Ernst Thälmanns Geburtshaus, Parteitreffen ab. Abseits der Villen mit Alsterblick passte das Publikum des Pö also gut ins Straßenbild. Ich kann mich noch erinnern, an dieser Institution der Siebziger vorbeigegangen zu sein, tagsüber, wenn der kalte Rauch der Nacht herausdrang und Bierladungen hineingeschleppt wurden. Der Club wirkte verboten und war es wohl auch, sonst hätte mich meine Mutter nicht stets so schnell an der tiefschwarzen Fassade mit dem feuerroten Höllentor vorbeigezogen. Das “Onkel” im Namen klang da gleich weniger nach dem netten von nebenan als dem bösen im Park. Selbst die Fenster ließen kein Licht durch, verklebt wie sie waren.

Umso mehr befiel mich in seiner Nähe eine Ahnung vom Sog, den “Onkel Pös Carnegie Hall”, wie bauchig schwarze Beatnik-Buchstaben über dem Eingang verkündeten, auf Ältere als mich, aber jüngere als meine Eltern ausübte. Diese langhaarigen Zwischenwesen verstanden wohl auch die seltsamen Chiffren vor der Tür: Vince Weber, Pat Metheny, OMD, viele Namen mit Worten wie Band, Trio, Jazz oder “Der Geheimtipp aus New York” dahinter. Wie 1981. Bei einem gewissen Tom Waits. Immerhin – Hannes Wader kannte ich. Heute hier, morgen dort, meine Mutter pfiff das oft beim Kochen. Aber der Rest? Geheimnisvoll. Ergo: riskant. Also: wollte ich da nicht rein. Oder gerade. Aber das war Träumerei, deren Erfüllung folgerichtig eine Zweckentfremdung war. Zwölfjährige führt man ja nicht in angesagte Clubs, um sie clubmäßig zu bespaßen. Peter, mein Nachbar, meinte allerdings, da spiele Otto! Waalkes! Den müsse man aus der Nähe gesehen haben. Meinte Peter.

Und plötzlich stand ich nicht nur vorm Höllentor, ich durchschritt es. Eigentlich war ein Samstagabend nach acht keine Zeit für Minderjährige, aber wenn meine Eltern mal aus waren, teilten sie mir Peter zu. Und mit Peter war ich sogar schon im Borchers gewesen, das mit der DKP, tiefrote Politkneipe mit Schultheiß vom Fass. Heute gibt es da Thunfischcarpaccio für die Kreativwirtschaft. Mein Alter hinderte mich jedenfalls in beiden Fällen nicht am Zutritt. Schwerer war es, durch die anderen Barrieren zu kommen: Schall. Rauch. Menschen. An die 150 passten der Sage nach ins Fundament des Gründerzeithauses, aber es war eher das Doppelte auf halb so viel Raum, aus Sicht eines Halbwüchsigen. Der sah gegenüber der Zugangsschleuse nur wippende Scheitel statt der winzigen Bühne, die gern mal elfköpfige Combos beherbergte.

Wer spielte, blieb ein Geheimnis. Otto sitze am Schlagzeug, sagte Peter. Und Udo, also Lindenberg, sänge. Das Wort Jam-Session fiel und der Name Helen Schneider. Die war mir bekannt. Dass ich Otto gehört, gar gesehen hatte, kann ich also nicht behaupten. Aber mein Bauch sagt noch heute, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Legendären Abenden wie jenem wenige Jahre zuvor, als ein Al Jarreau am dritten Tag seines deutschen Debüts bis fünf Uhr früh alle 20 Minuten das Publikum durchtauschte, damit all die Wartenden draußen was vom künftigen Weltstar hätten.

Es waren solche Aufläufe, die dem Club das Aus bescherten und damit der Partyzone Eppendorf insgesamt. Das Einsickern harter Töne, als Gründer Peter Marxen, der jeden einzelnen Abend an der Theke verbracht haben soll, seine Carnegy Hall an den Rocker Holger Jass übergab, taten ein Übriges. Jedenfalls machte sie 1985 zu, nachdem die Baupolizei verstärkten Sound der Statik wegen verboten hatte. Für mich brach eine Welt zusammen, obwohl ich nur einmal wieder im Pö war. Zumindest fast. 1985 war das, bei einer Band namens Latin Quarter. Leider war sie zu angesagt, um alle Wartenden reinzukriegen. Ich blieb also draußen. Aber ums Drinnen ging’s auch gar nicht, es ging um Struktur. Das Pö war eine Trutzburg subversiver Kultur, bevor nebenan eine Modeboutique nach der nächsten eröffnete und Hamburgs ältestes Dorf zum gründerzeitprotzigen Handelsplatz standesbewusster Eliten verkam. In seiner früheren Schaltzentrale gibt‘s statt Subkultur und Flaschenbier nur Lounge-Gefühl und Chai-Latte. Und das Höllentor? Perlweiß. Darüber steht jetzt “mama”, Systemgastronomie mit Pizza, Pasta und Lounge. Oh Gott!

Mehr pics’n’files’n’kommentare: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/onkel-poes-carnegy-hall-hamburg

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