Indiefriday: 1000 Gram, Sound of Yell, Flake Music

Sound of Yell

Dass die Natur nicht nur über einen äußerst eigentümlichen Sound verfügt, sondern auch ziemlich komplex vertont werden kann, hat schon so mancher klassische Komponist bewiesen. Bedřich Smetanas berühmte Moldau zum Beispiel verwandelte dessen böhmische Heimat 1882 in eine mal plätschernde, mal reißende Sinfonie. Im Spätbarock formte Antonio Vivaldi aus den vier Jahreszeiten einen schwingenden Violinzyklus gleichen Titels. Und bei Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre Die Hebriden wähnt man sich noch beinahe 200 Jahre später inmitten einer sturmumtosten Inselgruppe. Modernere Musik mit ihrer artifiziellen Instrumentierung neigt dagegen weit seltener zur Tonmalerei, wie es die großen Meister früherer Jahrhunderte noch taten.

Umso weiter ins Grüne fühlt man sich entführt, wenn Rafe Fitzpatricks Geige plötzlich klingt wie schreiende Möwen, wenn Alex Neilsons Percussion von Ferne ein Gewitter anzukündigen scheint und Peter Nicholsons Cello an einen surrenden Insektenschwarm erinnert. Kurzum: Wenn man das orchestrale Debütalbum des schottischen Soundtüftlers Stevie Jones hört, eingespielt mit einem Dutzend Klangvirtuosen aus seinem Glasgower Dunstkreis. Und es ist kein Wunder, dass Projekt wie Album gleichsam nach Naturereignissen benannt sind: Sound of Yell, so heißt die Band, nach einer wetterwilden Wasserstraße vor den Shetlands; Brocken Spectre, so heißt das Album, nach atmosphärischen Lichteffekten, die auch als Harzer “Brockengespenster” bekannt wurden.

Das Erstlingswerk von Stevie Jones betreibt zwar keine Tonmalerei, wie es Musik seit ihren Anfängen versucht. Es geht also nicht ums bloße Kopieren von Tierstimmen, Naturgewalten, Waldesrauschen. Mit ihrem psychedelischen Folkjazz im klassischen Gewand verortet sich das vielschichtige Kammerorchester unmissverständlich im Studio. Doch ohne je das Liedhafte zu verlieren, ziehen Sound of Yell ihre Hörer wie Betrachter einer Landschaftsmalerei aus der Zivilisation hinaus in die Natur. Brocken Spectre ist die Vertonung einer Sehnsucht nach Natürlichkeit. Ermüdet von Selbstoptimierungszwang, Smartphone und dem Fegefeuer der Eindrücke darf man kurz mal im lautstärkegedrosselten Hallraum des Ursprünglichen entspannen. Und das ist definitiv nicht als Flucht gemeint.

Sound of Yell – Broken Spectre (Chemical Underground); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/11/26/sound-of-yell_18964

Flake Music

Seit selbst Punkrock hochwertig produziert wird, ist die gute alte Garage auch im Bewusstsein von Kennern wieder aufs Abstellen von Automobilen beschränkt. Vor 20 Jahren aber, als Flake Music das brütend heiße Licht der texanischen Welt erblickten, da entwickelte sich in den Garagen Amerikas die Rockmusik auf neue Ebenen empor. Flake Music? Werden da viele fragen. Dass man das Quartett aus Albuquerque nicht unbedingt kennen muss, hat ganz praktische, aber auch ein bisschen glamouröse Gründe. Denn Sänger James Mercer machte aus Flake Music bald das Sideprojekt The Shins, die mittlerweile auch in Deutschland für gehaltvollen Indiepop stehen. Jetzt hat die Band einen Anflug zu ihren Wurzeln gestartet und der Reunion mit When You Land Here, It’s Time To Return einen passenden Titel verpasst.

Es ist ein wundervolle Kompendium der Ideen der mittleren Neunziger geworden, mit denen Mercer sich selbst und seiner Musik im Kreise der alten Kollegen ein kleines Denkmal baut. Mit der Lässigkeit der damaligen Abkehr vom kommerziellen Ertragsdenken, dass den artverwandten Grunge seinerzeit gekapert hatte, spielt When You Land Here, It’s Time To Return mit der Harmonielehre des Powerpop und der Verschrobenheit des Garagenrocks und macht daraus ein fabelhaftes Gute-Laune-Album, das man wunderbar nebenbei hören kann. Kein Lob für Intellektuelle, gewiss. Aber eines für Mucker, denen man ihre Leidenschaft für das, was sie tun, glaubt.

Lake Music – When You Land Here, It’s Time To Return (Sub Pop)

1000 Gram

Wir leben in trostlosen Tagen. Draußen lauert der Winter unterm Herbstlaub. Die Nachrichten sind voll Pest und Verwüstung. Was davon ablenken könnte, ist eher betäubend als unterhaltsam. Und was lustig gemeint ist, übertönt den Gefechtslärm mehr, als ihn vergessen zu machen. Da lindert es den dräuenden Novemberweltschmerz ein bisschen, wenn stille Tonlagen durch den Krach der Realität dringen, wenn aus Zurückhaltung Kraft entsteht und das wirklich Wesentliche in den Blick gerät. Bedürfte es eines Soundtracks gegen all das Ungute da draußen – 1000 Gram hätten ihn bereits geschrieben. Sogar zwei Mal.

Schon als die wohlbehütete Ordnung zusehends ungebremst den Bach runterging, hat ihr die deutsch-schwedische Band das seinerzeit tröstlichste Album der Saison verpasst. Zwei Jahre nach Ken Sent Me legt nun der Berliner Emigrant Moritz Lieberkühn weiter im Norden sein neues tiefenentspanntes Werk nach – und wieder hilft es durch die Ganzjahresdepression wie ein Sonnenloch im Frühjahrssturm. Es heißt Dances, was weniger physisch als metaphysisch gemeint sein muss: Zum Tanzen gebracht wird damit nicht der Körper, sondern die Seele. Wund geschossen vom Alltag, legt sich der folkige Power-Folkpop wie ein Kissen unters Gemüt und gönnt ihm ein Päuschen.

Dass man daraus gar nicht mehr erwachen möchte, hat viele Gründe: Ein versiertes Songwriting, dessen Harmonien nur selten in Gefühlsduselei zerfließen, wie es bei derartigem Wohlfühlrock oft der Fall ist. Gitarrenriffs, die ihrer Flächigkeit mit Präzision trotzen, zwischen Gitarrensoli, die sich jeder Selbstverliebtheit enthalten. Das Ganze voller unaufdringlicher englischer Texte übers innere Ringen mit dem Leben vor der Tür, was trotz deutscher Muttersprachlichkeit nie nach Dictionary klingt. Und nicht zuletzt Lieberkühns hoffnungsfroh melancholischer Gesang, der am Ende der Strophen manchmal eine Spur zu hoch hüpft, als wolle er sich vom Korsett strikter Dramaturgie befreien. 1000 Gram machen Mainstream für die Minderheit und verschaffen ihr damit ein Gefühl von Leichtigkeit, nicht ständig nach Erhabenheit zu streben. Zumindest für ein paar Augenblicke. Mehr kann solche Musik kaum wollen.

1000 Gram – Dances (Fixe Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/11/24/1000-gram_18954

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