Markus Lanz: Kältekammer & Wettcouch

lanzFernsehen verändert Meinungen

Vor drei Jahren, Thomas Gottschalk fummelte noch an seinen Wettpatinnen rum und Markus Lanz (Foto: ZDF) allenfalls an Talkshowkärtchen, da begab sich der Südtiroler zum 100. Geburtstag der  Jahre Antarktis-Eroberung auf einen Wettlauf zum Südpol. Im Gespräch über Grenzsituationen, Draufgängertum und Kuschelmoderationen war wenig von seinem späteren Scheitern bei Wetten, dass…? zu spüren. Es sei denn, man liest zwischen den Zeilen. freitagsmedien helfen dabei und dokumentieren den Text von damals.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lanz, 400 Kilometer durch Schneestürme bei minus 40 Grad – das ist selbst für einen Globetrotter wie Sie nicht ohne. Haben Sie Angst vor der Aufgabe?

Markus Lanz: Sicher. Auf 3000 Metern in der Antarktis kommt man sich durch atmosphärische Bedingungen vor wie auf 4000 Metern, was extrem an der Kraft zehrt. Dass man dort irgendwann mal merkt, da kommt nix mehr und trotzdem bei Kopfschmerzen und eiskaltem Wind 40 Kilometer am Tag zurücklegen soll, davor habe ich schon Angst.

Eine körperliche oder eher die Sorge, es könnte nicht klappen?

Noch eher letzteres, aber je näher der Termin rückt, wächst die Angst und wird in dem Moment, wo man aus dem Flugzeug geworfen wird und plötzlich in diesem unendlichen Weiß steht, sehr konkret. Wovor genau, ist zunächst mal schwer greifbar, weil einem der Kopf ja an das Team im Rücken erinnert. Instinktiv aber spürt man, dass du als Mensch in dieser Gegend nichts verloren hast. Nicht umsonst war da nie jemand bis auf ein paar Forscher.

Nicht mal Eingeborene.

Nicht mal die. An grönländischen Jägern fasziniert mich ja am meisten, dass sie der feindseligen Einöde ihres Lebensraumes eine Existenz abtrotzen; während hunderte von Expeditionsteilnehmern darin umgekommen und selbst die zähen Wikinger entnervt wieder abgewandert sind, saßen die Inuit da und erfreuten sich bester Gesundheit. Das ist eine stetige Meisterleistung in der Kunst des Überlebens, die all unser Hightechscheiß nicht ersetzen kann, aber am Nordpol fehlt sogar dieses Vorbild. Das macht umso mehr Furcht.

Ist die für Sie Motor oder Bremse?

Wenn man die Angst davor verliert, sich im Zweifel einzugestehen, dass man nicht mehr kann, wird Angst zum Motor. Dann bewahrt sie auch vor Übermut. Reinhold Messner sagte mal, seine eigentliche Leistung sei nicht gewesen, auf all die Achttausender hochzukommen, sondern wieder runter.

Wegen dieses Rausches, der den Zeitpunkt zum Abstieg gefährlich verzögern kann?

Genau, dieser Moment kostet viel Antrieb. Die Versuchung, im Zustand der Ruhe zu verharren, ist riesig. Da muss man sich schnell in den Arsch treten und das Zelt aufbauen oder umkehren.

Woher rührt Ihr Abenteuergeist, sich als Familienvater in derlei Grenzsituationen zu begeben?

Weil ich kein Draufgänger bin, braucht sich meine Familie keine Sorgen um mich zu machen und ich muss diesen Wettlauf auch nicht gewinnen. Im Zweifel sage ich: Abbrechen! Denn ich bin in erster Linie ein Naturfreak, der in Schnee und Eis auf dem Berg groß geworden ist, wo es neun Monate winterlich ist und drei Monate kalt, wie man bei uns sagt. Wenn es regnet, geht man da ins Haus, wenn es schneit raus, denn Schnee ist was Schönes, das steckt tief in mir. Und ich bin ein Wüstenfan – ob Eis oder Sand, wobei ich vor der Großen Arabischen Wüste, die ich gern mal durchlaufen würde, weit größeren Respekt habe. Gegen Kälte kann man im Zweifel unbegrenzt viele Lagen anziehen, gegen Hitze aber nicht unbegrenzt viele aus.

Ein Pauschaltourist steckt offenbar nicht in Ihnen.

Nein, so sehe ich auch nicht aus. Mein Gesicht ist in der Regel wettergegerbt, aber vom Hals abwärts bin ich schneeweiß.

Klingt nicht sehr fotogen.

(lacht) Angezogen sind die Bilder von Leuten wie mir im ewigen Eis auch nicht sehr ergiebig. Interessant für den Zuschauer wird eher das Zwischenmenschliche; wie die Teams funktionieren und mit offenen Füßen zurechtkommen. Wer drei Wochen nicht duscht, eklige Sachen isst und in vereisten Zelten schläft, ist sicherlich ein harter Hund, aber kein Draufgänger. Schließlich kann heute jeder eine Expedition zum Nordpol im Reisebüro buchen, das ist keine Heldentat, sondern eine Frage des Kleingelds. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte; die künftigen Abenteuer führen ins Gehirn.

Dann reisen wir nach innen?

Gewissermaßen.

Wenn man wie Sie in Extrembereiche vordringt – was bietet der Alltag dann noch für Herausforderungen?

Kinder sind auch eine Herausforderung (lacht). Und die größte ist, anständig alt zu werden; die Versuchung, sich mit Botox zu verjüngen ist schließlich groß. In Würde ein erhaltenswertes Nest zu bauen, dass ist ein Abenteuer.

Verliert man nach Wochen im Schnee- oder Sandsturm das Risikobewusstsein auf einer innerstädtischen Hauptverkehrsstraße?

Im Gegenteil. Wenn man von solchen Touren zurückkehrt, spürt man erst wie wenig gut einem das Überdrehte, Laute, Hektische der Zivilisation tut. Demgegenüber kommt man in der Einsamkeit erst mal dem Wahnsinn nahe, weil das Monster im Kopf des Medien- und Erlebnisjunkies von einer Sekunde auf die andere nicht mehr gefüttert wird. In den ersten Tagen langt es ständig in die Tasche auf der Suche nach dem Handy, so überhitzt sind wir.

Beunruhigt Sie die aktuelle Terrorgefahr mehr als drei Wochen Antarktisabenteuer?

Ehrlich gesagt ja. Mein naives Vertrauen von früher irritiert mich gerade sehr. Aber gefährlicher als die konkrete Gefahr ist das, was sie in unseren Köpfen anstellt. Man muss aufpassen, nicht alle Muslime in Sippenhaft zu nehmen.

Passiert Ihnen das trotzdem manchmal?

Ja. Auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte sah ich in der Fußgängerzone drei Frauen mit Kopftuch; ein Anblick, der in Köln seit Jahrzehnten Normalität ist. Trotzdem zucken im Straßencafé reihenweise die Köpfe rüber, auch meiner. Das sieht man, wie leicht die Gesellschaft vergiftet wird. Die Gefahr besteht auch in der Terrordebatte.

Hindert Sie die am Weihnachtsmarktbesuch?

Nee, aber auf die gehe ich auch ohne Terrorwarnung nicht gern. Man darf sich nicht einschüchtern lassen.

Viel konkreter, nur weniger konsequent bekämpft, ist ja die Gefahr des Klimawandels.

In der Tat.

Hat der „Wettlauf zum Südpol“ da eine Botschaft?

Keinen dogmatischen, moralinsauren. Aber unterschwellig stellt sich in dieser Erhabenheit der Natur unweigerlich die Frage, wie lange es die noch gibt. Denn wir werden ungewöhnliche Wetterlagen erleben. Da, wo wir hingehen, schneit es zum Beispiel grad wie wahnsinnig, weil die erwärmten Meere mehr kondensiertes Wasser in die Atmosphäre entlassen. Sonst ist es im Inlandeis niederschlagsfrei. Ich denke, das wird die Regie auch thematisieren.

Abseits ihres Umweltengagements gelten Sie ja als Kuschelmoderator…

Aha, jetzt kommt das also. Warum eigentlich? Ich bin doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt?!

Reden wir von ihrem Ruf, nicht wie es dazu kam: Ist so eine Reise auch ein Mittel, dem Image entgegenzuwirken?

Das habe ich nie versucht und sollte es auch besser lassen. Sinnlos. Einmal in der Welt, zementieren sich solche Klischees unabhängig von der Realität. Das bewegt mein Weltbild nicht ernsthaft, sonst müsste ich mir medial die Kugel geben.

Ärgert es Sie trotzdem?

Sicher. Sehen Sie – mein Buch über Grönland ist gerade zum Bildband des Jahres gewählt worden. Da entsteht sofort der Reflex: logisch, der Lanz kann das ja auch super promoten. Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Mit PR allein schafft auch ein Schrottbuch ein paar Tausend Exemplare; richtig gut verkauft sich aber nur ein hochwertiges. Früher hätte ich an dieser Stelle gesagt, da stehe ich drüber. Aber nein – es nervt!

Vielleicht sind Sie einfach im falschen Medium tätig. Sie selbst sagten ja mal, das Fernsehen gehe nicht richtig in die Tiefe.

Und dass Fernsehen per se etwas Oberflächliches hat. Dafür hab ich mächtig Prügel bezogen. Völlig zu Unrecht, weil es stimmt, dass Fernsehen ein einziges Bilderrauschen ist. Wenn man es genau wissen will, muss man die schlauen Zeitungen lesen, die guten Magazine, die richtigen Bücher. Daran führt kein Weg vorbei. Der Off-Text einer dreiviertelstündigen Reportage wie meiner aus Grönland ist erbärmlich kurz.

Kann Fernsehen auch ohne Sekundärliteratur was bewegen?

Eine Menge. Fernsehen verändert Meinungen, dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein, ohne das Medium zu überschätzen. Auch der Boulevard setzt keine Trends, er verstärkt sie nur. Aus nichts lässt sich auch nichts machen.

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