Reportage: Hamburger Kahlschlag

0401a_Eppendorfer_Brauhaus_heute_Tre_CastanieEppen ohne Dorf

Sobald Investoren Rendite verheißen, zerstört Hamburg sein steinernes Gedächtnis durch öde Baukastenarchitektur. Ein Beispiel ist Eppendorf, wo grad der vorletzte Rest dörflicher Struktur vorm Abriss steht. Unser Autor Jan Freitag begab sich an den Ort seiner Kindheit – und kehrt deprimiert zurück

Von Jan Freitag

Erinnerung ist ein launisches Wesen. Ob sie freudig stimmt, melancholisch oder deprimiert – das entscheiden oft ein paar Meter Fußweg. Als ich nach Jahren, ach: Jahrzehnten zurück ins Viertel meiner Kindheit kehre, öffnet sich sofort mein Herz: Das Brauhaus am Markt, allen Ernstes – es steht noch! Ein winziger Giebelbau aus Zeiten, da Eppendorfs dritte Silbe noch Ortsbeschreibung war statt bloß Stadtteilname, er ragt wie eine Trutzburg nostalgischer Beharrlichkeit aus dem Verkehrschaos ringsum.

„Anno 1881“ ist in den Türbalken graviert, eine Zahl wie Donnerhall im neubauseligen Hamburg, die sogar noch tief stapelt. Dass dieses Relikt, einst Droschkenstation, längst Gaststätte, noch viel älter ist, war mir früher gar nicht klar. Es wäre mir auch egal gewesen; kindliche Erinnerung bemisst sich ja in Tagen, nicht Epochen. Aber nun, wo selbst jene drei Kastanien unversehrt davor stehen, die der Pizzeria zuletzt den italienischen Namen verpasst hatten, wird mir doch warm ums Herz. Vorerst.

Doch dann trete ich näher, und mit jedem Schritt wandelt sich schöne Erinnerung in Zweifel, bis mir die Realität wie ein Faustschlag in die Magengrube fährt: Das „Tre Castagne“, wo ich meine allererste Pizza aß und mal neben Otto Waalkes saß, ist dicht. Mehr noch: der äußerlich malerische Gebäudekomplex ist innerlich ruiniert: Türen verriegelt, Fenster kaputt, ein Balken hängt aus der Decke. 235 Jahre konnten Wandel, Krieg und Brandgefahr dem Fachwerk wenig anhaben. Im Gegenteil. Statt die Grundfesten zu erschüttern, wurde erweitert. Hier ein Erker, da ein Anbau, wechselnde Besitzer, gewandelte Gastronomie, was mir als Brauhaus in Erinnerung war, ist heute: Abbruchreif!

Schlimmer noch: Abbruchbereit!

Davon zeugen renitente Worte am Stein des Anstoßes. „Kein Abriss!“, steht auf einem Schaufenster. Daneben fordert ein Schild, das „Dorf in Eppendorf“ zu belassen, was einer auf dem Bürgersteig mit „Altes Brauhaus bleibt“ bekräftigt. Bei soviel Empathie wird mir zweierlei klar: Es regt sich Widerstand gegen die Kahlschlagkultur. Und zwar selbst im alsternahen Wohlstandsrefugium, das als Synonym vollendeter Gentrifizierung dient. Wenn es selbst inmitten der Gründerzeitpracht Protest bis hin zur Sachbeschädigung von Gehwegen gibt, geht es nicht nur um ein Haus. Es geht um mehr.

Also beschließe ich, den Spuren meiner Kindheit nachzugehen. An jene Orte, wo sie sich vor 40 Jahren vorwiegend abspielte: Straßen, Parks, Innenhöfe, draußen eben. Kurzum: ich mache mich auf den Weg durchs Eppendorf des 21. Jahrhunderts, um bei einem Abstecher ins 20. die Spuren des 19. zu finden. Doch trotz warmer Gefühle, die überall aufwallen, wird es keine schöne Reise. Es wird eine, die in Hamburgs Filetstück bitterböse verdeutlicht, wie die reiche Stadt ihr steinernes Gedächtnis planiert, sobald es zweckdienlich erscheint. Wie die Abrissbirnen durch historisch gewachsene Strukturen fegen, als seien Deutschlands Stadtkerne nicht längst „fertig gebaut“, was Elke Pahl-Weber, Professorin für Stadtplanung an der TU Berlin, mit der Forderung verbindet, sich weniger mit Erweiterung und Neubau zu befassen, als mit „Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des Bestandes“.

Schreiten wir also zur Bestandsaufnahme.

Links runter zur Erikastraße, 1899 nach der Heideblüte des umliegenden Hochmoors benannt. Zuvor hieß sie Feldweg und war auch einer, wie sich der ganze Randbezirk seines ländlichen Charakters erst richtig entledigte, als ich in der Erikastraße 68, drei Etagen überm Fischladen meiner Mutter, aus vollen Windeln das neue Jahrzehnt anschrie. 1970 gab es im Südteil meines kastaniengesäumten Heimatpflasters noch echtes Handwerk, eine Schmiede gar und pro Nahrungsgruppe zwei Einzelhändler. Zwischen fünfgeschossigen Belegen bürgerlicher Fin-de-Siècle-Herrlichkeit hatte Eppen noch wirklich sein Dorf. Und mittendrin meine Schule, benannt nach ihrem Schüler Wolfgang Borchert, wo ich, so wurde mir beim Klassentreffen der Fußballlegende versichert, im gleichen Klassenraum saß wie Uwe Seeler.

Im Krieg war das, als auch meine Blocks ein paar Bomben abbekam. Effizienter als die Briten indes waren die Bagger. In der Querstraße, benannt nach den Geschwistern Scholl, machen sie seit 40 Jahren nach und nach Platz für die ganze Hässlichkeit des Instantwohnens. Auch schräg gegenüber der Schule haben sie 2012 eine Schneise der Ödnis in die leerspekulierte Substanz geschlagen und durch Blockfassaden ersetzt. Schnörkellos, makellos, seelenlos. Schlimmer ging es allenfalls auf der anderen Straßenseite zu: der süße Terrassenflachbau, wo ich Timmy & Tina als Dreikäsehoch Vogelfutter kaufte: weg! Ebenso das gelbe Einfamilienhaus samt seiner türkischen Bewohner, die einst wie so viele Gastarbeiter scharenweise ins billige Eppendorf gezogen waren. Wo sie lebten, arbeiteten, bei und unter uns waren, ist nun alles Alte fort und mit neuem Kalkül verfüllt, der sich in all die Freiflächen fraß. „Verdichtung“, heißt das auf Investorianisch.

Und als wäre das zu wenig der Kränkung des lokalen Gedächtnisses, tauften die Eigner den aseptischen Komplex aus 67 Luxusappartements zum ortsüblichen Quadratmeterpreis von 5000 Euro aufwärts „Eppendorf Village“. Immerhin der Name verweist aufs Dorfaroma meiner Kindheit, das peu à peu der Real-Estate-Economy zum Opfer fällt. Wo früher Wurst und Milchwaren, Uhren, Schuhe, Obst, Zigarren über die Theke gingen, ist es nun: Lifestyle. Überfluss statt Grundversorgung, verteilt auf ein halbes Dutzend Designshops, wenngleich der erste schon wieder den Makler bemüht.

Edel gewandet sind sie, die Village People, fein eingerichtet, also eng am Vorurteil vom Schnöselviertel. Als ich aufs Lokstedter Gymnasium wechselte, gab es das noch nicht. 1980 rümpfte meine reichen Mitschüler die Nase über den Jungen aus dem Arbeiterquartier voll leibhaftiger Migranten und zotteliger Studenten, die sich im uralten „Borchers“ oder der „Palette“ – verrauchte Spelunken, in denen unweit von Thälmanns Geburtshaus die DKP tagte, womöglich gar die RAF. Der stellte hier 1979 ein so brachiales Polizeiaufgebot nach, dass auf unserem Nachbardach ein Geschütz stand. Es ging so wild zu in Eppendorf, dass das betuliche Abendblatt 1971 die Verdrängung kleiner Geschäfte „durch Boutiquen und Pubs im English-Style“ beklagte. Neben denen wurde kurz darauf eine Fälscherwerkstatt ausgehoben und vor unserer Tür stand ständig ein Amischlitten mit Pelzmantelfahrer.

Um dieser Ära nachzuspüren, muss man den Ring 2 queren, der Hamburgs ältestes Dorf zweiteilt: die proletarische Rotklinkerzone im Westen, im Osten gutbürgerliche Schnörkelfassendidylle. Rings um die Martini-Kirche, wo ich getauft, konfirmiert, zivilisiert wurde, wachsen anstelle der wunderschönen Sozialstation wuchtige Neubauten über die Bäume des UKE-Parks. Aber nach zwei Stunden Eppendorf schockt mich das längst nicht mehr so wie das, was Hakim Raffat erzählt.

In einem verdichteten Hof, wo die Polizei residierte und mein Kindergarten, schreibt der Historiker am Geschichtsbewusstsein seiner neuen Heimat, die dem Flüchtling 1969 Afghanistan ersetzte. Zwischen Aktenbergen und den Büchern übers Viertel aus seiner Feder malt der Stadtteilarchivar ein düsteres Bild. In den Siebzigern hätten Makler den verpönten Altbau rehabilitiert. Seither, 66 Jahre alte Fäuste treffen sich vor der Brust, wirken zwei Kräfte gegeneinander: „Investoren und ihre Gegner.“ Gegner wie die Bürgerinitiative Wir sind Eppendorf. Wie gut 5000 Unterzeichner einer Petition zum Erhalt des Brauhauses. Wie Raffat selbst. Oft sind es erbitterte Gegner.

Ein Gang durch sein Revier ist daher kein Spaziergang, sondern Anklage. Schritt für Schritt. Bis auf einen schäbigen Rest, mahnt er vorm Fachwerkhaus nahe der alten Johanniskirche, wo vor 300 Jahren die Postkutsche hielt und nun ein Italiener kocht, „ist die dörfliche Struktur kaputt“. Das „Wills Palais“ von 1770 mit seinen Goldapplikationen, die Schlosserei am Markt, dazu ein abgebrannter Katen im Rotklinkererbe der Brüder Gerson, die zwischen zwei Weltkriegen den sozialen Wohnungsbau nach Eppendorf holten, „das war’s.“

Doch so wichtig es sei, epochale Gebäude ohne Nutzwert als Kontrastmittel, Erinnerungsanker zu erhalten – die echte Gefahr, so Raffat, gehe vom Abbruch der nächsten Generation aus: Intakte, aber niedrige Gründerzeithäuser wie am Brauhaus, deren Höhe gewinnbringend verdoppelt werden soll. „Flächenmaximierung.“ Noch so ein Investmentwort. Den drei windschiefen Häuschen gegenüber, eins davon denkmalgeschützt, gibt Raffat noch 20 Jahre. Dann wird gebaut.

Dabei ist die Idee, wachsende Metropolen könnten sich museale Areale wie die nördliche Erikastraße leisten, wo das 19. Jahrhundert aus jeder Gaube grüßt, was für Träumer. Wäre Hamburg über deren Traufhöhe nie hinausgekommen, wüchse die Stadt so in die Breite, dass im Alten Land kein Bauernhof mehr stünde. Als Eppendorf vor rund 100 Jahren gen Himmel wuchs, beklagten die „Hamburger Nachrichten“, dass die „schlichten und gemütlichen Landhäuser“, nun „der Neuzeit zum Opfer“ fielen. Erinnerungen sind eben Kinder ihrer Zeit. Doch seit die Neoklassik der Stadt ihre Stempel aufgedrückt hat und später die „Operation Gomorrha“, folgen Veränderungen selten demografischen Zwängen. Bauen, sagt Marthe Friedrichs, „schafft eben keine Werte mehr, sondern Handelsware“. Um jeden Preis.

Die imposante Frau von 68 Jahren ist ungehalten, wenn sie davon spricht, und sie kann sehr ungehalten sein, geht es um Eppendorf. Das, sagt sie garniert mit salonunfähigem Vokabular, „ist auf Wasser gebaut“. Buchstäblich. Ihr Heimatviertel sei aufgeschüttetes Hochmoor, kanalisiertes Alsterschwemmland, Tidehub inklusive, „windelweich unterm Asphalt“. Früher seien Bauherren klug genug gewesen, flach zu unterkellern. Und jetzt? Vorm Brauhaus, dem die Kabarettistin nach der Schließung ihrer Bühneninstitution „Mon Marthe“ ums Eck alle Aufmerksamkeit kriegt, schüttelt Friedrichs theatralisch den Kopf. Sie zeigt über den Marktplatz. „Heute passiert so was.“

So was, das sind die „Eppendorfer Höfe“. Ein betonfrischer Wohnklotz, der von  Füssen bis Flensburg die Städte dominiert. Hier indes wird er umrahmt von betörender Neoklassik, die nun ihrerseits bestandsgefährdet sei. Dank der Höfe. Sagt Friedrichs und lacht böse. Als deren Baugrube voll lief, sei das Grundwasser so gestiegen, dass es nun die Nachbarsubstanz schwächt. Sie holt Fotos von handbreiten Rissen, lang wie Springseile, aus der Tasche. So schaffe man, „uups“, Argumente für den nächsten Abriss, der weitere Tiefbauten nach sich zieht. Ein Schneeballeffekt.

Den das Bezirksamt bestreitet. Dessen Chef Harald Rösler hält das Erdreich des Viertels für „sicher“ und zitiert ein Gutachten der Stadtentwicklungsbehörde. Da den Eppendorfer Höfen zudem nichts Erhaltenswertes gewichen sei, fügt Kulturbehörden-Sprecher Enno Isermann hinzu, sei der Abbruch auch aus Sicht des Denkmalschutzes nicht zu beanstanden, der sich nur an Recht und Gesetz halte. Dass dessen Mitarbeiter „mit vollem Herzen auf Seiten der Altbausubstanz“ sind, wie er beteuert, ist jedoch mitunter anzuzweifeln.

Von Eppendorfs 550 Denkmälern ist das Gros hochgeschossig, also kaum aufwertbar. Was durch Abriss Platz gewönne, fehlt dagegen auffallend oft auf der Liste. Darunter die bezaubernde Mühle am Haynspark. Und weil es so oft verändert wurde, dass nach Isermanns Dafürhalten die „rechtlich vorgegebenen Anforderungen an ein Denkmal – möglichst authentisch bewahrter originaler Zustand – nicht mehr erfüllt wird“, auch das alte Brauhaus. Selbst Milieuschutz nach §172 Baugesetzbuch, der Altbau in den Kontext der Umgebung setzt, greife nicht. Die Bürgerinitiative klammert sich daher längst an die Schutzwürdigkeit der Kastanien. Bislang ergebnislos.

Eisiger Wind fegt durchs Dorf, als ich es letztmalig besuche. Jeden Samstag demonstriert dort eine Schar Unbeugsamer gegen das Unausweichliche. Mit der Diskursbereitschaft einer Dampfwalze schleudert ihr der Bezirksamtschef entgegen, „der Bauvorantrag wird nicht zurückgenommen“. Doch die Wir-sind-Eppendorfer verteilen unverzagt Flyer, sammeln Unterschriften, trommeln für Sanierung. Sie würde Millionen kosten. Der Vorschlag eines Mitglieds, Holsten könne darin doch eine Showbrauerei betreiben, klingt daher so liebenswert wie weltfremd. Trotzdem fühlt es sich – pardon, Presserat – richtig an, dass auch ich für den Erhalt unterschreibe. Hier geht es ja auch um meine Erinnerung. Die schert sich erstmal nicht um Machbarkeitsstudien. Und sie endet auch nicht an Eppendorfs Grenze, die ich längst hinter mir gelassen habe.

Wenn man sich der nähert, die Landstraße südwärts an der Jugendstilpracht ihrer Abzweigungen vorbei. Wenn man ins Generalsviertel zu den Falkenried-Terrassen biegt, deren Rettung jeden Bürgerprotest gegen andere Abrisspläne rechtfertigt. Wenn man also Eimsbüttel erreicht. Dann ist zu sehen, was Laissez Faire dem steinernen Gedächtnis antut. Mit jedem Meter dünnt der Gründerzeitstolz aus, und mit dem Alter der Gebäude sinkt das architektonische Niveau. Ich drehe mich nochmals um, blicke ins Viertel meiner Kindheit und überlege, ob ich es wiedersehen will, wenn das Brauhaus die Büchse der Pandora weiter öffnet. Eher nicht. Schöne Erinnerungen sind mir lieber.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.