Rassenkunde & Weihnachtsmänner

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

15. – 21. Dezember

Existent ist nur, schreibt die politische Philosophie von Adorno bis Habermas, was auch benannt werden kann. Erst dank der Sprache werde die Wirklichkeit real. Spräche also keiner von Gott oder Gulasch, es würde beides ebenso wenig geben, wie sagen wir: Rasse. Ein widerliches Wort, menschenverachtendes Nazivokabular, eigentlich ausgestorben. Außer im Wortschatz von Andreas Witte. In der „Sportschau“ nannte er vorige Woche ein Fußballspiel allen Ernstes „rassig“. Nun wollen wir dem Reporter, Jahrgang 1955, keine Rechtsradikalität unterstellen. Aber wer diesen Begriff benutzt, sagt womöglich auch, dass das doch mal gesagt werden dürfen müsse. Mindestens aber geht da ein Sprachprofi so sorglos mit seinem Werkzeug um, dass es nach Pegida stinkt. So oder so passt Wittes Rassegefasel ins Repertoire von „Abwehrschlacht“ über „Heimatfront“ bis „Triumpf des Willens“, mit dem deutsche Sportreporter bis heute unselig im Vorgestern verharren.

In einer Zeit samt ihrer Bewohner also, die Udo Jürgens – was Kritiker gern vergessen – bis zu seinem gestrigen Tod unverdrossen im Brustton gediegenen Schlagers kritisiert hat. Wer sich Griechischer Wein oder Ehrenwertes Haus mal genau anhört, erkennt, wie da einer die Ewiggestrigen jener Jahre unterwandert hat, als sie noch die gesamte Gegenwart dominiert haben. Und um im Bild der Zeitebene zu bleiben: Nina Hoss ist gewissermaßen im Übermorgen gelandet: Hat sie es doch gerade in die zukunftsweisendste TV-Serie der Gegenwart geschafft – wenngleich die vierte Staffel von Homeland hierzulande erst online läuft. In deren 11. Folge spielt Hoss die Ex-Geliebte einer Hauptfigur und darf sogar ein längeres Gespräch mit der Haupthauptfigur Carrie Mathison führen, was für eine deutsche Schauspielerin international so ziemlich der Gipfel des Erreichbaren ist.

Das wäre auch der Part einer Reihenkommissarin für die zugegeben ziemlich schöne, schauspielerisch aber doch eher schlichte Yvonne Catterfeld gewesen, hätte Sie die Ausschreibung zum neuen Tatort Sachsen gewonnen. Das hat sie zum Glück nicht, darf als Trostpreis aber an der Seite von Götz Schubert demnächst einen einzelnen Krimi namens Wolfsland drehen. Und das Ermittler-Duo soll – Achtung! – ganz doll unterschiedlich sein. Wenn öffentlich-rechtliche Redakteure mal steil gehen…

0-FrischwocheDie Frischwoche

22. – 28. Dezember

… dann kommt ein zugegeben unterhaltsames, dramaturgisch aber doch eher biederes Team wie Christian Ulmen und Nora Tschirner raus, die am Neujahrstag ihren zweiten Weimarer Tatort spielen, zur Einstimmung am Montag aber nochmals im ersten zu sehen sind. Oder, noch schlimmer, es kommt der ulkige Saarländer Jens Stellbrink raus, dem selbst der famose Devid Striesow am Freitag kein Esprit verleihen wird, wenn es zum Feiertag um irgendwas mit Weihnachtsgeld geht.

Hätten wir das Wort zum Fest also auch irgendwie in den Titel gebracht – dachte man sich wohl im Ersten und kreierte das Restprogramm zu Christi Geburt. Es steht, wie jedes Jahr ab Heiligabend, voll im Zeichen blutjunger Zuschauer, die drei Tage beschäftigt werden wollen. Eine schöne Gewohnheit ist es da, alte Märchen zu sanieren. Während der ARD-Kanon von 30 neuen Filmen vormittags ohne Unterlass abgespult wird, gibt es an den Weihnachtstagen je zwei frische, zuzüglich des Zweiteilers Till Eulenspiegel mit Jakob Matschenz als modernisierter Schelm, was durchweg ansehnlich ist. Und mit Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen gibt es Freitag ein kleines Horror-Sahnehäubchen, das erstaunlicherweise keine Altersbeschränkung hat.

Da könnten die Kleinen auch Pro7 schauen, wo die besinnliche Zeit wie immer mit allem konterkariert wird, was Hollywood an Balleraction zu bieten hat. Dazu gibt‘s natürlich das Standardrepertoire zum Fest. Ben Hur am Dienstag (Arte). Weihnachten bei den Hoppenstedts, Heiligabend, 15.45 Uhr, ARD. Um 20.15 Uhr Chevy Chases legendäre Schöne Bescherung von 1989 auf RTL. Oder parallel Brandneues wie das napoleonische Arte-Spektakel Sturm über Portugal mit John Malkovich als General Wellington. Und ohne ihrem Werk irgendwas Innovatives hinzuzufügen, kriegt selbstredend Helene Fischer ihre kostenlose Werbeshow im ZDF.

Damit wären wir beim Montag, dem erstaunlichsten Sendeplatz der Woche. Während RTL am Abend 10 Jahre Bauer sucht Frau feiert, was anspruchsvolle Zuschauer nur noch ratlos macht, restauriert Jörg Pilawa zeitgleich im NDR Carrells Am laufenden Band, was anspruchsvolle Zuschauer nur traurig macht. Froh macht sie dagegen die zweite Staffel der wundervollen Geschichtsserie Downton Abbey, deren neun Teile ZDFneo an zwei Tagen ab 13 Uhr quasi durchsendet. Binge Watching auf öffentlich-rechtlich.

Hoffentlich bleibt da noch Kraft für den Tipp der Woche, in Farbe diesmal Poppea – Kaiserin der Gladiatoren, eine Erotikkomödie aus den sexuell zuweilen skurril erwachenden Sixties, (Montag, 1.15 Uhr, MDR), die jedes Niveau spielend unterläuft und gerade deshalb famos ist. Famos und niveauvoll dagegen ist der Schwarzweißtipp mit dem suizidgefährdeten James Stewart im herzzerreißenden Christmas-Melodram Ist das Leben nicht schön von 1947. Antwort: Auch dank solcher Filme ist es!

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