Das Fernsehjahr: 2014 & 2015

Katzen, Götter, Weltherrschaft

Das Fernsehjahr 2014 war mal schön, mal schlimm, also immerhin abwechslungsreich. Ein Rückblick mit Aussicht auf das, was kommt.

Von Jan Freitag

Der Mensch an sich mag Happyends. Vor die Wahl gestellt wird, erst die gute oder schlechte Nachricht zu hören, entscheidet er sich daher stets für letztere, um erstere hernach zu lindern. Auch das Fernsehen funktioniert so. Oder gab’s 2014 eine messbare Anzahl Filme ohne seligen Ausgang? Eben! Wer das TV-Jahr resümieren will, tut also gut daran, mit den schlechten News zu beginnen, was das Medium unerträglich macht und nicht für Um-, sondern Abschaltimpulse sorgt.

Genau das dürfte passiert sein, als das ZDF zum Auftakt Sascha Hehn auf die Traumschiff-Brücke beorderte und Josefine Preuß als Pilgerin in eine öffentlich-rechtliche Kopie der kommerziellen Wanderhure. Als Gebührenzahler dachten da viele, schlimmer könne es nicht kommen. Doch es kam schlimmer, viel schlimmer. Inspector Jury belegte an gleicher Stelle, wie viele Klischees in einen einzigen Serienpiloten passen. Im April machte die ARD Daniela Katzenberger zur Heldin des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch und vergaß vor der Mediatoren-Serie Paul Kemp, einfach mal mit einem Mediator zu sprechen, wie das Mediatieren überhaupt geht. Das Zweite dagegen vergaß zugleich, dass miese Bücher wie Friesland dank Florian Lukas allein nicht lustig werden. Und bei solch teurer Neuware ist noch nicht mal von Billigkopien die Rede, mit denen viele Kanäle selbige verstopfen. Nach EWG und Dalli, Dalli wurden nun Geld oder Liebe und Am Laufenden Band aus der Gruft gezerrt, was JBK an Einfallslosigkeit aber übertraf, als nicht wie versprochen das Publikum wählte, wer Deutschlands Beste seien, sondern die Präsenz der Prämierten im Studio.

Man könnte noch mehr aufzählen, viel mehr. Jene Fempics zum Beispiel, mit denen Frauen wie der Grundgesetzmutter Selbert oder der Chemikerin Immerwahr Filmdenkmale gesetzt werden sollen, die zu Zeugnissen pathetischer Ödnis gerieten. Man könnte sich den Privaten widmen, die ihren Hang zum dramaturgischen Durchfall mit von Knastarzt, Bachelorette und Henning Baum als Götz von Berlichingen (RTL) bis hin zu Hebammen, Schlikker-Frauen und Wayne Carpendale bei Deal or no Deal (Sat1) bewiesen. Man könnte sich aufregen über Pro7, wo Elton Millionäre wählen ließ, oder Vox, wo Schwarze unter Einsatz rassistischer Stereotypen zu Eisläufern trainiert wurden. Man könnte also permanent klagen – oder endlich zu den guten Nachrichten kommen.

Denn davon gab es auch 2014 genug. Etwa, dass man eine hirntote Serie wie „Fall für zwei“ mit frischem Personal beleben kann, was satirisch auch bei der Anstalt gelang. Oder dass Vox die fremdschamfreie Musikshow Sing my Song gelungen ist. Auch dass Dominik Graf seine Sehenswürdigkeit Die reichen Leichen im BR uraufgeführt hat. Und dass Krimi dank des Theater-Tatorts Im Schmerz geboren, ganz zu schweigen von Roeland Wiesnekker als Täter ohne Opfer in Mörderische Hitze doch überraschen kann. Wenngleich weniger als Francis Fulton-Smith. Wie Kai Wiesinger als Christian Wulff (Sat1) spielte er Franz-Josef Strauß in der Spiegel-Affäre so überzeugend, dass die Realität durch den Bildschirm blickte und sprach: Das bin ja ich!

Charly Hübner als überforderter DDR-Grenzer an der „Bornholmer Straße“, Matthias Brandt als viril scheiternder Präsidentschaftskandidat (Männertreu), Ulrich Tukur als pädophiler Odenwald-Direktor und ein grandioses ZDF-Ensemble im Entnazifizierungskammerspiel Zeugenhaus – sie alle machen Wirklichkeit fiktional so fühlbar, dass die Grenze zur Dokumentation verwischt.

Wenn auch nicht ganz. Dafür sorgte vor allem Arte, wie in der Reportage 24 Stunden Jerusalem, im Weltkriegspuzzle 14 Tagebücher oder im Summer oft the 90s mit Scooter als Moderator eines aberwitzigen Jahrzehnts. Auch die Muttersender zeigten da Bemerkenswertes. Doch so manch famoser Sachfilm à la Putins Spiele legte gleichsam ein Dilemma offen: Um die deutschen Medaillenträume nicht zu stören, lief die fabelhafte Demaskierung des olympischen Irrsinn von Sotschie zur Nacht. Ähnlich war es bei der Fußball-WM, wo die hyperpatriotischen Jubelperser vom schlichten Hasan Salihamidzic über die zappelige Britta Heidemann bis zur devoten Katrin Müller-Hohenstein belegten, dass es ARZDF nie um Sport, sondern bloß Party geht.

Wie gut, dass 2015 keine größere ansteht.

Anstehen tut dagegen der übliche ZDF-Event zum Jahresauftakt, in dem das biedere DDR-Bashing Tannbach ab Sonntag 270 quälende Minuten lang am deutschen Opfermythos bastelt. Mit der medizinischen Multikulti-Serie Sibel & Max könnte dem Zweiten dagegen tags zuvor endlich mal wieder Qualität am Vorabend gelingen. Und ab 20. Februar tritt Moritz Bleibtreu in Schirachs Schuld die würdige Nachfolge Josef Bierbichlers an. Noch was? Ach ja: Nico Hofmanns groß angekündigten Ost-West-Spionage-Achtteiler mit dem patriotischen Deppentitel Deutschland hat sich RTL gesichert, während das ZDF parallel zu Thomas Gottschalks Moderation von 50 Jahre Goldene Kamera am 27. Februar allen Ernstes über die Fortsetzung von Wetten, dass…? diskutiert. Bald darauf dann ermittelt in Nürnberg das 2863. Tatort-Team, ZDFkultur und EinsPlus wandern ins Internet, während der Ableger Neo seine erste Sitcom Im Knast produziert, gefolgt von einer Drama-Serie im US-Stil, die natürlich von der Originalquelle ansehnlicher sein dürfte, was das Breaking-Bad-Sequel Better Call Saul mit Walther Whites aberwitzigem Anwalt belegen dürfte. Bad news gewohnt zuletzt: Nachdem Amazon ab März die postapokalyptische Reihe The After im eigenen Videodienst verbreiten wird, übernimmt Netflix mit der Seriensuperpower des Marvel-Helden Daredevil die Weltherrschaft und sperrt alle Fernseher in dunkle Kellerlöcher. Frohes neues Fernsehjahr!

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