Schmunzel-Tatort: Tschirner & Ulmen

Super Vergleiche!

Am Weimarer Ermittler-Team scheiden sich die Tatort-Geister. Fans sehen in Nora Tschirner und Christian Ulmen die Rettung des vergreisenden Formats, Kritiker befürchten nachhaltige Verulkung. Fall zwei Der Irre Iwan steckt am Neujahrsabend irgendwo dazwischen – so wie man zwischen diesem Duo Infernale der Schlagfertigkeit steckt, wenn man sich auf ein Interview mit ihm einlässt. Und dann auch noch im Gehen vom Hotel zum Hamburger Hauptbahnhof…

freitagsmedien: Nora Tschirner und Christian Ulmen, zwei Kinostars aus der Fernsehnische wie sie machen öffentlich-rechtliches Abendprogramm. Das ist eigentlich nicht Ihr Biotop oder?

Nora Tschirner: Schon mal falsch. Unser Biotop ist Unterhaltung und als man uns versichert hat, es würde unterhaltsam, haben wir das nachgeprüft und zugesagt. Fertig. Außerdem kannten wir einen der Autoren.

Christian Ulmen: Ich kannte den, nicht du, Tschirner. Mal lieb bei den Fakten bleiben, ja!

Tschirner: Gut, nachdem Christian sich also für ihn verbürgt hatte, war ich auch dabei. Uns beiden ist nämlich völlig wurscht, wo was ist, also privat oder öffentlich-rechtlich. Nicht wurscht ist uns dagegen, was was ist.

Ulmen: Außerdem habe ich großartige Erfahrungen mit Öffentlich-Rechtlichen gemacht. Ob die nun groß sind, eher klein oder sogar Radio, ist da eigentlich egal, denn empfangbar sind die ja alle

Selbst der Tatort, der altgedienten Schauspielern einst als Preis fürs Lebenswerk verliehen wurde, nicht jüngeren in der Blüte ihrer Karriere?

Tschirner: Selbst der. Aber ernsthaft: Wenn du uns mal ansiehst und das, was wir bislang gemacht haben – hast du dann das Gefühl, wir hätten schon in der Schule getan, was wir cool finden oder erst mal alle anderen gefragt, ob die das cool finden?

Letzteres, ganz klar!

Ulmen (lacht): Hat er Recht.

Tschirner: Richtig. Deshalb haben wir uns erst mal von allen bestätigen lassen, wie lässig der Tatort ist und dann zugesagt.

Ist das denn überhaupt ein Tatort?

Ulmen: Selbstverständlich. Steht ja drauf.

Tschirner: Gegenfrage: was ist Tatort generell? Ich hab das Buch gelesen, fand es unterhaltsam, das war’s. Ob und wie wir das nun vorm Internationalen Etikettenschwindelgerichtshof durchkriegen, wird sich zeigen. Aber wir haben Top-Anwälte.

Ulmen: Nora sagt immer alles, was zu sagen ist. Da kann ich dann nur noch zustimmen. Für mich ist der Tatort nicht viel mehr als ein bekanntes Format mit einer noch bekannteren Titelmelodie.

Tschirner: Und die variieren wir darin zur Genüge. [geht bei Rot über die Ampel]: Kommt, das dürfen wir, wir sind bei der deutschen Fernsehpolizei.

War es bei dieser Hauptrollenbesetzung klar, dass es ein witziger Tatort werden würde?

Ulmen: Es gab vorher keine Spezifikation in ernst oder lustig; es gab nur eine Geschichte, die mal lustig ist und mal ernst, genau wie Noras und mein und wahrscheinlich auch Ihr Leben. Die Fette Hoppe ist abgesehen vom Titel kein Comedy-Tatort, sondern so, wie er ist.

Tschirner: Ich finde noch nicht mal, dass es ein sonderlich witziger ist. Er hat einen besonderen Tonfall, an dem man ihn vielleicht von anderen unterscheiden könnte.

In der Art des Tatort Münster.

Ulmen:  In unserer Art. Vergleichen hilft nicht immer, sondern verwirrt eher und wird niemandem gerecht. Außerdem habe ich bis zur Anfrage zu unserem Tatort lange keinen mehr gesehen. Nicht aus Desinteresse oder weil er nicht gefiele, sondern weil er irgendwie meiner Sehgewohnheit abhanden kam, als ich Mitte 20 war. Jetzt ist er wieder da! Heute lade ich mir alles runter, kaufe eine Menge, sehe viel, aber selten im laufenden Fernsehprogramm. Für Fiktion mag ich keine bestimmte Uhrzeit, die hole ich mir runter, wenn ich’s brauche. [Tschirner prustet] Nora, bitte, beachte deinen Humor!

Würden Sie sich eigentlich überhaupt als Humoristen bezeichnen?

Ulmen: Schwer zu sagen. [Ein Kind hält vor Ulmen an, blickt ihm in die Augen, sagt laut Mama und geht vorbei]

Tschirner: Das ist eine Humoristin. Hoffe ich, lieber Christian… Aber so ungern ich mich selber einordne, träfe es das wohl am ehesten; weil ich in diesem Fach am penibelsten, erfahrensten und, ja, am besten bin. Ich halte mich allgemein für eine gute Schauspielerin, aber Humor interessiert mich auch analytisch besonders. Deshalb mache ich das, seit ich vier bin.

Als Klassenclown?

Tschirner: Hab ich versucht, war aber schwierig und ging meist in die Hose. Bei meinem wichtigsten Karriereschritt war ich schon 16, da haben meine Cousins zum ersten Mal über einen Witz von mir gelacht.

Ulmen: War bei mir genauso.

Tschirner: Im Ernst?

Ulmen: Ja. Erst als Noras Cousins über meine Witze gelacht haben, wusste ich: du hast es geschafft.

Tschirner: Witzig. Aber für Frauen ist es vielleicht auch schwerer, mit Humor zu landen. Einfach, weil es so wenige davon gibt, die es wegen ihres Eitelkeitsstockes im Arsch überhaupt mal versuchen. Wir sind eben oftmals lieber niedlich, süß und duftend, als den Inhalt vors Äußere zu stellen, was von der Gesellschaft auch nach Kräften gefördert wird.

Ulmen: Wobei Nora ja nun wirklich niedlich, süß, duftend und dennoch witzig ist. Weibliche Figuren des Humors wie Cindy aus Marzahn oder Marlene Jaschke steigen dagegen sehr bewusst aus der Attraktivitätskiste, um in der männerdominierten Comedy nicht nach anderen Maßstäben bewertet zu werden.

Es gäbe da noch Martina Hill und Anke Engelke.

Ulmen: Stimmt. Aber das war’s dann.

Tschirner: Super Vergleiche, läuft gut für mich.

Läuft es auch im ernsten Fach oder ist das nach ein paar Jahren im Filmhumor irgendwann unbetretbar?

Tschirner: Das würde voraussetzen, dass es mich strategisch in ein „rein ernstes Fach“ zieht. Tut es aber nicht. Mich interessieren gute Drehbücher, und die sind bislang vorwiegend heiter. Komischerweise spiele ich in England und Spanien melancholischere Rollen. [zu Ulmen] Sag mal, liest du Zeitung?

Ulmen: [blättert beim Gehen in der FAZ] Überhaupt nicht.

Tschirner: Hah! Aber ehrlich: Für mich ist das alles eins, hat mit Timing, Tonfall, Ausdruck zu tun, und solange es nicht dieser typisch deutsche Klamauk ist…

Keinohrhasen zum Beispiel.

Tschirner: Moooment! Das war nicht nur Klamauk. Was ich meine, ist dieser Loriot-Humor, der seinen Witz ganz fein am Ernst des Lebens entlang sucht. Davon gibt es bei uns viel zu wenig, weil man hier glaubt, zwischen „alles komisch“ und „alles ernst“ müsse grundsätzlich entscheiden werden. Ziemlich beste Freunde wäre in Deutschland unmöglich. Filme, mit starken Opfern, sympathischen Fieslingen – alles schwierig. Aber Keinohrhasen ist z.B. nicht nur ulkig, da gibt es…

Ulmen: Da haben Sie jetzt ein Fass aufgemacht.

Tschirner: Nee… Ja… Hihihi. Aber ernsthaft – der hatte jawohl Facetten. 

Und ein gutes Drehbuch, was hierzulande als größter Mangel gilt. Spielen Sie im Tatort stur nach Vorlage oder ist vieles das, wonach es oft klingt: Improvisation?

Ulmen: Nein, nein – alles vom Blatt gespielt.

Tschirner: Ein gutes Skript inspiriert Schauspieler dazu, an den Schrauben zu drehen. Diesen Vorgang „Improvisation“ zu nennen ginge zu weit.

Ulmen: Aber sie ist schon dabei; in den Stellproben ist da einiges entstanden.

Tschirner: Aber das sind Weiterentwicklungen.

Ulmen: Keine echten Veränderungen.

Wenn man Ihnen so zuhört, scheinen Sie sich nicht nur ewig zu kennen, sondern auch blind miteinander zu funktionieren.

Tschirner: Deshalb kommunizieren wir auch absolut ausgewogen und lassen einander gleichermaßen zu Wort kommen. [Ulmen dreht sich lachend weg] Was?!

Ulmen: Wir können das Timing des anderen gut einschätzen und sagen uns offen, wenn etwas zu ändern ist.

Tschirner: Und wir haben eine große Humorkongruenz.

Ulmen: Humor… was?

Tschirner: Neulich waren wir zum Beispiel gemeinsam bei Dalli Dalli und haben uns die ganze Zeit beeiert. [zu Ulmen] Nee, jetzt geht der auch noch telefonieren. Christian! Wir haben jetzt allerdings keine klassische Freundschaft, eher eine sporadische, dann aber intensive Verbindung, die schon mal zu ewigen SMS-Dialogen führt oder stundenlangen Gesprächen im Wohnwagen, wenn uns irgendwelche Dreharbeiten zusammenschmeißen. Aber wir gehen nicht ständig abends einen trinken und wälzen Probleme.

Sie haben also nicht gleich um ein Gespräch gebeten, wie bescheuert es für vernunftbegabte Wesen ist, für den Regenwaldabholzer McDonalds Werbung zu machen?

Tschirner: Na, zum Glück kommt Christian bis jetzt ganz gut ohne Mutti-Einmischungen von mir über die Runden. [Wieder Richtung Ulmen] Jetzt könnte er mal auflegen oder? Ey, hier ist grad Termin, kein Privatleben.

Das Sie beide im Übrigen sehr gekonnt vor den einschlägigen Medien verbergen.

Tschirner: Ja.

Ist das ein Kampf.

Tschirner: Kampf klingt, als würde man ständig in Kriegsbemalung rumlaufen. Ich betrachte es eher als Sport, manchmal erschöpfend, aber ich bin darin mittlerweile so gut, dass ich easy alle Flanken in den Strafraum Volley abwehre. Deshalb merken langsam selbst die dümmsten Boulevardmedien, dass mit der Tschirner nix läuft. Und wenn sie es doch versuchen, was ich grundsätzlich legitim finde, hab ich halt meine 200.000 Antworten parat.

Ulmen: [kommt zurück] Und das, wo sie so introvertiert ist.

Haben Sie eine generelle Berührungsangst zum Boulevard?

Tschirner: Er hat seine Daseinsberechtigung, aber es gibt Unterschiede im Tonfall, weshalb ich mit Redaktionen ungern rede, sobald sie zur Häme neigen. Häme kann ich nicht ab.

Ulmen: Wer ungefragt fotografiert und intime Momente veröffentlicht, ist ein Sausack und gehört verklagt. Es gibt aber auch Boulevard-Geschichten, die Stil haben und sehr gut unterhalten.

Tschirner: Blöd nur, dass man ihm nicht den kleinsten Finger reichen darf.

Ulmen: Das Absurde juristische Argument geht so: Wer einmal irgendwo in einem Interview eine Bemerkung aus dem Privatleben fallen lässt, der habe seine Intimsphäre zum öffentlichen Interesse gemacht und müsse fortan in kauf nehmen, dass  in seinem Privatleben recherchiert und fotografiert würde. Das führt dazu, dass man sich permanent auf die Zunge beißt und tolle, passende Anekdoten aus dem Kinderzimmer zurückhält. Bislang habe ich nicht mal das Geschlecht meines zweiten Kindes verraten. Das nervt. Ich möchte selber entscheiden dürfen, was ich öffentlich mache und was nicht. Wenn du auf einer Gartenparty deinen Nachbarn von deinen Hämorriden erzählst, haben die ja auch nicht das Recht, dir fortan in den Hintern zu fotografieren. Ich würde manchmal gern mehr erzählen.

Zum Beispiel, ob Sie sich schon mal geküsst haben.

Tschirner: Haben wir. Filmisch. Wild rumgeknutscht sogar, in FC Venus.

Ulmen: So, das war’s. Schluss mit den Intimitäten. Und wenn Sie mehr über meine Rolle als Regenwaldabholzer wissen mögen, so sprechen Sie mich nächstes Mal einfach drauf an, so als vernunftbegabtes Wesen und mutiger Journalist.

Sie haben ja ständig telefoniert, als die Frage kam.

Ulmen: Trotzdem entstünde da vielleicht sogar ein Dialog. Jetzt müssen wir aber auch erstmal wieder los. Bis andermal!

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