Reportage: Früherer Schulbeginn in Hamburg

Arme Nachtigall

Seit Jahren schon fordern Schüler, Eltern, Lehrer, ja selbst Poltik und Wissenschaft einen späteren Unterrichtsbeginn. Als eine der ersten Schulen in Deutschland probiert es das Gymnasium Marienthal im Hamburger Mischbezirk Wandsbek gerade aus – und schwärmt trotz guter Gegenargumente vom Resultat.

Von Jan Freitag

Schule, so weit die Theorie, ist ein Hort des Lernens, der Bildung, von Wissen und Gemeinschaft. Erst hier wird der Mensch zum Menschen. In der Praxis hingegen wird er vorab zum Zombie. Zumindest frühmorgens, so gegen sieben, halb acht, wenn die ersten Bildungsmenschen ausgemergelt das Anstaltsgelände füllen. Man muss gar keine eigenen Kinder im frühaufstehpflichtigen Alter haben, es reicht völlig aus, sich an die eigene Schulzeit erinnern, um dieses Gefühl wachzurufen: Wenn das Weckerklingeln wie Kreissägen in todmüden Ohren schmerzt. Wenn nach der letzten Wende im Kissen die Mutter ruft, erst nett, dann laut, zum Schluss physisch verstärkt: Decke hoch, jetzt aber mal raus aus den Federn, Mathe-Arbeit um acht, wird’s bald?

Jahrzehnte, ach: Jahrhunderte begann landauf landab so der Schultag: müde Augen, miese Laune, reichlich Frust. Schüler, Eltern, Lehrer, Schlaf- wie Bildungsforscher, ja selbst die prinzipientreue Politik – längst mögen sie alle den unzeitgemäßen Beginn an deutschen Schulen beklagen: Unterricht ab acht Uhr gilt seit Rohrstockzeiten als unantastbar. Kein Wunder, dass die ersten Hamburger Schulen nun selbst Hand an den Stundenplan legen. Zum Beispiel in Marienthal.

Seit Sommer beginnt der Tag am dortigen Gymnasium 30 Minuten später. Unterrichtet wird im Nordosten nun erst ab halb neun. Und das, schwärmt Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer ausgeschlafen, „finden hier eigentlich alle genial“. Dabei ist die neue Anstoßzeit bloß Teil eines Gesamtkonzeptes, mit dem die Ganztagsschule im Rahmen der G8-Debatte umstrukturiert wird. Spätbetreuung, Themenverdichtung, Nachbereitung, Fächerreduzierung – in einem zweijährigen Diskussionsprozess aller Beteiligten sei vieles auf den Tisch gekommen, „was Stress rausnimmt“, wie es die Direktorin ausdrückt. „Doch den Kindern“, fügt sie lachend hinzu, „war natürlich besonders der spätere Unterrichtsbeginn wichtig.“ Da kann Alina Limniatis nur zustimmen. Weil die 17-Jährige und ihre Mitschüler „wacher sind und aktiver in den Alltag starten“, erzählt die Schülersprecherin aus der Praxis, „ist die Stimmung im Klassenraum deutlich besser“. Das bestätigt auch Sabine Fiegen. Die örtliche Elternratsvorsitzende verweist jedoch darauf, dass sich „wie alle Neuerungen auch dieses Projekt im Laufe der Zeit erst beweisen“ müsse.

Zurzeit läuft am Gymnasium im Mischbezirk Wandsbek – das Hamburgs Schulindex KESS etwas näher an Brennpunkt als Ponyhof einstuft – die Evaluation. Schon jetzt, betont Christiane von Schachtmeyer, reiche allerding ein kurzer Blick in die Gesichter am Morgen. „Wie gut der Biorhythmus mit dem späteren Termin zurechtkommt, sieht man sofort.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bei der neuen Taktung daher nur die Nebenrolle gespielt. Außer Acht lassen kann man sie indes nicht, das weiß auch die Lehrerin für sozialwissenschaftliche Fächer wie Deutsch und PGW.

Ungewolltes Frühaufstehen, darüber herrscht unter Bildungsexperten ebenso Konsens wie unter Entwicklungspsychologen oder Schlafforschern, schadet der schulischen Leistung enorm. Und nicht nur ihr. Konzentrationsmängel, Wachstumsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression – zu wenig Schlaf ist gerade für ruhebedürftige Teenager nicht nur tägliches Ärgernis, sondern echtes Risiko. Vor allem Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie an der Uni Regensburg, trommelt unermüdlich für mehr Rücksichtnahme auf Teenager, deren Pubertät zuweilen sedierender auf den Kreislauf wirkt als Beruhigungsmittel. Acht Stunden sollte ihr Schlaf währen, eine mehr als bei Erwachsenen. Nur: dem steht oft das nächtliche Verhalten Jugendlicher im Wege, die nach der Grundschule zusehends von aufgeweckten Singvögeln zu nachtaktiven Eulen mutieren.

Während Neunjährige nach Erkenntnissen der Verhaltensforscherin Stephanie Crowley von der Rush University Chicago um 21.30 Uhr zu Bett gehen und neun Stunden später erwachen, rückt der Zeitpunkt am Abend alle zwei, drei Jahre eine halbe Stunde vor, ohne morgens kompensiert zu werden. Mit 17 geht das Licht dann nach elf aus, zu spät, um gemeinsam mit dem deutschen Durchschnitt gegen 6.16 Uhr fit in den Arbeitstag zu starten.

Weil die Bereitschaft zum Normverhalten gerade im Rebellionsalter sinkt, weil das Gehirn überdies tagsüber erworbenes Wissen im Tiefschlaf Richtung Langzeitgedächtnis verschiebt, weil Schlafmangel also letztlich „krank, dumm und dick machen“ könne, schlägt Zulley den Marienthaler Lernbeginn als Standard vor. Recht geben ihm diverse US-Studien, deren Schulprobanden dank verlängerter Nachtruhe aufnahmefähiger waren, seltener blau machten und nur in Ausnahmefällen später einschliefen. 8.30 Uhr sei daher keinesfalls das Ende der Weckanzeige, meint Jürgen Zulley und plädiert für die Neun.

Und damit zählt er noch nicht mal zu den radikaleren Stimmen. Der Frankfurter Neurobiologe Peter Spork zum Beispiel geht in seinem viel beachteten Buch „Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ zumindest für die Oberstufe noch eine Stunde weiter und weiß sich im Einklang mit skandinavischen Modellen, die sogar individuelle Gleitzeit erproben. Bildungspolitiker sind da naturgemäß weniger radikal. Doch auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe wirbt – zumindest ab Klasse 7 – für 8.45 Uhr. Während Berlins Schüler mindestens eine Dreiviertelstunde früher zum Unterricht müssen, überlässt Hamburg die Entscheidung allein den Konferenzen der 310 staatlichen Allgemeinschulen. Die Autonomie geht so weit, dass die Schulbehörde nicht den blassesten Schimmer hat, welche Schulen ihren Unterreicht bereits verschoben haben. Rabes Rat bleibt also eine reine Empfehlung. Trotzdem zeugt sie vom veränderten Klima einer Debatte, die erst seit kurzem frischer Wind durchweht. Von beiden Seiten.

Schließlich gibt es keinesfalls nur gute Argumente für Langschläfer. Auch Frühaufsteher haben welche, und sie kommen nicht nur von Traditionalisten. Am Berliner John-Lennon-Gymnasium etwa hat vor vier Jahren die Mehrheit der Schüler gegen späteres Lernen votiert, also für mehr Nachmittagsfreizeit. Und wie sein Dienstherr würde Hamburgs Schulbehördensprecher Peter Albrecht den ersten Gong für Teenager zwar ebenfalls erst kurz vor neun läuten lassen. Zum Ausgleich müsse aber jede Schule für Kinder berufstätiger Eltern mit frühem Dienstbeginn „eine Betreuung vor Unterrichtsbeginn sicherstellen“. Das fordert auch der Bildungsforscher Manfred Pretzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie, die einen messbaren Zusammenhang zwischen ausreichendem Schlaf und erfolgreichem Lernen konstatiert.

Doch da kann ihn Christiane von Schachtmeyer beruhigen. Die Marienthaler Direktorin bietet einen Frühdienst inklusive kostenlosem Frühstück zur gewohnten Zeit vor acht an. Derzeit nutzen ihn rund 30 Kinder. Zudem sei die halbe Stunde Extraschlaf ein sorgsam austarierter „Kompromiss zwischen Psychologie und Realitätssinn“: Lang genug, um im dunklen Winter bei Tageslicht zur Schule zu gehen, kurz genug, um „Platz zum Stauchen“ des Stundenplans zu lassen, wie sie es nennt.

Statt den Unterricht zulasten des freien Nachmittags en bloc zu verschieben wurde die Mittagspause von 75 auf 60 Minuten gekürzt und der Blockunterricht verdichtet. Auch da gab es zwar Einwände von Lehrer-, Eltern-, Schülerseite, erinnert sich die Verantwortliche an den langwierigen Aushandlungsprozess; problematisch sei etwa der Nahverkehr, dessen Fahrplan nicht ebenfalls, wie die Umstrukturierung in schönstem Konsensdeutsch heißt, „kindgerecht rhythmisiert“ wurde. Anders als in Flächenländern wie Baden-Württemberg, wo zum hergottsfrühen Beginn oft ewige Anreisen hinzukommen, ist das jedoch selbst in den Randbezirken des urbanen Raums ein lösbares Problem.

Und so überwiegt im Gymnasium Marienthal, das wegen seines chinesischen Sprachangebots auch entlegene Schüler anlockt, die Freude über 30 symbolische Minuten mehr Zeit, die nicht nur psychologisch nutzen, sondern ganz real. Selbst Christiane von Schachtmeyer genieße es trotz ihrer 52 Jahre „wie ein Teenager, morgens länger für mich zu haben“. Allerdings ist sie sich nun des Neids ihrer Tochter gewiss. Im nahen Schleswig-Holstein beginnt deren Unterricht eine Dreiviertelstunde früher. Arme Nachtigall.

Der Artikel ist vorab bei Zeit:Hamburg erschienen

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