Heinz Werner Hübner: Holocaust & Fernsehen

Das war ein Psychoschock

Heinz Werner Hübner dürfte selbst eingefleischten Antifas unbekannt sein. Dabei hat er wohl mehr für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus getan, als sämtliche Politiker seiner Epoche: 1979 brachte der frühere WDR-Programmdirektor – gegen den erbitterten Widerstand seines bayerischen Kollegen Helmut Oeller – die US-Serie Holocaust ins deutsche Fernsehen und löste eine heilsame Debatte übers deutsche Menschheitsverbrechen aus. Zum 70. Jahrestag der Auschwitzbefreiung, an die ARD und ZDF mit umfangreichen Schwerpunkten erinnert, dokumentieren freitagsmedien ein Interview mit dem verstorbenen Importeur eines bis dato unbekannten Begriffs.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübner, Hand aufs Herz – kannten Sie im Sommer 1978  bereits das Wort „Holocaust“?

Heinz Werner Hübner: Nein, der Begriff ist in Deutschland erst durch die Serie aufgetaucht. Vorher war er nur einer Minderheit bekannt, zu der ich damals offenbar noch nicht gehörte.

Nach der Ausstrahlung von Marvin J. Chomskys epochaler Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im darauffolgenden Januar kannte ihn dann das ganze Land und hat darüber ausgiebig diskutiert. War Ihnen im Vorfeld bewusst, welche Macht das Fernsehen hat?

Dass es Einfluss auf die Meinungsbildung hatte, war klar. Aber nicht im Zusammenhang mit dem Holocaust.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit sogar eine Finanzdebatte im Bundestag unterbrochen.

Also damit war überhaupt nicht zu rechnen. Die Vorgeschichte ist ja so, dass die Serie schon in etlichen europäischen Ländern gelaufen ist. Es gab eine Diskussion, ob sie hier gesendet werden soll. Ich sagte, wenn wir es kaufen, haben wir eine große Diskussion, und wenn nicht, auch. Ein Rückzug war gar nicht mehr drin.

War das auch eine erzieherische Maßnahme?

Überhaupt nicht. Die Sender hatten Dutzende von Büchern und Schicksalen verfilmt. Dass das Thema zwischen 1950 und 1979 keine Rolle in den Medien gespielt hat, ist einfach falsch. Es gibt eine Parallele: als hätte es vor Günter Grass und der Gustloff keine Vertriebenendebatte gegeben. Das ist eine Wellenbewegung: Alle 25 Jahre entdecken die Menschen ein Thema und tun so, als sei es vorher nie erörtert worden.

Dennoch: Holocaust bewegte die Menschen mehr als alles zu diesem Thema zuvor. Wieso ausgerechnet dieser amerikanische Typ Spielfilm?

Das war vielleicht doch ein Psychoschock. Er hat angerührt und vor allem den Jüngeren klar gemacht, was wirklich passiert ist. Die ältere Generation, das ist kein Geheimnis, hat mit ihren Kindern nicht darüber gesprochen.

Erinnern Sie sich noch an die Debatte der Rundfunkanstalten?

Natürlich. Auf einer Tagung in Bremen ging es für die Programmdirektoren der neun Sender um den Sendeplatz, und Fernsehspielzeit war Mittwochabend. Dafür hatte ich eine Mehrheit von 5:4.

Dagegen war vor allem BR-Programmchef Helmut Oeller,

Genau. Und ich wollte niemanden vergewaltigen. Da kam mir der Einfall: wir senden es in den Dritten, aber innerhalb einer Woche. Mit Ausnahme Oellers waren alle dafür. Es gab danach eine Menge Kritik, die heftigste von der Welt, die am Tag vor der Ausstrahlung forderte, dass ich dieses Machwerk aus meiner Tasche bezahlen müsste. Oder so absurde, in England habe jemand einen Herzinfarkt bekommen, man könne das also den Menschen nicht zumuten.

War der Sendeplatz der kleinste gemeinsame Nenner, damit der BR nicht, wie von Oeller angedroht, aus dem Sendeverbund aussteigt?

Na ja, das hatte er schon oft getan. Also acht zu eins – da hätte der BR schon aussteigen können.

Wovor hatte er solche Angst?

Konservatives Unbehagen, möchte ich es mal nennen. Weil sie nicht genau wussten, wie es ankommt. Deutschland wurde total verunglimpft, einer dieser Anti-Nazi-Filme, wo Deutsche immer Unholde mit Hakenkreuz sind.

Dabei wurde den Zuschauern eine erschütternde, aber historisch holprige Familiensaga geboten, mit Hollywood-Pathos, relativ netten Nazis und wohlgenährten KZ-Häftlingen.

Ein filmisches Meisterwerk ist Holocaust sicher nicht.

Aber das Maximum des Zumutbaren.

Das halte ich für überspitzt. Die Mehrheit des Publikums wollte wie heute einfach nur unterhalten werden.

Ephraim Kishon hat damals gesagt, wer an der Serie Holocaust Kritik übe, sei verdächtig, weil er „den Antisemitismus wachruft“.

Auch das halte ich für überspitzt.

Also waren nicht alle Kritiker verkappte Antisemiten?

Das muss man die einzelnen Kritiker fragen. Der Erfolg jedenfalls war die Resonanz, zumal die dritten Programme nur minimal wahr genommen wurden. Hinterher gab es ja die Diskussionssendung mit einem Zuschaueranteil von bis zu 30 Prozent.

In den Anrufen und in Zuschriften fielen Begriffe wie Rotfunk, Volksmord oder Brunnenvergiftung.

Es gab zwar Beschimpfungen und Morddrohungen, aber das war der Bodensatz von fünf bis vielleicht sieben Prozent. Die Mehrzahl sagte, sie hätte zum ersten Mal begriffen, was damals überhaupt geschehen ist. Viel kam auch von Betroffenen, von Nachkommen, auch früherer SS-Angehöriger. Der kleine Rest waren Altnazis.

Bald nach der Serie gründete das ZDF seine Redaktion für Zeitgeschichte unter Guido Knopp. Was halten Sie von seiner Form des Historytainments maximaler Emotionalisierung des Themas und Delegierung der deutschen Schuld auf Führungscliquen, die in spätestens Ende der Neunzigerjahre State of the Art des deutschen Fernsehens wurde?

Über Knopp will ich mich nicht auslassen. Diese Geschichtsklitterung mit der Masche, einzelne Schnipsel aneinander zu reihen, finde ich nicht gut und guck ich mir das nicht an.

Das Prinzip Knopp arbeitet eher ausgleichend auf und versieht deutsche Verbrechen gern mit Verweisen auf die der Gegner. Wären die Wogen 1979 so glatter geblieben?

Das glaube ich nicht. Und wir haben ja auch deutsche Geschichten gezeigt. Aber als der WDR plante, Dokumentationen über deutsche Städte im Bombenkrieg zu machen, haben wir das aufgegeben. Wissen Sie: die haben ja alle dasselbe erlebt und sagen alle dasselbe. Aus unserer Sicht brachte das nichts.

Gäbe es heute noch ein Format, mit der man Aufsehen erregen könnte wie 1979 mit Holocaust?

Kaum. Sie würden nie diese Zuschauerzahlen erreichen. Fernsehen war damals ein Erlebnis. Heute erreichen Sie mit Dokumentationen nicht mehr viele. Das ist das Wesen der Spaßgesellschaft. Sie fesseln damit nicht mehr die Nation.

Schauen Sie etwas wehmütig auf die Spielräume von damals?

Nein. Dafür sind die Möglichkeiten von heute, Fernsehen zu machen, so viel größer. Die Welt entwickelt sich, also was soll’s.

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