Comebackfriday: Sleater Kinney

Modern Grrrls

Wer in die Mottenkiste des Pop greift, findet schnell Begriffe, die schon beim bloßen Berühren aus jedem Buchstaben stauben. Weltmusik oder Liedermacher zum Beispiel. Grunge und natürlich Riot Grrrls, so kurz deren Zeit auch her sein mag. Vor kaum einem Vierteljahrhundert hatten die knurrenden Mädchen mit den krachenden Gitarren an der Seite melodramatischer Jungs mit Karohemden ihr Coming Out als Projektionsflächen politischer Aspekte des Rock. Dessen Bühnen waren noch männlich dominiert und Frauen nur laszives Beiwerk, während maskulin konnotierte Konfliktlösungsmodelle ihren Ausdruck in kernigem Camouflagelook fanden und weibliche Beine in absurden Leggings mit Blumenmuster… Moment – das war ja gar nicht die Mottenkiste.

Das ist die Gegenwart!

Sie erinnert wie so manche Gegenwart verteufelt an vorhergehende Gegenwarten mit allem was dazu gehört – auch wenn es andere Namen trägt, kosmopolitischere zumeist. Ethnopop oder Neofolk zum Beispiel, Alternative und, tja, Riot Grrrls? Wer in die Mottenkiste des Pop greift, findet dafür zwar keinen frischeren Begriff, aber eine alte Band, die dem angestaubten Vokabular neue Bedeutung verleiht. Sie heißt Sleater Kinney, ihr aktuelles Album No Cities To Love, gemeinsam bitten beide zu einer Retrospektive ins Jahr 1994, das scheinbar niemals endet. Damals schleuderte die dritte Welle des Feminismus den selbstgerechten Herren der Schöpfung vor ihren übermannshohen Verstärkertürmen eine spezifisch weibliche Version des Lärms entgegen und tat das nicht mit den Mitteln der Männer, sondern gewissermaßen feminin. Die Bühne wurde zum barrierefreien Ort, das Publikum zu gleichberechtigen Teilnehmern, statt folgsamen Konsumenten, gern mit -innen versehen, dank partiellem Ausschluss männlicher Gäste allerdings ohne gender gap dazwischen.

Babes in Toyland, Bikini Kill, L7 heizten den Hallen mit konzertantem Aberwitz ein, dessen Regelbrüche von geschlechterspezifischer Decodierung über disharmonischen Dekonstruktivismus bis hin zu pornografischer Überzeichnung reichten. Und ab Mitte der Neunziger mittendrin, vorneweg, stilbildend: Sleater Kinney aus Olympia im äußersten Nordwesteck der USA. Sie perfektionierten den bewusst dilettantischen Rotz vieler Mitstreiterinnen zu einer Art Exzellenz, ohne das instrumentelle Masturbieren männlicher Vorbilder zu kopieren. Corin Tucker, Carrie Brownstein und Janet Weiss waren damals wie heute ja nicht nur rebellische Mädchen mit gewetzten Zähnen über zerrissenen Negligees, sondern ausgezeichnete Musikerinnen und noch wichtiger: der Bereitschaft, das auch allen zu zeigen. Nun also zeigen sie es wieder. Mit Tuckers facettenreichem Operntremolo, Brownsteins verzwicktem Gitarrengewitter, vor allem aber mit Weiss‘ diffizil-präzisem Schlagzeug, das manch Kenner zum pointiertesten im gesamten Hardcorefach erklärt.

Als sei zwischen dem vorigen und dem achten Album kein volles Jahrzehnt verstrichen, legen Sleater Kinney mit ihrer verschachtelten Mixtur wiederstreitender und doch melodischer Bausteine ihres symphonischen Rocks los, als stünden da nicht Mittvierzigerinnen, sondern Zeitreisende im Studio. Das kapitalismuskritische Price Tag zu Beginn, in dem jede Silbe, jedes Riff, jeder Trommelschlag wie linke Geraden aufs Konsumverhalten eindrischt. Das anschließende Fangless mit seiner Ambivalenz aus Schwachstellenbeschreibung und Kampfansage, das den Bass wie gewohnt durch synthetisierte Wave-Gitarren kompensiert. Mehr aber noch A New Wave in der Mitte, dessen geschmeidiger Doppelgesang immer wieder durch kakophonisches Geschredder kontrastiert wird und inhaltlich die Frage offen lässt, ob es hier um Liebe oder das Große Ganze geht, was eine einzige winzige Zeile zum Ausdruck bringt wie ein Glaubensbekenntnis: Die to prove we ever lived this / Invent our own kind of obscurity. So lautet ihre Kernkompetenz, seit Sleater Kinney aus dem Dunkel ans Licht kamen: Auch 2015 bleibt das Trio lieber vage als konkret. Wie 1994 mögen die Texte von Fight’s over, but I’ll fight on-Parolen und Power geprägt sein; ihre Metaebene bleibt so diffus, dass unzweideutiges Kampfvokabular wie Sexismus an keiner Stelle durchdekliniert werden muss, um die Grrrls-Haltung gegenwartstauglich zu machen. Präsenz überwiegt Botschaft – heute vielleicht mehr noch als damals.

In einer Zeit, wo ungeachtet aller Emanzipation neun von zehn wahrnehmbaren Rockbands allenfalls am Bass Frauen (er)dulden, deren bevorzugte Körperhaltung beim sexualisierten R’n’B’n’HipHop nebenan an Paarungsbereitschaft oder Freiluftkacken erinnert, sind selbstbestimmte Frauen mehr denn je vonnöten. Seismographen wie Tucker, Brownstein und Weiss, die wieder zehn brachiale Stücke zwischen die geöffneten Schenkel ihrer Branche treten und dabei, so legitim dies auch ist, nicht wie Butches alle Geschlechterdifferenzen negieren, gar umdrehen, sondern dem Slogan der Revolution Girl Style Now! eine eigene Zeichensprache abseits von Abschottung und Anpassung entgegensetzen. No Cities To Love mag dem Werk von Sleater Kinney dramaturgisch keine neue Note hinzufügen, aber eine der Beharrlichkeit. Vorgetragen in einer Virtuosität, die manchmal niederknien lässt – aber nur, um zum nächsten Sprung anzusetzen. I want an anthem / A regular anthem / An answer and a force, singt Tucker, To feel rhythm in silence / A weapon not violence / A power, power source. Das wollen wir auch.

Sleater Kinney – No Cities To Love (Sub Pop); mehr Bilder, Sound & Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/sleater-kinney-no-cities-to-love

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s