Moritz Bleibtreu: Anwalt & Gangster

IMG_20141215_163139Eben nicht, Digger!

Moritz Bleibtreu zählt zu den profiliertesten Schauspielern im Land, die auch international längst gut gebucht sind. Obwohl und gerade, weil er dem Fernsehen vor fast 20 Jahren den Rücken gekehrt hat, um nur noch Kino zu machen. Meist mit besten Kritiken, selten mit kommerziellem Erfolg. Auch aus diesem Grund kehrt er nun an den Bildschirm zurück – als Anwalt in der Filmreihe Schuld (ab Freitag, 21.15 Uhr, vorab in der Mediathek), mit das ZDF nach Verbrechen abermals die absurden Justizfälle des literarischen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach verfilmt. Ein Gespräch mit dem 43-jährigen Hamburger über den Mörder in uns allen, was ihn an diesem Rollentypus besonders interessiert und warum seine Rückkehr ins Fernsehen eigentlich zu spät ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Moritz Bleibtreu, die Serie Schuld handelt unter anderem davon, dass wir alle zum Bösen fähig sind. Steckt wirklich in jedem von uns ein Mörder?

Moritz Bleibtreu: Klar, jeder Mensch handelt hier und da aus niederen Beweggründen. Wer Hunger hat, wird schnell sauer, wer sich betrogen fühlt, noch schneller, und wenn man dazu eine halbe Flasche Whisky getrunken hat, wächst die Wahrscheinlichkeit zu Taten, zu denen man sich eigentlich nicht in der Lage glaubt. Und nicht zuletzt wegen ihrer Skrupellosigkeit haben die Bösen weit größere Kraft, sich durchzusetzen. Deshalb ist negative Energie erstmal stärker als positive.

Sieht ihr das Krimipublikum deshalb so gerne zu?

Vermutlich. Weil normale Bürger am meisten fasziniert, was sie sich selbst nicht trauen, beobachten sie gern Menschen, die sich ihre eigenen Normen, Werte, Regeln basteln und durchsetzen. Deshalb ist es ja so toll, dass mein Beruf mir die Möglichkeit gibt, all dies ohne Reue zu tun. Als Schauspieler kannst du in andere Personen schlüpfen und auf Leute schießen, Frauen verführen, Dinge zerstören, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir können die Illusion erzeugen, Vorschriften jeder Art zu missachten. Das ist fürs Publikum verlockend.

Wenn man sich Filme von Knockin‘ on Heaven’s Door über Chico bis Soul Kitchen ansieht, scheint es für Sie mindestens genauso verlockend zu sein.

In der Tat. Trotzdem vergleiche ich meinen Job da mit dem des Musikers. Wenn der zum Beispiel Rock oder Pop macht, gelangt er darin nie zu wahrer Größe, wenn er sich nicht auch mit Klassik und Soul beschäftigt und umgekehrt. Deshalb sind Gangster nur eine Facette meiner Arbeit, wenngleich eine interessante.

Aber ist es nicht interessanter, Extreme aus einer gewöhnlichen Figur zu ziehen?

Deshalb finde ich den Anwalt in „Schuld“ ja so interessant. Er hat keinen Hintergrund, kaum Privatleben und noch nicht mal eine echte Entwicklung durch. Auch in der Serie haben andere Figuren mehr von dem, was wir Schmalz oder Futter nennen: emotionale Abgründe, biografische Brüche. Ihnen dient Friedrich Kronberg als eine Art Conferencier und macht sie durch seine Augen sichtbar. Manche Kollegen würden das vielleicht langweilig nennen; ich finde gerade diese Zurückhaltung so cool. Einerseits, weil ich sonst eher laute Typen spiele. Andererseits weil es äußerst reizvoll ist, einer Figur Substanz zu verleihen, die dafür so wenig dramaturgische Anhaltspunkte liefert. Dass sie mit all dem Wahnsinn und Leid konfrontiert wird, bringe ich durch große Distanz und Selbstkontrolle zum Ausdruck.

Sein permanentes Rauchen dagegen lässt auf weniger Selbstkontrolle schließen…

Oberflächlich schon. Tiefer betrachtet ist diese dauernde Rauchwolke um ihn herum eine Art Schutzschild, durch das man zu ihm vordringen muss. Und wenn die Zuschauer das in sechs Folgen ein wenig schaffen, wenn ich also klassische Musik spiele und unterschwellig ein bisschen Rock’n‘Roll einfließen lasse, hab ich meine Sache gut gemacht. Ich vergleiche das mal mit Gilbert Grape

Dieses Drama mit Johnny Depp als Bruder des behinderten Leonardo di Caprio.

Genau. Alle haben sich zu Recht gefragt, warum di Caprio dafür keinen Oscar gekriegt hat. Aber wie Johnny Depp agiert und ganz unauffällige Dinge sagt wie „Der Himmel ist groß“ – das war zwar reine Unterstützungsarbeit, aber genauso grandios. Deshalb kann ich mich für minutiöse Performances ohne viel Aufwand so begeistern. Bei der ging es auch in „Schuld“, das erinnert an die großen Franzosen des Film Noir – Jean Gabin, Lino Ventura.

Was unterscheidet diesen inhaltlich von herkömmlichen Krimis?

True life will always beat fiction. Auch wenn die konkreten Fälle nur aus anderen zusammengesetzt sind, spürst du sofort den wahrhaftigen Kern. Es gibt halt Geschichten, die kannst du dir nicht ausdenken – egal, was für ein famoser Autor du bist.

Ist die Reihe demnach ein Indiz, dass das viel gescholtene deutsche Serienfernsehen ein wenig gegenüber dem angloamerikanischen und skandinavischen aufholt?

Könnte schon sein, aber der Zug ist schon lange abgefahren. „Die Sopranos“, mit denen das lineare Erzählen seinen Anfang nahm, sind schließlich 15 Jahre her. Dass wir da jetzt noch Anschluss halten wollen, grenzt eher an Torschlusspanik als Veränderungswillen. Der Fortschritt ist schließlich mit dem Schachbrett zu vergleichen, auf das man erst zwei Reiskörner legt, dann vier, dann acht und immer so weiter. International bewegen sich Unterhaltungsmedien da auf die letzten Felder zu, während  Deutschland ganz am Anfang steht. Aber selbst, wenn wir aufholen, wird das alte System mit Sender, Verleihern, Studios bald nicht mehr bestehen. House of Cards etwa ist schon gar keine TV-Serie mehr, weil die Mechanismen des Streamings völlig andere sind.

Wobei die Serie in Deutschland ja noch bei Sky gezeigt wurde…

Und hinterher sogar noch bei Sat1. Aber kennen Sie die Quote? Desaster! Breaking Bad ist eine der besten Serien aller Zeiten, war aber auf dem eigenen Sender ein Flop und hat es dank des Netzes dennoch zum Welterfolg gebracht. Hierzulande haben wir das Beispiel Christian Ulmen: Mein neuer Freund oder Dr. Psycho wären ewig fortgesetzt und gefeiert worden, wenn Youtube damals schon so groß gewesen wäre wie jetzt. Weil gutes Fernsehen da, wofür es produziert wurde, keine Zuschauer mehr hat, und da, wo es akzeptiert wird, kaum Umsätze erzielt, ist weniger denn je absehbar, wohin die Reise in Zukunft geht.

Aber die Menschen wollen sich doch weiter Geschichten erzählen lassen!

Auf jeden Fall. Nur anders. Und vor allem anderswo.

Was bedeutet das für die Schauspieler?

Nicht unbedingt nur Schlechtes. Das Kino zum Beispiel, so sehr ich es nach wie vor liebe, hat viel seiner sozialen Relevanz eingebüßt. Und damit meine ich gar nicht die politische Bedeutung aufklärender Filme, sondern dass sich Teenager darin nicht mehr zum Knutschen treffen oder Familien rings um den Hauptfilm den Nachmittag in der Stadt verbringen. Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen; früher war definitiv wenig besser, besonders vor 60 Jahren und mehr, aber ich sehe das schon mit Wehmut. Auch wenn das Kino als Raum fürs Erzählen erhalten bleibt.

Sind Sie deshalb nach fast zwanzigjähriger Abstinenz zum Fernsehen zurückgekehrt?

Das hat jedenfalls eher mit dem Kino als dem Fernsehen zu tun. Vor allem aber mit unserer Selbstwahrnehmung in jener Zeit, als es dank hervorragender Filme wie Sonnenallee, Untergang oder Das Leben der anderen plötzlich auch international wieder wahrgenommen wurde. Der Baader-Meinhof-Komplex etwa war für den Oscar nominiert, Emmy und BAFTA, aber weißt du, wie viele Nominierungen es für den deutschen Filmpreis gab?

Keinen, nehme ich an.

Exakt. Zero! Wir haben es versäumt, stolz auf unsere Filme zu sein, als es welche gab, jetzt gibt es abgesehen von Fatih Akin fast nichts mehr, auf dass es sich stolz zu sein lohnt. Vom Fernsehen mal ganz zu schweigen.

Als Sie 1998 eine Art Abschied vom Fernsehen gefeiert haben, meinten Sie, es sei verglichen mit dem Kino zu passiv. Aktiviert ein Format wie Schuld sein Publikum in einer Art, dass Sie wieder öfter zurückkehren?

Immerhin gucken einige meiner Kumpels jetzt mal einen Film von mir, weil er übers Fernsehen leicht zugänglich ist (lacht). Ernsthaft: Im Grunde aktiviert auch Kino kaum noch, denn vor zehn Jahren hatte selbst ein kantiger Film mit etwas Werbung stabile 200.000 Zuschauer. Davon schafft er heute mangels PR und Spektakel nur einen Bruchteil. Vom Fernseher wird man zwar immer noch leichter abgelenkt, aber es sehen wenigstens welche zu. Die Masse war nie mein Antrieb, aber ich möchte mit meiner Arbeit anders als in den letzten fünf Jahren auch mal wieder Menschen erreichen.

Ist das ein Bekenntnis zu massentauglichen Filmen?

Ich habe nichts gegen Filme für viele, nur dagegen, dass dafür vieles, was nur wenige interessiert, gar nicht erst gemacht oder nahezu ignoriert wird. Als ich mit Jürgen Vogel den Thriller Stereo gemacht habe, waren 60.000 Leute im Kino. Und das, obwohl wir den kaum besser hätten machen können.

Und das liegt nur an veränderten Konsumgewohnheiten?

Auch am Geld. Kino ist das einzige Produkt, dessen Herstellungskosten den Preis am Point of Sale nicht beeinflussen. Ein Hochschulfilm für 20.000 Euro kostet da dieselben 7,50 wie ein Blockbuster für 275 Millionen. Wenn du in die Kneipe gehst und der Wirt bietet dir fürs gleiche Geld ein Schnapsglas voll Bier oder das ganze Fass an, was kaufst du? Das große Ding! Mit 3D und Superstars und krassen Effekten. Deshalb freue ich mich schon jetzt darauf, dass jede einzelne Folge von Schuld wahrscheinlich mehr Zuschauer hat als meine acht letzten Kinofilme zusammen.

Liegt das auch an der Machart oder nur am Medium?

An beidem. So viel Widersprüchlichkeit und Gewalt schreckt zu dieser Sendezeit auf diesem Sendeplatz ja angeblich Zuschauer ab. Darum freue ich mich wirklich, dass so etwas möglich ist, bleibe aber dabei: Der Zug ist abgefahren. Und alle, die dafür in den zuständigen Gremien Verantwortung tragen, sind in 15 Jahren arbeitslos und vielleicht ist das auch gut so. Es geht nicht mehr ums Renovieren, sondern Revolutionieren, das haben die bis jetzt nicht begriffen.

Trotzdem werden doch wohl weiter Filme gemacht?

Klar – High Concept und Low Budget, aber nicht mehr in der Zahl, weil die Mitte zwischen ein paar Hunderttausend und irren Millionensummen wegfallen. Sich mit der Aussicht auf ein messbares Publikum mal richtig auszuprobieren fällt da völlig flach und du hast nur noch eine Handvoll lukrativer Schauspieler mit Zugkraft.

Wie Moritz Bleibtreu…

Eben nicht, Digger! Für die Masse taugen allenfalls die paar Schweigers, Bareks, Schweighöfers. Für mich interessiert sich doch keine Sau.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s