Mr. Spock & Emma Schweiger

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

23. Februar – 1. März

Utopien sind Ideen von einer grundlegend anderen, irgendwie besseren Welt. Zum Beispiel, die Mr. Spock – dessen Darsteller Leonard Nimoy nun im Alter von 83 Jahren gestorben ist – sonnensystemübergreifend mit kühler Rationalität so gerecht machen wollte, das überall Gleichheit, Demokratie und Frieden herrschte. Da sich die Bewohner der Erde – das musste die Besatzung der Enterprise bei gelegentlichen Abstechern dorthin erleben – jedoch mehrheitlich weigern, solche Utopien mit vollem Einsatz zu unterstützen, gilt utopisch als Synonym für unerreichbar. So gesehen lag Sat1 sogar ein Stück weit richtig, als es vorigen Montag etwas fürwahr Utopisches in Angriff nahm. Der Sender meinte damit zwar, dass John de Mols neues Reality-Format Newtopia mit der üblichen Containerbesetzung auf Krawall gecasteter Knallchargen so etwas wie eine neue Gesellschaft gründen könnte, was schon nach wenigen Minuten in heißer Luft aufging. Eine andere deutete sich allerdings sachte am Horizont der Fernsehunterhaltung an: Dass der Romanzenkanal ausgerechnet mit 100 weiteren Kameras im Dauereinsatz aus dem Quotenkeller am Vorabend kommen könnte. Doch siehe da: Fast drei Millionen Zuschauer wollten die verlorene Lebenszeit der Bewohner eines Brandenburger Gehöfts und ihres Publikums sehen. Na ja, zum Auftakt. Neugierde halt.

Die indes bestand bezüglich #Beckmann im Anschluss, dessen Rückkehr ins Reich des Journalismus zur ARD-Primetime kaum die Hälfte davon sehen wollte, nicht die Bohne. Von der jungen Zielgruppe ganz zu schweigen, der man mit harten Themen wie IS-Kämpfern im Nordirak ohnehin nicht kommen braucht, sofern es keine hochpixeligen Feinde auf der Spielkonsole sind. Dem Durchschnittsjugendlichen dürfte daher auch entgangen sein, dass NDR und BR bei der gähnend langweiligen Oscar-Verleihung den wichtigen Dokumentarfilm-Award abgeräumt haben: Citizenfour von Laura Poitras über den Leidensweg Edward Snowdons von der Wahrheitsliebe eines Geheimdienstlers zum Wahrheitshass seiner Regierung.

Was nicht nur amerikanische Republikaner mit der deutschen Bild gemeinsam haben, die am Freitag mal wieder Logik, Geist, Gehirn unter Pathos, Dummheit, Ignoranz begrub, als sie ihr rassistisches Griechenland-Bashing aufwärmte, mit dem sie vor drei Jahren ganze Wochen vor hasserfüllter Dilettanz geifernd verbracht hatte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

2. – 8. März

So gesehen kann man sich auf nächsten Freitag beinahe freuen, wenn das Springer-Blatt statt politischer Realpolitik wieder regenbogenbunten Glamour auf den Titel hebt. Tags zuvor wird schließlich – von der Glamourbombe Barbara Schöneberger moderiert – Unser Song für Österreich im Ersten gewählt, was für den Boulevard schon deshalb ein Akt vaterländischer Pflichterfüllung ist, weil er den teilnehmenden Castingshow-Gewächsen seit jeher in fröhlicher Marketingkooperation verbunden ist.

Na mal gucken, wie er es mit Johannes B. Kerners neuer Samstagabendshow hält, wo ein Name auf der Moderationsliste steht, der dem Boulevard reflexartig zu Schnappatmung verhilft: Schweiger. Gut, es ist nur Emma, Tils Jüngste, die sich dank väterlicher Protektion zum breit aufgestellten TV-Star mausert. Aber Prominame ist Prominame, also ab in die Schlagzeilen, dorthin also, wo ein weiteres Monstermegathema der anstehenden Fernsehwoche steht. Es heißt The Team und ist der Versuch des ZDF, sein Programm mit skandinavischer Hilfe kosmopolitischer zu machen. Drei Ermittler aus Belgien, Dänemark und Deutschland haben es ab Sonntag mit einer politischen Mordserie zu tun, die im grenzübergreifender Gemeinschaftsarbeit aufklärt wird. Dass die versiert inszenierte Hatz trotz dänischer Autoren, Regisseure, Producer dennoch oft arg deutsch, also stereotyp aussieht, liegt an zweierlei: Der Fehlbesetzung des deutschen Parts mit der sehr schönen, aber eher überforderten Jasmin Gerat. Und einer Komplettsynchronisation, die der belgischen Hauptdarstellerin Veerle Baetens bei der Vorstellung in Hamburg eine Wutrede auf das entseelte Endprodukt entriss.

Aber dieses Schicksal teilt The Team mit allen Importprodukten von Rang, deren Verhunzung durch theatralische Übersetzung versaut wird. Zwei Formate aus dem Norden Europas sind dennoch unbedingt empfehlenswert diese Woche. Zum einen die schwedische Krimikomödie Sound of Noise am Sonntag (22.05 Uhr, Tele5), in der ein hörempfindlicher Kommissar vier Schlagzeuger verfolgt, die seine Stadt terrorisieren. Zum anderen die hinreißende Politserie Borgen, die Arte ab Mittwoch (22.40 Uhr) wiederholt. Apropos Wiederholung: Die Rubrik Tipp der Woche trägt künftig passender Wiederholung im Titel und rät in Farbe zum abermaligen Genuss von Fargo (Sonntag, 20.15 Uhr, Tele5), mit dem die Coen-Brüder 1996 ihre Karriere begründeten. In Schwarzweiß dagegen ist es diesmal Bestie Mensch (Montag, 20.15 Uhr, Arte) mit Jean Gabin als Lokführer, der in Jean Renoirs düsterer Tragödie von 1939 den Mann seiner Geliebten töten soll. Herausragend!

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