Stephan Möller-Titel: Prekariat & Traumjob

moeller-titel-2-540x304Wurschtelnd glücklich

Jeder 15. der bundesweit 15.000 Schauspieler lebt in Hamburg. Ihr Alltag ist oft geprägt vom Kampf gegen sinkende Etats, schlechte Bezahlung, Arbeitsmangel. Einer von ihnen ist Stephan Möller-Titel (Foto: Malte Jäger). Porträt eines talentierten Hanseaten, der sich so durchwurschtelt – und trotz allem glücklich ist.

Von Jan Freitag

Der Teufel, heißt es, scheißt meist auf den größten Haufen. Man kann Erfolg, der die Erfolgreichen durch seine bloße Existenz nur noch erfolgreicher macht, während sich Erfolglose den Misserfolg teilen, allerdings auch gewählter ausdrücken, theatralischer. Stephan Möller-Titel zum Beispiel bemüht den biblischen Matthäus-Effekt, um sein Schauspielerdasein darzustellen. „Wer einmal groß rausgekommen ist“, sagt er in einer gemütlichen Spelunke auf St. Pauli und zieht tief an seiner Selbstgedrehten, „dem fliegen die Aufträge zu“. Wer hingegen allzu lang darauf warten muss, „wartet häufig vergebens.“ Darauf nämlich, sich die Rollen nicht nur aussuchen zu können, sondern nach Belieben ablehnen, darauf, wirklich unabhängig zu sein in seiner künstlerischen Freiheit.

Stephan Möller-Titel wartet seit rund 15 Jahren.

Damals hatte der Hospitant am Hamburger Thalia-Theater sein „Schlüsselerlebnis“ in einer Branche, die dem Nachwuchs als Himmel auf Erden gilt, aber schnell ein Höllentor ins Prekariat öffnet – unterbezahlt, ausgebrannt, wechselwillig. Während der Neuling von einer Bergedorfer Waldorfschule Ende der Neunziger auf dem Klo von Jürgen Flimms Hochkulturinstitution saß, unterhielten sich zwei ganz Große über jene Bretter, die auch Stephan Möller-Titels Welt bedeuten. Robert Wilson und Lou Reed, erinnert er sich voller Ehrfurcht, der Regisseur und sein Komponist, in Alsternähe vereint zum Literaten-Musical POEtry, „und die reden beim Kacken über meinen Kopf hinweg von allem, was mir wichtig ist“. Da war es um den Anfangszwanziger geschehen.

Endgültig.

Der gebürtige Mecklenburger wurde, was er im Grunde schon kurz nach der Ausreisegenehmigung seiner Eltern 1988 wollte, die ihn über Eckernförde rasch in die Kulturmetropole Hamburg führte. Abi-Theater, Bühnenpraktika, Statisterie, Sprechrollen – für den Psychiater-Sohn deutete längst vieles darauf hin, doch nicht seinem Vater nachzueifern. Erst die Leidenschaft jedoch, mit der da zwei Weltstars von seinen Traumberuf redeten, entfachte endgültig seine. Ein Feuer, das bis heute glüht, daran lässt er auch in der Kneipe nie einen Zweifel, mit seinen stechend blauen Augen im rundlichen Gesicht.

Dabei erwies sich besagter Traum trotz früher Erfolge für den dezent ehrgeizigen Anfänger als ewiger Clinch zwischen Ruhm und Dispo. Mal gewann er eine Etappe, schon ging die nächste verloren, aufrappeln, weitermachen, bis heute. Noch während seiner Ausbildung an der Leipziger Schauspielschule bekam er erste Rollen, ein Engagement Schweriner Staatstheater gar. Und als er zwischendurch seinen ersten Fernsehauftritt hatte, ein Mörder im Polizeiruf, an der Seite Henry Hübchens, schienen ihm nicht nur ein paar Bühnentüren offen, sondern alle.

Dann aber gab er seiner Diplomarbeit 2006 den nächsten Richtungswechsel. Ihr Titel Wie ich hinkam, wo ich herkam lautete nun: Wie ich abermals drehte, zurück nach Hamburg, ass Freiberufler. Und dann? „Kam erst mal gar nix.“ Außer Musik, erst mit seiner Schulband Leilanautik, nun im Duett Sasa & Der Bootsmann. Gitarre und Gesang. Viel Spaß, kaum Ertrag. Egal. Er schweigt kurz. Neue Kippe, die achte in einer Stunde. Dazu mehr Bier, auch das in beachtlicher Frequenz – zumindest an diesem Abend, wo er mal Tacheles redet, über seinen Wunschberuf. Stephan Möller-Titel ist kein Mann mit Vollkaskoversicherung wie die Streber im Pilcher-Personal, das jeden Mist spielt, um präsent zu sein. Der Ostflüchtige indes wird auch weiter westlich von Experimentierfreude getrieben, dem Keim des Glücks. Vor allem aber: Scheiterns.

Er hält sich in der Mitte, immerhin. Solide pendelnd zwischen Auskommen und Nachsehen, Oldenburger Staatstheater und dem Wohnort Eimsbüttel. Randfiguren von RTL bis Tatort finanzieren ihm das geliebte Off-Theater. Mit Solostücken wie der Fluchtparabel Krieg oder ab Donnerstag als Gulliver im Ohnsorg-Studio, wo er selbst die Liliputaner spielt. „Auch Reklame kann Spaß machen“, betont er und schwärmt von Bier-Spots in Kapstadt und Toshiba-PR auf Englisch. „Aber man hat Null Absicherung, krank sein ist nicht“. Fazit: „Das nervt!“

Und nicht nur ihn. Fast 15.000 Deutsche nennen sich Schauspieler, jeder Dritte vor der Kamera, ein paar mehr in den Ensembles der bundesweit 700 Bühnen. Sie alle kämpfen eher ums Überleben als es gelegentlich zu verkörpern. Gut die Hälfte, klagt ihr Hamburger Kollege Hans-Werner Meyer im Auftrag des Berufsverbands BFFS, „leben von weniger als 20.000 Euro im Jahr“. Brutto. Abzüglich Spesen, Agentur, Absicherung bleibt auch für jene 13 Prozent, die es nahe 30.000 schaffen, kaum genug für die Miete. Schon gar nicht in der teuren Film- und Theaterstadt Hamburg mit all ihren Studios, Bühnen, Produzenten und an die 1000 professionellen Darstellern. Ihre Mehrzahl muss sich mit dem begnügen, was Großkaliber wie Bleibtreu, Hoger, Charly Hübner von sinkenden Etats übriglassen. Während fünf Prozent sechs- oder mehrstellig verdienen, bringt es die Masse selten auf 20 Drehtage à 750 Euro Tarif, den der BFFS 2013 ausgehandelt hat. Und die erfordern auch noch das Fünffache an Vor- plus Nachbereitungszeit. Am Theater ist es noch schlimmer. „1550 Euro Einstiegsgehalt“, empört sich Möller-Titel in breitem Hamburgisch, das seine Enden jedoch theatralisch korrekt behält, „mein Vetter verdient als Automechaniker mehr“.

So sei sein Berufsstand mit Lebensanstellungen und Topgagen zum „fahrenden Volk“ verkommen. Dabei sah es auch bei ihm mal besser aus. Im Baader-Meinhof-Komplex knallte er 2008 Hanns-Martin Schleyer ab, lernte am Set – „schwer bewaffnet“ – Sandra Borgmann kennen, ebenfalls aufstrebend, bald Mutter seines Kindes. Es gab Angebote, Mörder und Irre wurden zur Marke, mit Anfang 30 lief es – und doch nicht aufwärts, zwar voll Hingabe, aber kaum lukrativ, viel unterwegs, nie auf rotem Teppich. „Wenn man sieht, mit wie wenig Talent manche Kollegen Erfolg haben“, sagt der begabte Bühnenberserker beim letzten Bier, könnte man echt zynisch werden. Tut er aber nicht. Stephan Möller-Titel macht weiter, „es reicht ja“, wenngleich schon wieder nur für den Nebenraum der Ohnsorgs, der dem Miniaturstück zwar atmosphärisch angemessen ist, aber eben eher Off-Bühne als Großes Haus. „Ach, ich bin auch so glücklich.“ Auf den Brettern seines Lebens.

Der Text ist vorab erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-04/schauspieler-stephan-moeller-titel

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