San Cisco, Itchy Poopzkid, Squarepusher

San Cisco

Wer sich dieser Tage ins erwachende Grün des Frühlings begibt und den richtigen Soundtrack sucht, wäre mit San Cisco nicht allzu schlecht bedient. In ihrer australischen Heimat ist zurzeit Herbst, die schönste Jahreszeit dort, deren Hitze nicht mehr den Pelz verbrennt, also eher gemütserhellend als krebsfördernd wirkt. So gesehen klingt das Quartett aus einer süßen Küstenstadt nahe Perth auch auf dem zweiten Album mit dem gottgefälligen Titel Gracetown wie ein Halleluja auf die Schönheit der Schöpfung.

Anders als beim selbstbetitelten Debüt vor drei Jahren kommt nun allerdings leicht verfeinertes Songwriting hinzu, das dem hübschen Indiepop mehr Tiefe verleiht. In ihrer Mehrheit erinnern die zwölf Stücke zwar immer noch an digitalisierte Beach Boys mit Mädchengesang; doch schon die Singleauskopplung Run steigt zu Beginn kurz vom Surfbrett in die Büsche am Dünenrand, wo es vorbei an der rosafarbenen Strandhütte vom Cover über ein paar Dornen hinweg Richtung Electroclash geht, der hier die Freiluftdisco planiert. Gute Musik kann so unkompliziert sein.

San Cisco – Gracetown (Embassy Of Music)

Itchy Poopzkid

Unkomplizierte Musik kann aber auch ziemlich gut sein. Seit zehn Jahren pressen Itchy Poopzkid ihren Eins-Zwo-Drei-Vier-Karohemdrock mit Doppelgesangschorälen zu mal mehr, mal weniger vertrackten Riffs auf Platte und ihre neue mit dem numerischen Titel SIX fügt den fünf vorherigen jetzt auch keine bemerkenswerte Wende hinzu. Doch was immer die drei Schwaben auch anpacken – es ist geschmeidiger Indie mit etwas Surfpunkeinfluss nebst Alternativetendenzen, die allesamt niemandem wehtun, aber gerade live zum Stagediven und Mitgrölen animieren. Wobei – Mitgrölen; hier hakt es bei Itchy Poopzkid, seit jeher.

Die Band ergeht sich einfach zu sehr in Ohohoh-Refrains wie bei der Single-Auskopplung Dancing In The Sun. Die Gitarren auf Schritthöhe gehängt, wächst da der Eindruck, die drei machen es sich da zuweilen ein wenig einfach. Und das, wo sie es sich an anderer Stelle unnötig kompliziert machen: Beim Vokabular. Ihre behaglich sozialkritischen Texte auf Englisch zu singen, klingt doch allzu oft, als läge beim Dichten das Dictionary auf dem Verstärker. Und die arg deutsche Aussprache des Ganzen macht das Ernstnehmen nicht leichter. Aber auch SIX ist eben ein Album für die Beine, nicht den Kopf. Und in denen fühlt es sich wie immer großartig an. Also Karohemd an, Knöpfe auf, Vans drunter, rauf auf den Moshpit!

Itchy Poopzkid – SIX (Findaway Records)

Squarepusher

Dorthin gehört auch die Zuhörerschaft von Squarpusher. Und nirgendwo sonsthin. Könnte man meinen. Die Hälfte seiner 40 Jahre macht der bassversessene Produzent aus dem südostenglischen Essex eine Art Electronica, die das Gehirn beim Konsum so durchrührt, dass es als Spaßkonzentrat in die Beine sackt und Amok läuft. Drill’n’Bass nennt sich die Variante des ungeheuer schnellen, aber klügeren EDM mit “Intelligent” statt “Electronic” vor “Dance Music”. Dass man sich auch das gefühlt 20. Album aus dem Hause Warp weit jenseits irgendwelcher Tanzflächen anhören kann, hat daher ganz besondere Gründe.

Denn wie die meisten Platten zuvor, enthält auch Damogen Furies nicht nur eine endlose Zahl aberwitziger Soundkonstruktionen zwischen 60 und 200 bpm, sondern mehr noch den ganzen Kosmos dessen, was sich elektronisch an Musik generieren lässt, ohne die Möglichkeiten der Synths und Sequencer um ihrer selbst willen auszutesten. Squarpusher alias Thomas Jenkinson ist ein Forscher, der die Grenzen seines Genres permanent auslotet – und sein Publikum damit dennoch zum Ausrasten bringt. Nichts für stille Lesestunden im Kaminzimmer also, aber auch weit über den Club hinaus von Wert. Durchgeknallt. Fabelhaft!

Squarpusher – Damogen Furies (Warp)

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s