Horst Krause: Polizeiruf, Buck & Alter Ego

Is doch jut so!

Horst Krause ist eine der seltsamsten Figuren des deutschen Films. Mit 75 Jahren schon eine Ewigkeit vor der Kamera, spielt er noch immer vor allem sich selbst, also einen ziemlichen Sonderling – wie seinen Polizeihauptmeister im Polizeiruf, der nicht umsonst so heißt wie Krause selbst. Nun verlässt er das älteste Krimiformat der alten DDR und verabschiedet sich auch sonst langsam vom Bildschirm. Ein standesgemäß merkwürdiges Interview zur ewigen Erinnerung!

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Krause, selten habe ich jemanden erlebt, bei dem Rolle und Schauspieler so zu verschmelzen scheinen wie bei Ihrem Alter Ego Horst Krause im Polizeiruf. Wie oft haben Sie den schon gespielt?

Horst Krause: Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Oft. Und lange. Da mach ich mir ehrlich gesagt auch keine Gedanken drüber, aber Sie haben schon recht: Nach so langer Zeit verfließt so eine Rolle mit einem selbst.

Welcher Horst Krause eignet sich denn da mehr vom anderen an?

Ich würde es so formulieren, dass ich den Polizisten Krause mittlerweile sehr zu mir herangezogen habe.

Mittlerweile? Immerhin trägt er von Beginn an Ihren Namen.

Das hat der Regisseur Bernd Böhlich 1999 so gewollt, als er die Figur entwickelt hat. Warum soll der anders heißen als du, hat er damals gesagt. Is doch jut so. Dabei haben wir’s belassen.

Trotz mehr als einem Dutzend Hauptrollen in einer der populärsten deutschen Krimiserien und einer endlos langen Filmliste sind Sie auch mit fast 70 Jahren nicht wirklich berühmt. Wie kommt das?

Weiß ich nicht, dürfen Sie mich nicht fragen, wissen andere besser. Aber ich hab mir nie große Mühe gegeben, nach Hollywood zu kommen. Nicht richtig populär zu sein, hat mich nie gestört.

Aber ist Popularität nicht auch ein wenig die Währung des Schauspielers?

Nö.

Nö?

Meine nicht. Ich habe auch so immer gut zu tun gehabt, mein Leben gut zu gestalten und nie in finanzielle Notlagen zu geraten. Ich bin so wie ich bin mit Leib und Seele Schauspieler, berühmt oder nicht.

Und dabei auf rustikale, bodenständige Rollen gebucht.

So isses.

Haben Sie mal was anderes gespielt, einen Banker, einen Anwalt?

(überlegt) Hamse mal Tach Herr Doktor gesehen, mit dem Gerd Dudenhöffer? Da hab ich mal was anderes gespielt, einen Unternehmer. Oder in der Neuverfilmung von Das Mädchen Rosemarie vor 15 Jahren, da war ich der Generaldirektor gespielt, was bei der ersten Verfilmung in den Fuffzigern der Fröbe war. Ich war damals bei zweien von Bernd Eichingers German Classics dabei, auch noch bei Charlys Tante.

Fällt Ihnen die Oberschicht schwerer als die Mittelklasse oder macht man das einfach…

… das macht man nicht einfach, das spielt man. Das ist mein Beruf. Der Regisseur sagt, wo man sich hinstellen soll und dann isset jut, ob in Kinofilmen oder im Polizeiruf.

Was bedeutet Ihnen die Serie?

Das ist keine Serie, das ist eine Reihe. Bei einer Serie schreiben meistens so drei, vier Autoren; bei einer Reihe ist es bei jeder Episode ein neuer. Und da ist es sehr schwierig, seine Figur zu verteidigen, weil jeder Autor, ich sage lieber: Schreiber, richtige Autoren gibt’s ja nur ganz wenige, weil jeder Schreiber irgendwas schreibt, wo ich das das Gefühl bekomme, der hat sich überhaupt nicht die Mühe gemacht, die Figur mal richtig kennenzulernen, über die er da schreibt.

Sie müssen manchmal gegen das Drehbuch anspielen?

Nicht gegen das Drehbuch als Ganzes, nur gegen meinen Teil darin, ihre Analyse, die weit von dem entfernt ist, was ich versuche damit zu realisieren. Aber ich hab selber auch noch nie so was geschrieben, das muss wohl ziemlich schwer sein.

Zumal man bei eingespielten Figuren die Hypothek mit sich rumschleppt, ihr gerecht zu werden.

Na, denn muss man sich halt mit ihr beschäftigen oder lehnt das Buch ab.

Wie würden Sie denn einem Autor den Horst Krause beschreiben?

So wie er ihn sehen kann, wie Sie ihn auch sehen.

Ist der Polizeiruf Teil Ihrer ganzen Biografie, nicht nur der beruflichen?

Sicher, ich habe ja auch zu DDR-Zeiten schon mitgespielt und sie gesehen.

Ihre Historie ist jetzt gerecht aufgeteilt – 20 Jahre vor, 20 Jahre nach der Wende. Was hat sich geändert?

Andere Schwierigkeiten, die ich aber nicht im Einzelnen benennen will. Was die Fälle betrifft und die Drehbücher.

Ist der Polizeiruf bloß eine Reihe oder mehr für Sie; ist sie Ihnen ans Herz gewachsen?

Da hängt schon ein Haufen Herzblut von mir drin. Ja. Und so lange man mich da noch braucht, mache ich mit.

Noch braucht man ihn offenbar – den klassischen Ordnungshüter, der mal eine leere Wasserflasche ins Gebüsch schmeißen sollte, wozu Sie sich geweigert haben.

Weil der das nie tun würde. Sehen Sie, das ärgert mich total, wenn so ein Schreiber so was schreibt. Das tut weh. (wird laut) Weil er nichts begriffen hat. Das ist fast bösartig (brüllt jetzt fast). Das ist wie ein Chirurg, der noch nie operiert hat, und der Patient muss drunter leiden. So is det.

Haben Sie dieses Ordnungsdenken des Polizisten Krause auch manchmal?

Nicht nur manchmal. Sehr sogar. Doch. Für wesentliche Dinge.

Welche wären das?

Jeder sollte seinen Pflichten, die er in der Gesellschaft hat, versuchen, mit größtmöglichem Ernst nachzukommen und sich nicht auf Kosten anderer Leute bequem machen. Ich versuche das und bin immer gewillt, Aufgaben, die mir angetragen zu werden, so zu erfüllen, dass man sagen kann: ja, so stimmt das.

Sie wirken in Ihren Rollen immer ein wenig unter Strom, ohne es ganz rauszulassen. Womit bringt man Sie auf die Palme.

Wie den Krause im Film: mit der Situation, in der er angemessen reagieren muss. Das ist mein Beruf. Ich bin Schauspieler.

Kommen aber nicht grad aus einer klassischen Schauspielerfamilie und haben Dreher gelernt. War der Schritt zur Schauspielerei in Ihrem Umfeld da akzeptiert?

Nö, denn jeder junge Mensch will ja kurz mal Schauspieler werden und ins Rampenlicht. Heute noch mehr als damals, das sieht man ja an Deutschland sucht den Superstar und so. Aber meine Eltern waren schon erstaunt. Ich hatte jedenfalls keine Schwierigkeiten, mich da durchzuboxen. Es gibt eben keinen zweiten Horst Krause.

Gibt es Rollen, die ihnen auf diesem Weg besonders viel bedeuten?

Gab’s mal, heute nicht mehr.

Auch nicht Schultze gets the Blues, dieses brillante Roadmovie?

Nee, mir ist bedeutet jeder Film gleichviel und ich mache jeden mit der gleichen Leidenschaft.

Fehlt Ihnen noch eine Rolle?

Nee.

Das klingt restlos zufrieden?

Das würde ich nicht sagen. Wenn man genauer hinhört müsste das eher danach klingen, dass man sich mit der Zeit Wünsche abschminkt. Man muss die Re-a-li-tät sehen. Dann wünscht man sich nischt mehr.

Das klingt nun wieder ernüchtert.

Soooo ist es.

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