Oulu: Winterkälte & Männergeschrei

subpage-testZum Schreien

Wenn das nordfinnische Oulu jeden Herbst bis tief in den Mai unterm Eis verschwindet, steigt seltsamerweise die Lebenslust der Bewohner. Das führt zu den seltsamsten Ideen. Eine davon: Der Chor Schreiender Männer (Foto: Mikko Törmänen). Ein Besuch ohne Ohrenstöpsel.

Von Jan Freitag

Ein Witz also. Mehr gerissen als geboren, mittig zwischen Heiterkeit und heiligem Ernst. So einfach, so kompliziert geht es in Oulu zu mit neuen Ideen. Ob es nun völlig verrückte sind oder ziemlich verrückte. „Restprodukte unseres natürlichen Sarkasmus wie Ehefrauenwetttragen und Stiefelweitwurf“, so nennt Hanna solche Einfälle. „Ausgeburten des sechsten Biers, die es bis zum Morgen schafften“, so nennt sie Petri. World-Air-Guitar-Championchip oder Mieskuoro Huutajat, so heißen zwei unmittelbare Folgen in der nördlichsten EU-Großstadt, wo es winters kaum mal hell wird und der finnische Aberwitz voll zum Tragen kommt. Die Luftgitarren-WM, nebenberuflich organisiert von der Museumsangestellten Hanna Jakku. Und der Chor Schreiender Männer.

Womit wir wieder bei Petri Sirviö wären.

Wenn es belastbare Vorurteile vom Finnen abseits hartnäckiger Legenden um absurden Alkoholkonsum auf Autofähren und einem Hang zu schwermetallischem Krach gibt – hier wirken sie vereint in einer Person, spindeldürr wie Birken im finnischen Januarwind, fast ebenso blass. Und würde sich sein pechschwarzes Outfit nicht so vom beharrlichen Weiß der verschneiten Provinzstadt am Rande Lapplands abheben, man könnte ihn glatt übersehen, wie er in einem betulichen Oma-Café am Markt fette Cremetorte isst und erzählt, was sich am Abend ereignen wird.

Denn da erlebt man den scheuen Familienvater von 51 Jahren in Aktion. Auf der Bühne taut sein spröder Charme auf und mit ihm ein Stück jenes Heimatortes, der Jahr für Jahr im Herbst unter einer Eisschicht verschwindet, die erst Richtung Mai Risse kriegt. Hier ist Petri Sirviö kein anämischer Stadtangestellter, sondern ein heißblütiger Dirigent, der mit zuckender Gestik sein Orchester anleitet. Nur dirigiert er keins mit Geigen, Flügel und Fagott, sondern den Chor Schreiender Männer. Grölende Urviecher allesamt, wie sie wohl nur diese Weltgegend hervorzubringen vermag. Zwei Dutzend sind zur Probe ins schmucklose Schulgebäude gekommen, um Volkslieder, Nationalhymnen, auch mal den Text internationaler Verträge zu üben. Jeder Kerl ein Ton, aus voller Kehle gebrüllt, so inbrünstig, dass Petri Sirviö förmlich im Spuckeregen steht.

Es braucht Phantasie, um dieser Kakophonie Melodien zu entnehmen, aber könnte das eben nicht die Marseillaise gewesen sein? Gar das Deutschlandlied, dem Mieskuoro Huutajat stets dreistrophig zum Ausdruck verhilft? Schwer zu sagen; zu stark lenkt der Eindruck ab vom Inhalt, das Ambiente vom Text. Doch um Erkennbarkeit geht es den bis zu 70 Schreihälsen auf den Bühnen der Welt vom New Yorker MoMa über japanische Opernhäuser bis hin zur Roten Flora in Hamburg nur am Rande.

„Es geht um Atmosphäre, Energie, Entertainment“, erklärt ihr Leiter zurück im Oma-Café, wo leises Klaviergeklimper aus den Ecken tröpfelt. „Und um Abwechslung vom Alltag.“ Denn der, Petri Sirviö bricht seinen zweiten Liter Filterkaffee aus der Riesenkanne am Tresen an, sei zuweilen schon trist, zumal im Frühjahr. Sein Chor aber, so viel zum Klischee von der kreativen Sonnenarmut, ist im Spätsommer entstanden, der am Flachwasserstrand des Bottnischen Meerbusens mit einer Farbgewalt übers Land bricht, als läge es im Alpenvorland. „Mit der Dunkelheit hat der Chor wenig zu tun“, schildert Sirviö eine Idee, die – wie gesagt – eher gerissen als geboren wurde.

Mit einer Handvoll Kumpels, die vor 27 Jahren nicht wegen ihrer Herkunft oder Gene, geschweige denn Mitternachtssonne und Tagesmond auf so absurde Gedanken kämen, „sondern weil derart weit ab vom Schuss die Fähigkeit zum do it yourself wichtiger wird“. Nordfinnen, sagt er mit großer Geste dünner Finger, sind Selbermacher, Anpacker, Lebenskünstler wie dieser Ex-Punk, der Finnlands Heavy-Metal-Kapitale in jungen Jahren mit aufsässigem Hardcore zugedröhnt hatte und auch sonst sein eigenes Ding gemacht. Aber das teilt er ja mit vielen hier. Wer in Oulu den Handwerker ruft, gilt als Zugezogener, ein Südfinne, eher behagliches Festlandeuropa als raues Skandinavien. „Darüber hinaus scheißen wir drauf, was andere von uns denken.“ Eine unerlässliche Eigenschaft für erwachsene Männer mit gewöhnlichen Berufen, denen vor Publikum bis zur Erschöpfung die Gesichtszüge entgleiten als zögen sie in mittelalterliche Schlachten.

Man spürt diese Mentalität, wenn sich Papio unversehens zu seinem Dirigenten setzt und vom Chor erzählt, besser: schwärmt. „Ich kann da ohne Rücksicht auf alles Dampf ablassen“, erklärt der Lehrer für Physik und Mathe, dem man leichthin abnimmt, dass er vormittags mit nüchternen Formeln hantiert hat, bevor ihm abends die Augäpfel aus dem Kopf zu springen scheinen. Und seine Nachbarn? Kollegen? Schüler? „Was soll damit sein?“, fragt der Familienvater nahe der 60 zurück. „Das hier ist Oulu.“ Tiefste Provinz. Eine Stunde Autofahrt bis Lappland, zwei weitere bis Rovaniemi, zum Weihnachtsmann. „Hier freut man sich über jede Kultur.“

Besonders jetzt.

Jahrhunderte lang galt die „weiße Stadt am Meer“ als grüne Lunge Nordfinnlands. Ein blühender Garten im Sommer, eine glitzernde Perle im Winter. Verwegen, idyllisch, holzbebaut, oft brandgebeutelt, bald betonverschandelt, noch immer wunderschön. Dann wurde Oulu zur „Nokia-City“, die sich im Handyboom der Neunziger Randgemeinde um Randgemeinde einverleibte und auf heute 200.000 Einwohner wuchs, angezogen auch von all den digitalen Startups, die dem Sog der neuen Technik folgten. Und heute, nach dem verpassten Smartphone-Zug des geschrumpften Weltmarktführers? Ist Oulu bloß noch: die Krisenstadt.

„Auf einmal waren wir eine Art Detroit“, meint Petri Sirviö. Kleiner, aber mit ähnlicher Kehrtwende. Denn wie die deindustrialisierte Motown besinnt sich auch das abgekoppelte IT-Zentrum in der Finanzkrise, die hier mehr eine Telefonkrise ist, auf frische Stärken. Soft Skills, die Petri Sirviö selbst gefördert hat, bevor ihn andere Kulturprojekte zum Jobwechsel nach Helsinki zogen. Mit ihm als Kulturreferent hatte sich Oulu zu etwas gemausert, was ihm selbst fast Schreie entlockt vor Stolz.

Kulturstadt!

Und in der Tat: Wenn er bei beißender Kälte hindurchführt, kriegt man eine Ahnung vom Ort, der neben zwei Dutzend weltbekannter Metal-Bands schreiende Männerchöre und Luftgitarrenwettbewerbe hervorbringt. Für die hippen Tanzclubs ruft der Hauptstadtflüchtling zwar lieber seinen jüngsten Sohn, auch schon 20, an. Den Rest aber findet Papa noch alleine. Eine frühere Kaserne im Wald zum Beispiel, die von 300 Künstlern jeder Art genutzt wird, seit Skater das Gelände erobert hatten. Das betörende Holzhüttenquartier Pikisaari, das den Wandel vom Industrie- zum Künstlerviertel (noch) ohne gentrifizierte Ruppigkeit vollzieht. Die Partymeile Hallituskatu mit ihren Bars, in denen es Rastas, Rapper, echte Gangster gibt. Zwei gut sortierte Plattenläden, in denen der umtriebige Petri flugs ein paar Indie-Vinyls aus den Fächern zieht, die er selbst produziert hat. Und ein paar planquadratisch überschaubare Straßen weiter, vorbei am Kellerclub, der 1988 seinen Chor gebar: Sokkeli, ein architektonisch kühnes Kaufhaus der 1930er, das Sirviö seit 2001 im Stadtauftrag zum Gründerzentrum ausbaut. Sein eigenes Büro ist auch drin, vollgestopft mit allem, was die Schreihälse je produziert haben.

Das indes ist überschaubar. Mieskuoro Huutajat funktioniert nur live. Wenn man die dampfenden Männer in den schwarzen Anzügen direkt vor Augen hat, wenn die Spucke zu Petris Taktstock fliegt, wenn der Magen gegen Deutschlands dritte Strophe rebelliert und der Kopf darüber aufmerksam wird, nachdenklich, vor allem aber: gut unterhalten. In Oulu wird man das ständig. Auftritte des Chors zählen zum Standardrepertoire des Freizeitangebots wie das nächtliche Hockeyspiel auf einer beschallten Natureisbahn mit Meerblick oder unzählige Restaurants, die an einem normalen Abend trotz grotesker Preise auch nach Mitternacht voll besetzt sind.

In solchen Momenten mag Oulus Stadtgebiet, kaum größer als Passau, an Metropolen erinnern – ein klein wenig Kreuzberg, ein klein weniger Bronx, ohne Touristen zwar, den Trubel, die breiten Straßen, das Kosmopolitische. Aber mit sprudelnder Lebenslust, die ein exzentrischer Chor ironisch gebrochen in alle Welt hinaus brüllt, bis jeder den Witz gehört hat. Auch wenn es gar keiner ist.

Anreise: Mit Finnair ab München/Hamburg mit Zwischenstopp in Helsinki ab 236 Euro

Unterkunft: Break Sokos Hotel Arina, Pakkahuoneenkatu 16 im Ortskern, 2 Personen inkl. Frühstück 150 Euro. Info: https://www.sokoshotels.fi/en/oulu/sokos-hotel-arina

Allgemeine Infos: www.visitfinland.com; www.visitoulu.fi

 

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