Anästhesie & Revanchismus

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Guter Journalismus muss sich lohnen. Nur der Dr. Seltsam unter den Klinikbetreibern, Ulrich Marseille, hat da irgendwas falsch verstanden. Für einen Fragekatalog, den ihm der Spiegel wegen angeblicher Kautionszahlungen an den Pleitemanager Thomas Middelhoff geschickt hat, stellt der Gefolgsmann des koksenden Politberserkers Ronald Schill dem Magazin 199,20 Euro in Rechnung. Ein „guter Preis für wahre Berichterstattung“, erklärt Marseille den Betrag und listet auf: drei Stunden Sachbearbeiter à 34,50 Euro, eine zur Nachrecherche (44,50), dazu Schreibgebühr, Steuern, echt aufwändig.

Ach Gottchen, mag da mancher monieren, für ein derart profitables Unternehmen ist das doch ein Klacks. So was verdienen Anspruchsanästhesisten wie Francine Jordi und Alexander Mazza, die den angeblich altersschwachen Andy Borg ab September beim Musikantenstadl ersetzen, mit jeder Jodeleinlage. Falls die 5. Staffel Homeland nach einem Bericht des Guardian demnächst tatsächlich als erste US-Serie komplett in Deutschland gedreht wird, kriegt der Regisseur für solche Peanuts wohl kaum den Fahrdienst von Babelberg zum Brandenburger Tor. Und wenn der Streamingdienst Netflix seit Sonntag in Chef’s Table den Zauber der Zutat zelebriert, sind die Menüs der porträtierten Spitzenköche gewiss weit teurer als knapp 200 Euro.

Die Summe klingt also eher bescheiden. Nur: guter Journalismus ist in Geld nicht aufzuwerten. Auch wenn der Medizinkapitalist Ulrich Marseille für alles von Bypass bis Mitleid eine konkrete Summe benennen mag. Das gilt für analoge Altmedien ebenso wie fürs digitalisierte Fernsehen. Wobei die Spanne dessen, was auf nix als Quoten zielt, zu dem, was darüber hinaus Bedeutsames zu erzählen hat, aufklären will, gar die Welt ein bisschen besser machen, groß ist.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. Mai

Nehmen wir ZDFneo. Der Ableger erreicht zwar eher Bestager ab 50 als die avisierte Jugend, zeigt aber mit Der kleine Unterschied ab heute, wie man fiktionale unterhaltsam mit sachlichen Formaten kombiniert. Und zwar nicht nur, weil der fünftägige Schwerpunkt zur Sexualität in all ihren Spielarten als erste Sammlung zum Thema Nr. 1b nach Fußball Donnerstag um 23.15 Uhr auch den zugehörigen Sexismus ins Visier nimmt, sondern auch wegen des Genderexperiments „sexchange“, in dem je drei Männer und Frauen täglich ab 19.30 Uhr das Geschlecht tauschen. Das garantiert beiden Seiten spannende Erfahrungen.

Um weniger überraschende als gut kompilierte Erkenntnis geht es der Story im Ersten, die sich heute (22.45 Uhr) der Despotie des Fußballvernichters Sepp Blatter widmet. Robert Kempe und Jochen Leufgens könnten sich bei ihrem Porträt natürlich auch mal die Frage stellen, wieso ihr Auftraggeber dem globalen Hassobjekt alle vier Jahre klaglos zig Millionen Übertragungsgebühr zahlt, aber gut – schlimmer ist die anschließende Anbiederung kurz vor Mitternacht. Wenn die Reihe Deutsche Dynastien Familie Furtwängler porträtiert, geht es wohl weniger um ein paar Dirigenten oder Bauherren dieses Namens, als dem ARD-Zugpferd gleichen Namens mit Maria vorweg ein bisschen kostenlose Werbung zu schenken.

Schlimmer wird es aber tags drauf, wenn das Ressentiment jener bedient wird, die finden, jetzt sei es aber echt mal gut mit dem Holocaustgedenken, nun seien „Hitlers erste Opfer“ dran, wie Revanchisten gern raunen, wir, die Deutschen. Zur besten Sendezeit skizziert das ZDF Die Verbrechen der Befreier, während der HR in Tage zwischen Krieg und Frieden zeigt, wie arm die Hessen damals dran waren und der RBB das Gleiche auf dem Schlachtfeld Berlin tut. Bei so viel Empathie fürs Tätervolk sei doch Markus Lanz empfohlen, der gewohnt klebrig, aber mit den richtigen Adressaten Geschichte erzählt, wenn er Mittwoch – nach der Champions League, versteht sich – in Du sollst leben! drei jüdische Opfer interviewt. Richtig gut dagegen ist der ARD-Mittwochsfilm zum ähnlichen Thema. In Die verlorene Zeit erfährt eine KZ-Überlebende 30 Jahre später, dass ihr damaliger Retter ebenfalls entkommen ist. Den Versuch, ihn zu finden, spielen Alice Dwyer und Dagmar Manzel mit hinreißender Intensität.

Weit leichter, aber ebenfalls anrührend agieren ab Dienstag (20.15 Uhr, ARD) Die Vorstadtweiber, eigentlich bloß Desperate Housewives für Arme. Da sie aber im Wiener Elitenzirkel intrigieren, kriegt das Plagiat etwas zeitlos Unterhaltsames. Das gilt auch für Atemlos, die farbige Wiederholung der Woche von 1983 mit Richard Gere als Belmondo und Valérie Kaprisky als Jean Segal (Samstag, 0.55 Uhr, ARD). Der schwarzweiße Wochentipp geht aber nochmals zurück zum NS-Thema: Schon 1960, als Aufarbeitung noch als Nestbeschmutzung galt, spielte Götz George in Kirmes (Mittwoch, 22.45 Uhr, RBB) einen Deserteur, den sein Dorf an die Nazis ausliefern will.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s