Tocotronic: Popkultur & Relevanz

TocoFette Heringe

Wohl keine andere Band hat die deutsche Popkultur seit Kraftwerk mehr bereichert als die Hamburger Musterschüler Tocotronic. Pünktlich zum elften Album feiert nun ein opulenter Bildband 20 Jahre Studioplattengeschichte. Das ist ein bisschen zu fett für die drei Heringe aus Hamburg und doch genau richtig.

Von Jan Freitag

Was in einer Hansestadt von Gewicht ist, hängt selten mit Gramm und Kilo zusammen. Gut, in München oder Köln, den absolutionskatholischen Epizentren rheinisch-fröhlicher bis hedonistisch-bayerischer Selbstgerechtigkeitsbeben bringt man gern mal mehr auf die Waage, um oben mitzuspielen. Millowitsch? Zwei Zentner. Strauß? Locker drei. Karneval? Vier Promille. Bierzelt? Schon mal fünf. In Hamburg hingegen pflegt man lieber das Distinktionselement der Askese, als allzu physische Präsenz. Quinn, Lindenberg, Albers, Kabel und erst die Honoratioren Schmidt, Voscherau, Dohnanyi: alles eher Heringe im Wellenbad der Weltstadt.

Hier herrscht halt Understatement, Effizienzethik, Demut – und dann das: Fünf Pfund Hochglanzpapier, verteilt auf 384 Seiten mit noch mehr Bildern, knallrot wie die Mao-Bibel, wuchtig wie eine von Gutenberg: Tocotronic, kulturell das wichtigste Schwergewicht der Region seit Brahms, feiern 20 Jahre Debütalbum. Und sie tun es mit einem Bildband im Coffee-Table-Format. Fett!

Fett?

Kein Attribut könnte das Trainingsjackengeschwader der systemkritischen Poplinken unzutreffender beschreiben als dieses. Fett, das waren im Musikbiz andere, die Athleten, die Househopser – physisch, psychisch, dramaturgisch. Fett war Rave, der damals die Rückkehr des Rock zur Disco bezeichnet hatte, dann die Aneinanderreihung von Monstertrucks zu Liebesparaden. Fett waren Eurodance und Hair Metal und Big Beat und MTViva und überhaupt die ganze entpolitisiert feiernde Jugend jener Tage, als deren Antithese Tocotronic Anfang der Neunziger aus den Ruinen musikalischer Independenz aufgestiegen ist.

Rein körperlich war das Trio spindeldürr und linkisch, zwar irgendwie exaltiert, aber sonderbar unterschwellig, so profan wie politisch, alltagslyrisch und philosophisch, alles in einem und nichts davon oder wie es Jens Balzer im Vorwort zu besagten fünf Pfund bebildertem Papier ausdrückt: „Die schönste und klügste und bewegendste Gruppe, die dieses Land in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat.“ Und das ist dann doch mal einen Folianten dieser Größenordnung wert.

Er heißt Tocotronic Chroniken und ist laut Autor weniger Biografie als Montage. Eine Installation dreier Leichtmatrosen in Motto-Shirts, die dank großer Beharrlichkeit und zeitloser Originalität längst auf der Kommandobrücke des deutschen Diskursrocks stehen, von der „Mithüpfband zur Zuhörband“ gereift, wie ein Kritiker schrieb. Wer Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank als erstere erlebt hat, wird sich beim Durchblättern abermals wundern, wie das passieren konnte, was da passiert ist. Ende 1993 etwa, als sie es in einer Genossin namens Rote Flora wagten, zu kreischenden Rockriffs von der Freundin (und ihrem Freund) zu singen statt der Revolution (und wie man die hinkriegt). Auf Deutsch! In bunter Kleidung! Eher beschleunigter Powerpop als ortsüblicher Hardcore!  Die anwesenden Autonomen im dampfenden Keller wirkten spürbar irritiert und repräsentierten damit eine Haltung, die der Band aus dem Eimsbütteler Bunker bis heute entgegenschlägt.

Selbst zu viert mögen Tocotronic plus Rick McPhail weniger wiegen als jedes Mitglied von Grönemeyers fantastischen vier Ärztehosen: Seit dem unausgereiften Debüt Digital ist besser hat fast jedes Album was Bleibendes in der popkulturellen Ikonografie hinterlassen. Ihr dadaistisches Songwriting ersann so viele Bonmots, dass selbst Feinde wie die FAZ Teil dieser Jugendbewegung sein wollten, deren Texte von Lowtzows Textzeilen nur so strotzen. Ihre Ästhetik füllt die Kleiderschränke einer ganzen Generation Großstadtslacker. Ihr androgyner Habitus ist bis heute stilbildend. Und auch Das rote Album, Platte Nummer elf, setzt musikalisch Maßstäbe.

All dies ist nicht nur in den vorigen 20 Jahren singulär, es hat also spielend Potenzial für 384 Seiten Hommage. Strikt entlang der Platten (und gottlob ohne die üblichen Kinderfotos) erzählt, sagen sie viel über Tocotronic, aber auch ihre Zeit an diesem Standort: Hamburg. Als die Band 1993 hier entstand, war keine Stadt vergleichbarer Größe mehr vom Rückzugsgefecht des popkulturellen Anspruchsdenkens betroffen. Doch just, als die unkommerzielle Club- zur Eventkultur aufpoliert wurde, kombinierten junge Bands von Huah! bis Blumfeld NDW so erfolgreich mit Garagenrock, dass daraus ein Sammelbecken selbstironischer Systemanlysten entstand: die Hamburger Schule, in der Tototronic noch 1995 neu waren, bald aber den Ton angaben. Vor allem im Klassenzimmer Heinz Karmers, wo die Band bis zum Abriss fast im Wochenrhythmus Familienfeste gab.

Weil aber nicht nur Freunde und Verwandte mitfeierten, sondern eben jener popkulturelle Mainstream, dem die drei Diskursrocker leidlich kostümierte Verachtung entgegenbrachten, vollzog die „intellektuellste Boygroup Deutschlands“, wie sie ausgerechnet die verhasste Springerpresse lobte, den Wandel zur Erwachsenenband. Trainingsanzüge, WG-Ästhetik und Erste Person Singular wanderten ins Archiv der Nachwendegesellschaft und machten Platz für poetische, oft kryptische, doch unverblümte Systemkritik. Aber hier leben? Nein Danke! Was Tocotronic 1999 auf K.O.O.K. andeuteten und drei Jahre später mit dem Weißen Album vollendeten, war kein Kurswechsel, sondern radikale Abkehr. Und die Überraschung, fast ein Wunder: In den Jubelchor des Feuilletons stimmte niemand geringeres ein als das Publikum!

Es ließ sich sogar etwas gefallen, wovon andere Gassenhauer-Lieferanten nur träumen: Als Schall & Wahn vor fünf Jahren sensationell die Hitparade anführte, standen im Übel & Gefährlich vielleicht zwei Klassiker auf der Set-List. Der Rest war Politlyrik von heute, die verlässlich einstellige Chartsplätze erreicht und dennoch zum hartlinken Soundtrack von Deutschland du Opfer! bis Recht auf Stadt taugt. Man kann das in Balzers Chroniken nachlesen, dem Kompendium einer Band, deren Erfolg – gerade in dieser Permanenz – noch immer virtuell erscheint. Spindeldürr sind sie noch immer. Nur wiegen sie längst mehr. Viel mehr.

 Jens Balzer, Die Tocotronic Chroniken, 384 Seiten, Blumenbar, 49,90 Euro; der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/tocotronic-bildband-chroniken-20-jahre-studiogeschichte

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