Chungking, Andreya Triana, Mikal Cronin,

Chungking

Ein Rauschen, Flimmern, Flehen, ein Wispern, Hauchen, Zittern – schon Alternative, noch Pop oder umgekehrt? Auch auf ihrem dritten Album zelebrieren Chungking den Zauber des Ungewissen mit einfachen, zugleich vertrackten Mitteln. Getragen von der meist verhuschten, gelegentlich aber auch kratzigen Stimme von Jessie Banks, die das Trio aus dem engischen Brighton auch musikalisch gestaltet, wirkt Defender wie eine permanente Selbstverleugnung eigener Stärken – bis dann immer wieder mal scheppernde E-Gitarren oder mystische Orgeleinsätze unter die zurückhaltenden Arrangements gerate und aus der Platte das machen, was sie womöglich gar nicht ein will: Pop.

Ein independenter zwar, der seine Wurzeln spürbar in früher Elektronica der späten Siebziger hat und ein bisschen im Wave der anschließenden Achtziger, aber trotz aller Moll-Sounds und Spielereien auf gängige Harmonien baut, mit ziemlich gelungener Syntax. Das klingt manchmal leicht verstörend, als hätte sich Helen Schneider in die Italo-Disco der Neunziger verlaufen, macht aber fast immer ein gutes Gefühl, anspruchsvoll sediert zu werden. Macht keinen Spaß, aber Freude. Und das ist doch schon mal was, im R’n’B-Zeitalter.

Chunking – Defender (Black Volta)

Andreya Triana

Erstaunlich nur, dass Stellar sich die Kernsubstanz zeitgenössischer Dancefloor-Versorgung verkneift: Rhythm and Blues. Das könnte daran liegen, wie ausgelutscht die zeitgenössische Soul-Variante ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass von den wenigen, die dem saftigen Hitparadengesülze noch etwas Griffigkeit entlocken, eine grad ihr zweites Album veröffentlicht: Andreya Triana. In L.A. produziert, ist Giants wie sein fabelhafter Vorgänger Lost Where I Belong vor fünf Jahren ein herausragendes Stück Nu Soul, der den meisten ihrer zwölf neuen Songs eine Innigkeit verleiht, die gelegentlich für Gänsehaut sorgt.

Dafür braucht sich die Londonerin nicht mal auf ihre geschmeidige Stimme zu verlassen; ausschlaggebend ist vielmehr ein exzellentes Songwriting, das einem gefühligen Liebeslied à la That’s Allright With Me die gleiche Tiefe verleiht wie der energischen Motown-Reminiszenz Keep Running. So viel Kraft und Niveau hatte der missbrauchte R’n’B zuletzt, als sich der weiße Gangsterrapper Plan B als Strickland Banks ein paar Jahrzehnte zurück nach Detroit beamte. Andreya Triana hingegen bleibt trotz aller Nostalgie voll im Hier und Jetzt verwurzelt.

Andreya Triana – Giants (Counter Records)

Mikal Cronin

Ganz am Gestern hingegen scheint sich Mikal Cronin zu orientieren. Abgesehen von den frühen Pixies und den späteren Foo Fighters orientiert sich vermutlich kein Künstler der Gegenwart so offenkundig an Hüsker Dü, den abgedankten Gründervätern des gediegenen Alternative Rock. Wie seine Urahnen aus Minnesota paart der kalifornische Singer/Songwriter den schreienden Lärm postpunkiger Gitarren mit einem weichen, fast einschmeichelnden Organ, das sich gern mal geigenumflort übers Indiepopgeschredder legt wie ein alte Schmusedecke. Dennoch unterscheidet den Endzwanziger mehr vom fast doppelt so alten Hüsker-Kopf Bob Mould als ein Vielfaches mehr an Haaren.

Mikal Cronin ist nicht nur seine eigene Band, sondern ein ganzes Orchester. Von mal schleichenden, mal schreienden Gitarren übers gesamte Blech bis hin zu den Streicharrangements spielt er auch auf der dritten Platte alles alleine ein. Der Titel MCIII mag daher für Kürzel plus Albumzahl stehen; die römische 1103 symbolisiert auch das Repertoire des Multiinstrumentalisten, das gleichsam einen Pop generiert, der trotz wild gerührter Stilelemente von Folk über Klassik bis Hardcore echtes Singer/Songwriting ist. Meist ein grandioses.

Mikal Cronin – MCIII (Merge Records)

 

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