Peter Urban: Die Stimme & der ESC

Ich habe keine nationale Brille

Fachleute behaupten, ohne Peter Urban aus dem betulichen Bramsche würde der glamouröse European Song Contest vermutlich nicht gewertet. Tatsache ist, dass der Moderator aus Hamburg seit 1997 die  nüchterne Stimme im Wahnsinn des ESC liefert und den Reiz-Overkill am Samstag in der ARD auch lange nach seiner Pensionierung mit sanfter Ironie erden wird.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Urban, Sie moderieren den Eurovision Song Test schon, seit er noch Grand Prix d’Eurovision de la Chanson hieß. Welchen Begriff benutzen Sie?

Peter Urban: Ich sage Eurovision Song Contest, wie es eben heißt, aber manchmal rutscht noch Grand Prix raus oder man sagt es in der Moderation, um ein wenig Abwechslung zu haben. Sonst wirst du ja affig, bei der langen Bezeichnung.

Richtige Puristen bleiben bei der.

Echte Puristen hängen wahrscheinlich sogar noch das de la Chanson an. Gott ist das lang. Im englischen Bereich hieß es ohnehin immer ESC, nur wir haben den französischen Titel übernommen. Das haben wir irgendwann geändert, weil es einfach frischer klingt.

Kennen Sie Puristen, für die Tradition alles ist und der Grand Prix ein Fels in der Brandung des Schlagers?

Klar kenne ich die, aber schon der Begriff Schlager ist ja zwiespältig. Ob die darauf Wert legen weiß ich nicht, aber es gibt viele, die auf die alte Art des Wettbewerbs beharren. Es ist gerade vor Ort unfassbar, wie viele Fangruppen existieren, die sich teilweise Journalisten nennen, kleine Fanzines, Zeitschriften, Magazine schreiben und in Massen aus ganz Europa ankommen, die bestehen schon auf traditionelle Abläufe. Viele hätten gern die alten Jurys wieder, worüber man sicher streiten könnte; einige Gewinner hätte es mit dem TED nicht gegeben und einige nicht ohne ihn. Aber die Rückkehr zum alten Schlagerambiente ist eher unerwünscht. Es ist ohnehin eher ein deutsches Phänomen, mit dem Vorurteil zu kämpfen zu haben, es sei ein Schlagerwettbewerb, weil deutschsprachige Popmusik bis in die Siebzigerjahre hinein eben Schlager war. Deutscher Pop fängt eigentlich erst mit Udo Lindenberg an und nahm in den Achtzigern Konturen an, aber so was wurde nie hingeschickt. Die meisten anderen Länder haben immer wieder seriöse Künstler entsandt, während es bei uns stets die leichtere Ecke war.

Wo positionieren Sie sich selbst – eher Gesangswettbewerb oder eher Event?

Also Showelemente sind absolut unerlässlich. Es ist ja kein Wettbewerb des Songs allein, sondern eine Fernsehsendung. Da muss logischerweise etwas zum Schauen angeboten werden. Mir wäre allerdings manchmal lieber, die Künstler würden doch mehr Wert auf die Musik legen also auf die hundertste Choreografie, die einem zu den Ohren raushängt. Das wiederholt sich ja alles, völlig langweilig, immer wieder ein paar herumhüpfende Tänzer im Gegensatz zur Musik – das stört mich schon manchmal bei den Darbietungen, wenn es nur ums Gutaussehen geht. Ich hab’s lieber etwas simpler, dafür auf die Musik konzentriert.

Deshalb haben Sie Auftritte wie den der Monsterrocker Lordi so kritisiert.

Nein, da hatte ich nur anzumerken, dass das keine vernünftige Darbietung für ein Familienprogramm sei. Das ist in seinem Genre für ein bestimmtes Publikum eine beliebte Band, aber ob ich das jetzt um neun Uhr Abends sehen will… Meine Tochter war damals sieben – die durfte das nicht sehen und wollte es auch nicht, um keine Albträume zu kriegen. Das war eher eine geschmackliche Frage.

Mit Exzentrik haben Sie keine Probleme.

Im Gegenteil, das ist sehr gut, solange die Musik dazu ein gewisses qualitatives Niveau hält. Im früheren Einerlei fehlte mir das oft, dieses Auf und Ab, die verschiedenen Stile, die Rocksachen. In diesem Jahr gibt es sehr viel Rock, was einen Stil bedient, den es früher nicht gab. Diese musikalische Abwechslung kann von mir aus noch häufiger stattfinden. Ich würde zum Beispiel unsere erfolgreichsten Bands dorthin schicken wie Silbermond, Juli oder einen Xavier Naidoo, der Soul auf Deutsch singt. Das wären doch die besseren Vertreter, ohne jetzt zu sagen, die aktuellen seien schlecht. Roger Cicero ist eine gute Nummer, sie ist originell, vielleicht für den Rest Europas zu schwierig zu verstehen, aber in den letzten Jahren hatten wir mehrfach Dinge dabei, die wir besser nicht hingeschickt hätten. Das lag aber auch am Vorentscheid, wo es nicht das entsprechende Angebot gab. Aber die Musikwirtschaft hat sich auch nicht sonderlich bemüht, etwas Besseres anzubieten.

Sondern – wer hat das Vorschlagsrecht?

Das geschieht in Abstimmung mit den Fernsehredaktionen mit den Unterhaltungschefs der ARD. Da bin ich nicht involviert.

Was hat sich in all den Jahren, die Sie mittlerweile moderieren, gravierend geändert?

Rockbeiträge. Katrina and the Waves gewannen gerade, als ich das erste Mal dabei war, in Dublin. Dass es kein Orchester mehr gab, dass Playbacks benutzt wurden, die den heutigen Stand der Produktionstechnik einfach besser repräsentieren als eine Liveaufführung mit Orchester. Gerade eine Hiphop-Performance kann man live nicht so gut darbieten wie im Studio mit all den Samples. Es hat sich nicht in klarer Linie verändert, sondern in Wellenbewegungen. Als mit Ruslana aus der Ukraine eine rhythmische Ethnonummer gewann, kamen im Jahr darauf fünf ähnliche Beitrage in dem Stil, was natürlich vollkommener Schwachsinn ist, aber diese Tendenzen gibt es immer: wenn etwas erfolgreich war, wird es im nächsten Jahr kopiert oder entwickelt. 2006 hat eine Hardrocknummer gewonnen und prompt gibt’s mehr Rock, aus Andorra, aus Ländern, von denen man es nie erwartet hätte. Aber auch das ist keine klare Linie. Man könnte jetzt das Visuelle, Rhythmische als Trend bezeichnen, aber direkt davor gab es noch diese beiden Brüder aus Dänemark.

Die Olsen Brothers.

Ziemlich mittelalterlich, die da mit Wandergitarren ein hübsches Liedchen sangen. Davor allerdings gewann mit Marie-Anne jemand, der vor allem durch ständige Kostümwechsel Eindruck geschunden hat.

Andererseits spiegeln die Olsens eher das Zuschaueralter wieder, das sicher eher höher ist.

Das stimmt, aber ich kenne da keine Untersuchungen. Die Quoten sind jedenfalls nach wie vor sehr hoch und in Deutschland waren sie das unter jungen Zuschauern besonders, als Stefan Raab antrat, Guildo Horn 1998 oder Max Mutzke in Istanbul. Was über Raab-Schiene kommt, zieht junges Publikum, ich weiß aber nicht wie sich so was im Ausland verhält. In Schweden zum Beispiel ist der Wettbewerb für alle Generationen ein Muss. Die haben schon beim Vorentscheid 70 Prozent, in England dagegen nehmen Jüngere das nur noch als Comedy wahr, was man regelmäßig an deren Beiträgen sieht, was oft nicht ernst zu nehmen ist.

Und das aus dem Flaggschiff des Pop.

Genau. Das ist immer meine Standardfrage: Ihr seid das Mutterland der Popkultur und schert euch nicht um diesen Contest. Das liegt aber auch daran, dass die Musikindustrie dort überhaupt keinen Wert darauf legt. Das merkt man, auch das Fernsehen ist nicht sonderlich engagiert, deswegen gibt es auch in diesem Jahr wieder nur eine dancige Klamauknummer. Die rangeln um die letzten beiden Plätze.

Ist es denn in Deutschland so, dass sich die jungen Leute eher auf dem Hamburger Spielbudenplatz treffen, um die Grand-Prix-Party zu feiern und die Älteren gucken ganz sachlich daheim?

Sicher, gerade in Hamburg ist das ein Großereignis, aber die Massenpartys wird es dieses Jahr in Deutschland eher nicht geben. Die gab es bei Guildo Horn. Aber ob man diese Trennung nach Generationen vornehmen kann, bezweifle ich. Mein eher älterer Finanzberater fragt mich zum Beispiel ständig, ob wir wieder eine Riesenparty machen, zu der er mit seiner Frau gehen kann.

Wo würden Sie es sehen, wenn Sie nicht gerade arbeiten müssten.

Zuhause. Ich suche auch beim Fußball nicht gerade die Massensituation, sondern bleibe privat oder in kleiner Runde.

So wie früher.

So wie früher, auch wenn ich es in den Achtzigern nicht mehr so intensiv verfolgt habe. Am meisten habe ich es, auch wenn mein Musikgeschmack damals ein anderer war, in den Sechzigern gesehen. Aber aus Interesse am sportlichen Wettbewerb. In den Neunzigern gab es dann in Deutschland den Tiefpunkt, als es in einem Jahr nur in den Dritten Programmen übertragen wurde, weil es nicht dabei war. Insofern finde ich gut, dass es so sehr wiederbelebt wurde, und zwar mit Quoten auf höchstem Standard.

Absteigen kann Deutschland nicht mehr.

Nein, wir finanzieren den Wettbewerb als eines von vier Ländern. Ich persönlich bin mit internationaler Rockmusik groß geworden, die auch in meinem normalen Berufsleben als Radiomoderator eine wichtige Rolle spielt. So gesehen kommentiere ich den Grand Prix als Event, wie früher Spiel ohne Grenzen, das macht mir Spaß. Ich sehe es nicht als großes Kulturereignis, das große Entwicklungen für die Popmusik bedeutet.

Die Übertragung erinnert für Sie ohnehin eher an den Alltag – Sie werden ja nicht im Bild zu sehen sein, sondern vor Ort aus der Box moderieren.

In der Tat. Ich bin gar nicht zu sehen, so wie beim Fußball. Aber die Abstimmung macht mir schon am meisten Spaß. Und er Versuch, ein wenig Ironie unterzubringen, damit es nicht allzu ernst bleibt. Da muss man gleichwohl vorsichtig sein, die nationalen Befindlichkeiten nicht zu sehr zu treffen. Ich bekomme nach der Sendung oft Mails von Menschen, die in Deutschland leben, wenn ich etwa das Kleid des armenischen Beitrags schlecht gemacht habe. Die Leute sind da oft ein bisschen zu empfindlich.

Was auch damit zu tun hat, dass die Veranstaltung immer mehr den Charakter einer nationalen Erweckungsveranstaltung annimmt. Gerade bei den neueren Teilnehmern in Osteuropa scheint sich der Sieg zur Frage kollektiver Identität und nationalem Selbstbewusstsein auszuwachsen.

Das hat sich geändert, ganz klar. Die Länder des Balkans empfinden den Wettbewerb als eine Möglichkeit, ihre nationale Identität darzustellen und geben sich unheimliche Mühe. Wie eine Staatsangelegenheit, die von offizieller Seite unterstützt wird. Sie präsentieren ihr Land in der Welt, aber auch ältere Teilnehmer wie die Türkei oder Griechenland – als die das erste Mal gewonnen haben, waren das nationale Eruptionen, des Stolzes. Gerade in einer Zeit, wo man in der riesigen EU unterzugehen droht, kann man so wieder nationale Besonderheit und Größe zeigen. Wie beim Fußball. Nur gelingt es da nicht so vielen, also ist das die neue Methode, mit der sich gerade kleine Länder mal profilieren können.

Stört sie diese Nationalisierung?

Nicht, solange man es in Grenzen hält. In Deutschland ist das oft schwer zu verstehen, diese Euphorie für den Wettbewerb gibt es bei uns nicht.

Und dann hat beim ersten deutschen Sieg auch noch ein internationalistisches Friedenslied gewonnen.

Auch wenn es musikalisch ein Schlagerliedchen war, das allerdings das internationale Friedensthema sehr geschickt aufgepickt hat. Dafür hat Ralph Siegel eben ein Händchen. Auch, als er 1999 in Jerusalem stattfand, schickten wir ein Völkerverständigungslied einer deutsch-türkischen Gruppe hin und landeten auf Platz drei. Sürpriz. Ganz cleveres Ding. Oder als der Wettbewerb in der Ukraine stattfand, steckte das Land gerade in der orangenen Revolution und dieser Erweckungsruf ging auch durch den Wettbewerbsbeitrag.

Sind Sie ein Grand Prix-Patriot?

Also ich freue mich, wenn ein guter Titel gute Plätze erringt und verhalte mich loyal, aber ich habe keine nationale Brille auf. Wenn wir einen tollen Titel haben und vorn landen, freue ich mich. Aber ich habe mich auch über den achten Platz von Michelle gefreut, obwohl das nun wirklich nicht meine Tasse Tee war. Oder als Max Mutzke Achter wurde. Und selbst der fünfte Platz von Stefan Raab, der nicht grad einer der sympathischsten Menschen ist, aber ein sehr cleverer und kluger Mann, hat mich sehr gefreut.

Da stellt sich die Frage, ob die großen alten Nationen des Grand Prix überhaupt je wieder eine Chance haben, durch diese Phalanx osteuropäischer Länder zu dringen, von der oft die Rede ist.

Das sehe ich nicht so. Es gibt sicherlich eine Gemeinschaft füreinander zu stimmen, aber das liegt auch am ähnlichen Musikgeschmack, der etwa auf dem Balkan vorherrscht. Die Russen, die in allen anderen alten Gebieten leben, stimmen natürlich häufig für ihren Beitrag, aber das reicht nicht. Man muss Stimmen aus allen Ländern bekommen, um zu gewinnen. Die Hilfs-, die Bruderstimmen helfen für Platz acht bis zwölf. Unter die ersten zehn zu kommen, die direkte Qualifikation fürs nächste Finale also, ist damit allein nicht zu schaffen. Die automatisch qualifizierten großen Vier wie Frankreich, England, Deutschland kommen ja meist gar nicht so weit. Fürs Gewinnen reichen die Bruderländer nicht aus. Aber die Franzosen, die den Wettbewerb ansonsten immer so furchtbar bierernst nehmen.

Und den Begriff Chanson noch wörtlicher nehmen.

Genau. Strohtrocken. Die haben in diesem Jahr eine lustige Punknummer. Da könnte glatt mal ein Titel aus so einem Land gewinnen.

So gesehen verliert der Grand Prix zusehends den Charakter, den ihm der Moderator des deutschen Vorentscheids, Thomas Hermanns, verliehen hat: Bayreuth der Popmusik.

(lacht) Oh je, also er meinte das sicher auch wegen des Glamours.

Und wegen des Trutzigen der Veranstaltung.

Ein Fels in der Brandung, voller Tradition. Mag sein. Aber Hermanns gehört auch zu den Leuten, die sich bei jedem Detail auskennen und auch an Dingen erfreuen können, die nur echte Fans erdulden. Er und Georg Uecker können sich den ganzen Abend vor Publikum über den Grand Prix unterhalten, ohne dass man die Show überhaupt bräuchte. Wunderbar.

Sehen Sie den Wettbewerb auch als ein großes kulturelles Festival an?

Nein, eher wie eine Europameisterschaft. Oder wie Games without Frontieres, das es als Spiel ohne Grenzen zu meiner Jugendzeit noch im Fernsehen gab. also eine Sportveranstaltung mit spielerischem Charakter. So sieht es bei uns aus. Aber durch meine Tätigkeit als Kommentator habe ich herausgefunden, welche ungeheure Bedeutung sie in anderen Ländern spielt. Als es erstmals in Irland stattfand – mein Gott, wir wurden da wie Staatsgäste behandelt und mit Motorradkonvois zur Halle geleitet. Selbst in Dänemark war es ein absolutes nationales Ereignis.

Wächst die Euphorie umgekehrt proportional zur Größe des Landes?

Da ist was dran. In Birmingham dagegen ging die Show im Alltag fast unter.

Was dann wohl passiert, wenn Malta mal gewinnt.

Unglaublich, unvorstellbar, Ausnahmezustand.

Und wer gewinnt dieses Jahr?

Ganz schwer einzuschätzen. Und ich habe auch noch nie richtig gelegen mit einem Tipp; deshalb würde ich darauf nicht allzu viel geben. Aber es ist auch schwer vorherzusagen, gerade weil es live gesungen ist, das hat mit den Studioversionen, die man vorher zu hören kriegt, oft wenig zu tun.

Noch eine Existenzberechtigung der Sendung: Live wird immer seltener im Fernsehen.

In der Tat. Leider. Bei Stefan Raab dagegen wird immer live gesungen, das finde ich super.

Und deswegen treten bei TV Total auch stets die größten Stars auf.

Sehen Sie. Früher hieß es oft, live kriegen wir technisch nicht hin. Alles Quatsch. Man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, wenigstens Halbplayback.

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