Smaland: Pippi, Holz & Bullerbü

imagesKleines Land ganz groß

Nirgends können sich Kinder so erwachsen fühlen und Erwachsene gleichsam so jung wie in Småland, dem Rohstoff von Astrid Lingrens Erzählungen einer selbstbewussten Kindheit. Ein Rundreise durch Vergnügungsparks ohne Karussele, liebliche Landschaften und eine Stadt aus Holz zu Pippi Langstrumpfs 70. Geburtstag.

Von Jan Freitag

Ob Steine reden können? Die Frage drängt sich förmlich auf in dieser Kleinstadt am Nordrand Smålands: Eksjö, Inbegriff südschwedischer Betulichkeit, wo das Knüppelpflaster rumpelt als rollten noch Pferdefuhrwerke zum Markt, wo jeder Ziegel Geschichte atmet. „Unsere Steine sind sogar richtig gesprächig“, sagt Christina Giebs in fließendem Deutsch. Sie lacht. „Aber Holz“, fügt die ortskundige, ach: ortsversessene Lehrerin hinzu und ihre Begeisterung schüttelt den ganzen Leib vor Heimatliebe, „Holz redet nicht nur, es erzählt“. Und zwar von mehr als bloß Architektur, Wohnen, Vergangenheit. Holz, wieder dieses Ganzkörperlachen, „Holz hat Gefühle“. Und von denen wolle es berichten.

Also lassen wir es zu Wort kommen, in einem skandinavischen Bilderbuchort, dessen Name von Eingeborenen wie Christina intoniert wird, als gurgele sie dabei mit Magerquark. Aus Eksjö wird also Ähch’hö, unaussprechlich wie dieser zauberhafte Ort in einem verzauberten Land. Småland. Kleines Land. Lindgren-Land, doch dazu später mehr. Zunächst mal geht es um die „Holzstadt“, wieKrusaga¦èrden Eksjö genannt wird. Es ist die wohl süßeste all jener nicht allzu großen bis ziemlich kleinen Siedlungen der Provinz, die vornehmlich aus dem schwatzhaften Lieblingsmaterial dieser waldreichen Gegend gefertigt sind. Meist sind es rotweiß getünchte Zungenbrecher à la Hjo, und glaube niemand, Gränna spräche sich auch Gränna aus. Vieles hier ist in seiner schlichten Schönheit schwer begreiflich. Und wenig ist so unbegreiflich schön wie Eksjö. Zumindest im Innern.

Denn wer das Herz dieses sorgsam konservierten Mittelalterfleckens mit seinen kaum 10.000 Bewohnern durchmisst, unternimmt eine kleine Zeitreise durch die lange Vergangenheit einer Gemeinde, die es so gar nicht geben dürfte. Nicht mehr. Zwei Drittel der Altstadt, schwärmt Christina, die es nach 20 ihrer 47 Jahre in Deutschland erst kürzlich wieder heimwärts zog, seien vor 1900 erbaut, ein Viertel gar bis 1850. Und dass der Durchschnitt dieses abrissfreudigen Landes von sechs Prozent so deutlich übertroffen werde, liege weniger an der Verwaltung oder gar Zufall, „es liegt an den Bewohnern“. Einfache Leute, meint Christina fühlbar stolz, die schon zu einer Zeit gegen drohende Wurzelvergessenheit ihrer Stadt protestierten, als etwas Abstraktes wie Denkmalschutz noch gar keinen Platz im Alltag fand.

Im beschaulichen Krusagården nämlich, dem König Gustav VI. Adolf 1954 bei einem Besuch persönlich den ortsüblichen Glücksbaum als symbolischen Brandschutz ins Hofzentrum pflanzte, sollte zehn Jahre zuvor anstelle des alten Handelshofs ein modernes Warenhaus entstehen. Doch es regte sich rasch Widerstand. Heftig. Und erfolgreich. Ohne ihn hätte, wo heute ein Verein älterer Damen inmitten redseligen Holzes Kaffee und Waffeln serviert, fortan schweigsamer Stein regiert. Geschäfte statt Gemütlichkeit. „Es wäre der Anfang vom Ende unserer Seele gewesen“, glaubt Christina. Und zwar lang vorm Beginn ihres Hobbys, in den endlosen Sommerferien dieser winterdunklen Region Besucher durch die Gassen, Winkel, Gebäude zu lenken.

Es sind beredte Zeugen eines Wohnraum gebliebenen Museums, um das sich der Eksjöån schlängelt, als sei der Bach, den selbst zugezogene Schweden oft falsch aussprechen, ein Burggraben. Das städtische Markenzeichen aber sind die reich bepflanzten Innenhöfe, deren Baumbestand wie besagte Königseiche ein magisches Licht auf verwitterte Sitzbänke in wilden Blumenbeeten streut. Liebevoll vernachlässigt, erzählen Dutzende Gården genannten Oasen in der Oase von den Menschen, die darin weiterhin leben, mehr aber noch von jenen, die es einst taten. Vom Hutmacher Axel, dessen militärischer Auftraggeber so gut zahlte, dass der Laubengang im Forssellska Gården noch 100 Jahre später den Wohlstand seines bekanntesten Besitzers bezeugt. Vom Kupferschläger Nils, der dem Fornminnesgården gegenüber des Stadtmuseums schon im 17. Jahrhundert sein uriges Gesicht verlieh. Vom Barbier Johann, der ein paar Meter weiter vor bald 400 Jahren als Bader Kranke heilte, wovon noch heute eine Rasierschüssel über der Tür und putzige Anekdoten von Christina berichten. Und natürlich vom Aschanska Gården, dem ältesten vor Ort, der jedem Stadtbrand getrotzt hat und dennoch aussieht, als hätte man nach dem letzten schlampig renoviert – unprätentiös, aber urgemütlich, wie er sich zwischen die zwei Hauptwege der Altstadt legt.

Fast alles hier wie überall in der Gegend verströmt einen speziellen Duft aus Pragmatismus und Verspieltheit, gestern und heute, aus Fürsorge und Laissez Faire, im Grunde also Erwachsenenwelt und Kindheit – jene Mischung, die Småland auch literarisch prägt. Denn im Rückzugsraum von Eksjö spürt man ebenso wie in den Ortschaften ringsum, wie in ganz Südschweden das, was Astrid Lindgren in ihrer Heimatregion gespürt haben mag, um die Zeitlosigkeit ihrer Geschichten zu grundieren. Wer zum Beispiel Michel liest, der im Herbst 50 Jahre Erstveröffentlichung feiert, findet in der Gemeinde Eksjö all die realen Vorbilder literarischer Orte: Lönneberga, Mariannelund, selbst Katthult, als Dorf und als begehbare Drehkulisse, Michels Fluchtschuppen inklusive. In Småland, wo neben vielen Büchern auch ein Großteil der Filme entstand, wird aus Lindgrens Einfallsreichtum Wirklichkeit und aus ihr wieder Phantasie.

Denn nur hier, so scheint es, konnte die Wechselwirkung von Wahrheit und Fiktion eine solch schöpferische Wucht entfalten. Weshalb daraus wohl nur hier ein wahres Märchenland entstehen konnte wie Astrid Lindgrens Värld am Rande Vimmerbys, wo die Schriftstellerin 1907 zur Welt kam. Und diese Welt eine Stunde östlich von Eksjö ist nicht weniger als der schönste Erlebnispark überhaupt, Schwedens größtes Freilichttheater, dessen sechs Bühnen von früh bis spät die Werke der Nobelpreisträgerin vorführen. Auf Schwedisch zwar, aber das macht den 50.000 Deutschen pro Jahr offenbar nichts aus, die den 76 Schauspielern lauschen, als sprächen sie eine universelle Sprache. In Kulissen, die nicht bloß Hintergründe bilden, sondern Organe eines lebendigen Körpers.

Ronja Räubertochters Matthisburg etwa, in annähernd voller Pracht aus solidem Stein erbaut; die Villa Kunterbunt, statt nur Fassade ein richtiges Haus mit richtigem See, richtigem Piratenschiff und falschem Pferd, das eine der drei jungen Pippi-Darstellerinnen per Seilzug hebt. Oder Michels Bauernhof, als sei die berühmten Serie 1971 hier gedreht worden, statt in der Gegend um Marinannelund, wo die Zeit nach der letzten Klappe stehen geblieben scheint. Dazu Bullerbü und Karlssons Dach, viel Wald und Viehweiden, robuste Spielgeräte aus Astrid Lindgrens Schaffensperiode und bloß am Anfang, mehr Pflicht als Profitmodell, die Merchandisingshops nebst Kino.

Das Einzigartige aber, eine Art Alleinstellungsmerkmal: Supermegamammutloopingbahnen gibt es hier ebenso wenig wie simple Karussells und auch sonst nichts vom überdrehten Entertainment der Marke Disney. Auf diese Reduktion bestand die Autorin bereits 1990, als aus der kostenlosen Miniaturversion ihres Heimatortes peu à peu die große Welt ihrer Figuren wurde. Weil sie Kommerz strikt ablehnte, gibt es auch elf Jahre nach ihrem Tod statt Pommes und Cola nur Gerichte, die auch ihre Protagonisten essen. Deshalb kosten Kaffee und Zimtschnecke keine zwei Euro, deshalb ist das einzige, was keinen Bezug zu den Büchern hat, Pippis selbsternannte Gouvernante Fräulein Prysselius, die nur in den Filmen vorkommt. Und deshalb, das vor allem, ist die einzig echte Sensation hier eine Stille, die für Erinnerung, Besinnlichkeit und doch ein Gefühl von Abenteuer, Freiheit, Renitenz sorgt.

Kein Teich ist umzäunt, kaum ein Weg befestigt und wenn der Vorhang eines Stückes fällt, dürfen, nein: sollen die Zuschauer jede Kulisse betreten. So gerät der Park zum Refugium der Anarchie im verregelten Spaßalltag moderner Freizeitparks. Hier ist definitiv nicht Thomas-und-Annika-Land, hier ist Pippi-Land. Was auch bedeutet: Astrid Lindgrens Värld ist ein Erwachsenenpark für Kinder und umgekehrt Kinderpark für Erwachsene. Und sicher nicht ohne Grund legt die Erfinderin ihrer berühmtesten Figur einen Satz in den Mund, der dieses Paradox betont. „Liebe kleine Krummelus“, sagt Pippi am Ende zu einem der vielen Produkte ihrer unerschöpflichen Vorstellungskraft, „lass uns niemals werden gruss“.

Mit diesem holprigen Reim wünscht sie sich und ihren Freunden, ewig Kinder zu bleiben. Was allerdings – wie Lindgren selbst mal sagte – ein zutiefst erwachsener Wunsch ist. Denn Kinder wollen ja wachsen und zwar schnell. Nur die Großen wünschen sich bisweilen wieder klein zu sein, spätestens dann, wenn sie hier mit Tränen in den Augen die Anfangsmelodien der zeitlosen Filme hören, wenn die Figuren dazu Lindgrens Idee vom selbstbewussten Reifen zelebrieren, wenn Eltern spüren, was diese Bücher aus ihnen gemacht haben und ihre Kinder, wie sie mit ihnen das Gleiche anstellen.

In dieser Welt können also beide beides sein, alt und jung, groß wie klein, erwachsen aufwachsend. Und das teilt Lindgrens Värlt mit der erlebnisreich ereignislosen Nachbarschaft Smålands, in der so wenig passiert und gerade deshalb so viel. In der es rotweiße Holzhäuser gibt wie andernorts Autos, und kostenlose Badestrände wie Parkplätze, aber keine künstliche Unterhaltungsstruktur. Nur Land und Leute. Wer die Landstraße 40 gemächlichen Tempos von Ost nach West und zurück fährt, dem zeigt sich halb Südschweden, ganz Småland, die Gemeinden Eksjö und Vimmerby nicht als Resultate städtebaulicher Prozesse, sondern eigens entworfen für die Bestätigung dessen, was als Bullerbü-Syndrom in den Strom unverwüstlicher Klischees vom idyllischen Nachbarland einfließt.

Das merkwürdige an diesem Klischee aber ist: irgendwie stimmt es, wenigstens ein bisschen. Sofern man sich drauf einlässt und für ein paar Wochen im Sommer sein Alter vergisst, den Alltag, alles. Am Hunsnäsen-See etwa, sagt Christina Giebs, „da ist das möglich“. Einfach ans Ufer setzen, übers gekräuselte Wasser auf Eksjö schauen und sich fühlen wie zu Astrid Lindgrens Zeit. Sie lacht wieder ihr Ganzkörperlachen. So einfach ist das.

Der Text ist vorab in der Süddeutschen Zeitung erschienen

Infos Smaland/Eskjö/Astrid Lindgrens Värld

www.visitsmaland.se

http://deu.visiteksjo.se

http://www.alv.se/de

www.eksjostadshotell.se

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