Two and a Half Men: Ende der Lachkonserven

Null und kein halber Mann

Nach 225 Folgen in zwölf Jahren und Milliarden fröhlicher Zuschauer ist der Vorreiter des jüngsten Sitcom-Booms am Dienstag auch in Deutschland vom Bildschirm abgetreten. Natürlich wird Pro7 noch bis in alle Ewigkeit Wiederholungen senden, doch mehr denn je stellt sich nun die Frage, warum Two and a Half Men eigentlich so absurd erfolgreich waren? Ein Erklärungsversuch.

Von Jan Freitag

Es gibt unzählige Arten zu lachen: Gehässiges und herzliches Gelächter, schallendes und bauchiges, bitteres und blödes, überdrehtes und verstohlenes, falsches wie ehrliches. Lachen, das im Halse stecken bleibt, zu Herzen geht oder nach innen erfolgt. Es gibt also schönes und hässliches Lachen. Das hässlichste aber, schlimmer als jedes schadenfroh sarkastisch hinterhältige Fieslingslachen ist: Lachen vom Band.

Nicht umsonst nennt man es in den USA, wo so eine Tonspur seit 1950 über den Fernsehhumor gekippt wird, Lachkonserve: abgekocht, aseptisch, wenig nachhaltig, ewig haltbar. Da es den Zuschauern vorm Bildschirm schwerfällt, Gefühlen freien Lauf zu lassen, delegieren sie ihre Empfindung an andere. Die Sozialwissenschaft spricht von Interpassivität: Pointe, Plastiklacher, Pulsanstieg samt Spaßgefühl, als habe das Publikum selbst gelacht. Klingt nach einem netten Service in  isolierter Zeit. Einerseits. Andererseits signalisieren Lachkonserven auch an ziemlich witzlosen Stellen Humor.

Womit wir in Malibu-Beach wären.

Hier nämlich haben Charly, Alan, Jake und Walden ein Häuschen am Strand, in dem es zwar meist komisch zugeht, aber selten so brüllend, wie das ständige Kunstlachen suggeriert. Beispiele gefällig? „Morgen, Jake, wie willst du deine Eier?“ Antwort: „Im Osternest!“ Hysterisches Lachen. Oder: „Warst du im Bett?“ Antwort: „Nicht in meinem!“ Hysterisches Lachen. Oder: „Ist dir dein Vater plötzlich nicht mehr gut genug?“ Antwort: „Was heißt denn hier plötzlich!“ Hysterisches Lachen. Mal zum Schmunzeln, mal zum Grinsen, nie zum Brüllen – so geht es immerfort, bei Two and half men, der erfolgreichsten Sitcom ihrer Generation.

Zwölf Staffeln, 225 Folgen, gut ein Jahrzehnt lang Quotenkrösus in 40 Ländern, auf ProSieben schon mal ganztätig, Kalauerfutter für Milliarden rund um den Erdball. Mit Fließbandwitzen zum Thema Sex, Saufen, Saufen und Sex schreibt die CBS-Serie seit der Erstausstrahlung am 22. September 2013 Fernsehgeschichte. Genauer: schrieb. Jetzt lief die Story um eine groteske Männer-WG mit Charly Sheen als trinkfreudigem Weiberheld, John Cryer als sein geschiedener Bruder, Angus T. Jones als dessen dicker Sohn Jake und Ashton Kutcher als melodramatischer Milliardär, der die moralisch versiffte Hauptfigur zur neunten Staffel ersetzt hat, zum letzten Mal.

Das ist schon eine Würdigung wert. Kritiker würden sagen: auf dem Weg zur Hölle, Fans hingegen: gen Himmel. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Two and a Half Men hat ja in vielerlei Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Wirtschaftlich war die Serie derart erfolgreich, dass Charly Sheen zum Gründungsmitglied des Million-Dollar-Clubs jener Seriendarsteller wurde, die pro Episode siebenstellig verdienen, was der junge Angus zwar nur zu einem Viertel erreichte, damit aber zum bestbezahlten Kinderstar seiner Generation wurde. Personell hatte Chuck Lorres Erfindung auch nach dem Rauswurf des zügellosen Superstars vor gut drei Jahren eine so große Sogwirkung, dass die Liste prominenter Gastauftritte von Sean Penn über Mila Kunis und Megan Fox bis hin zu Arnold Schwarzenegger schier endlos ist. Doch selbst dramaturgisch ging das Format über die Aneinanderreihung derber Zoten hinaus.

Die blutsverwandte Männergruppe war nämlich nicht weniger als ein Abbild der Anschlussblockade ihrer Geschlechtsgenossen ans neue Jahrtausend. Zwischen Spaßgesellschaft, Dauerkrise und Hyperindividualismus wurden nach 9/11 ausgerechnet die Herren der Schöpfung abgehängt. Ausgerechnet diese zweieinhalb Kerle kennzeichnen da drei Archetypen dieser Verkümmerung: Auf der einen Seite Alan, ein Emanzipationsverlierer mit prekärem Job im Gesundheitswesen, dessen Männlichkeit im steten Clinch mit Anspruch und Wirklichkeit liegt. Auf der anderen Charly, ein Adoleszenzverweigerer, der den drohenden Bedeutungsverlust mit verantwortungslosem Sex, reichlich Alkohol und mangelndem Realitätssinn kompensierte. Und mittendrin Jake, der seinem Vater die Coolness des Onkels soufflieren muss und umgekehrt etwas Vernunft, was den heillos verfressenen Teenager zuletzt von der Spielkonsole zur Army führt, also hinein in die letzte Bastion amerikanischen Männlichkeitskults, aber raus aus der Serie.

Besser könnte man die Abwärtsspirale im Way of Life der USA kaum darstellen. Im Kern geht es allerdings nicht um soziokulturelle Relevanz, sondern ein Medieninvestment zur heiteren Entspannung nach Feierabend. Auch im gestrigen Finale ging es also bestenfalls hintergründig um ein Fazit, gar Lösungsansätze für die Zukunft, sondern ausschließlich um die Show. In durften Gaststars wie Arnold Schwarzenegger auftreten, Rückkehrer wie der gereifte Jake und nicht zuletzt Charly, den man zwar nur hüftabwärts von hinten sehen konnte, als umflort von den üblichen Sexwitzchen mit Promille ein fliegendes Klavier auf ihn herniederging und sodann ein zweites auf den Showrunner. Es ist also wirklich zu Ende. Ist es?

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