Rocko Schamonie: Pudel-Club & Big-Band-Pop

rockoJenseits des Chartsgedudels

Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni ist das glamouröse Gewissen der Hamburger Subkultur. Als Musiker bringt sein fett orchestrierter Crooner-Sound etwas Glanz in die neonblöde Hamburger Eventkultur, als Clubbetreiber ist sein Golden Pudel eines der letzten Refugien alternativer Party auf St. Pauli. Im Interview am Rande des Schanzenviertels stellt er seine Cover-Album Die Vergessenen (Staatsakt) vor, äußert sich aber natürlich auch zu Verdrängung, Ausverkauf und Gentrification.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Tobias, Rocko, dein neues Album klingt irgendwie sonderbar nach vielem, was man irgendwie kennt, aber nicht so genau zuordnen kann. Sind das durchweg Coversongs?

Rocko Schamoni: Durchweg, genau.

Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt?

Nach subjektiven. Aus 1500 Titeln, die wir so durchgewühlt haben, mit allem, was es von Schlager über Independent bis Chanson so gibt, sind diese 13 hier hängen geblieben. Das hätten auch ganz andere sein können.

Klingt ein bisschen nach Zufallsgenerator…

Das nicht. Aber wenn man wie ich mit einem Arrangeur wie Sebastian Hoffmann zusammensitzt und eine Auswahl trifft, hat das viel mit Atmosphäre zu tun. Bei manchen Stücken geht halt was in einem los, bei anderen nicht. Ich persönlich hatte Favoriten, die in meinem Leben bedeutsam waren oder die ich schlichtweg für unterrepräsentiert halte. Wir beide kommen ja stark von der Filmmusik her, Soundtracks haben uns schon immer geprägt. Wenn man sich dann Die geheime Weltregierung von Guz vorspielt…

Dem Sänger der Aeronauten.

… dann kommen Leuten wie uns eben schnell mal Streichersätze von Ennio Morricone in den Sinn, die man damit verweben könnte.

Sind die gecoverten Stücke denn werkgetreu interpretiert oder gibt es Mash-ups verschiedener Songs?

Textlich bleiben wir ohnehin strikt am Original. Musikalisch gibt es zumindest live ein paar Mash-ups. Im Studio gäbe es zu viele rechtliche Probleme, wenn du alles munter durcheinander mixt. Die Arbeit wollten wir uns nicht machen.

Steckt in der Idee, ein Coveralbum zu machen, irgendeine Metaebene ans Publikum?

Nee. Der Grund für die ganze Geschichte ist viel einfacher. Vor anderthalb Jahren gab es von den Ruhrfestspielen in Recklinghausen eine Anfrage, ob ich und Sebastian einen musikalischen Abend gestalten wollen. Da hatten wir sofort Lust auf etwas mit Orchester, was sonst selten gespielt wird. Diese Idee hat uns so gut gefallen, dass wir daraus gleich noch eine Platte machen wollten – wofür wir dann eine Crowd-Funding-Action gestartet haben.

Offenbar mit Erfolg.

Im Grunde ja, es gab insgesamt 612 Spender. Aber als wir das Geld beisammen hatten, haben die Ruhrfestspiele wieder abgesagt. Und statt das Geld zurückzuzahlen, haben wir halt wenigstens das mit der Platte gemacht. Ich kann schon verstehen, dass die Leute mit Coversongs gern eine Botschaft verbinden möchten, aber es gibt keinen tieferen Anlass. Wir wollen niemanden in der deutschen Kulturlandschaft aus irgendwas aufwecken. Es geht nicht um die Errettung der hiesigen Popmusik.

Weil genau das aber im Grunde jeder von einem politisch bewussten Künstler wie dir erwartet, könnte so ein Album zumindest als Kurzurlaub vom dauernden Subkultur-Retten klingen…

Vielleicht. Andererseits sind oft kratzbürstige Künstler wie FSK dabei, die immer für was anderes als den Mainstream standen. So gesehen ist es schon auch ein Statement zu dem, was heutzutage die Radiolandschaft dominiert, wo es keine Pflege der vielen guten Künstlern mit tollen Songs gibt, sondern dauernde Reproduktion von Massenware. Wir verweisen da auf die Vielfalt jenseits der fünf Prozent Chartsgedudel, das überall läuft.

Wovon steckt nach deiner Interpretation denn mehr drin – deine Aneignung mit glamourösem Big-Band-Stil oder der Sound des Originals?

Natürlich letzteres. Es bleiben ja deren Songs mit deren Texten. Aber ich mag natürlich diesen Crooner-Sound; wer mit meinen breitbandigen Filmscores nicht zurechtkommt, kann mit der Platte bestimmt nichts anfangen.

Zumal du diese Scores sicher nicht digital im Studio eingespielt hast.

Im Gegenteil: Das ist ein richtiges Orchester, 18 Leute – Streicher, Bläser, das volle Programm, fünf Wochen im Studio. An der Platte ist mal überhaupt nichts digital, da kommt jede Note von echten Musikern mit echten Instrumenten.

Das klingt nicht nach der richtigen Größenordnung für kleine Clubs…

Deshalb treten wir damit ja als erstes im Hamburger Thalia-Theater auf und auch danach in Berlin, Frankfurt, Hannover oder Düsseldorf in großen Sälen.

Also eher nicht im Golden Pudel, deinem eigenen Club unten am Hafen?

Ich fände das toll, aber wenn wir uns darin aufgebaut hätten, würde leider kein Publikum mehr Platz finden. Der Pudel ist doch etwas klein.

Und in seinem Bestand gefährdet, wie man den Medien entnehmen konnte. Was genau ist da los?

Es geht da um eine Teilungsversteigerung, bei der jeder mitbieten kann. Eine ziemlich schwierige Situation für den Pudel, denn damit ist er zu dem geworden, was er nie sein sollte: Ein Spekulationsobjekt.

Aber es gibt doch einen langfristigen Pachtvertrag?

Sogar 13 Jahre, das schon. Aber wenn bei dieser Versteigerung ein Großinvestor aus Russland kommt und unbedingt dieses Stückchen Erde am Wasser haben will, um eine Frittenbude hinzubauen, kann das theoretisch passieren.

Gibt es nicht diverse Nutzungsbeschränkungen?

Schon. Zum einen bauliche; das Haus darf nur so genutzt werde, wie es da steht, in genau dieser Form. Es darf also weder eine Hochhaus an seine Stelle noch eine Tankstelle. Zum anderen ist die kulturelle Nutzung vorgeschrieben, die der Investor aber theoretisch umgehen könnte, wenn er in seiner Frittenbude ab und zu einen Gitarristen in die Ecke stellt. Aber der Pudel ist schon länger an diesem Ort als jeder Streit darum. Deshalb glauben wir, dass es genügend Leute in der Stadt gibt, denen viel daran liegt, dass es den Pudel auch über 2028 hinaus noch geben wird.

Als letztes Refugium einer zusehends ausgedünnten Independentkultur?

Es geht weniger um Independent, als darum, was aus dem Stadtteil insgesamt wird. Und das hat nicht nur mit Musik zu tun, sondern auch mit den Menschen, die hier leben und arbeiten. Der Stadtteil steht vor dem Ausverkauf, alles wird privatisiert, alte, vor allem arme Anwohner werden vertrieben. Dagegen kämpfen wir auch mit dem Pudel.

Mit der ernsten Aussicht auf Erfolg oder auch ein bisschen, um sich wenigstens nicht kampflos ins Unvermeidbare zu ergeben?

Wenn man nicht glaubt, dass sich was verändern lässt, braucht man auch nicht dafür grade zu stehen. Und wenn wir St. Pauli aufgeben, wäre der letzte widerständige Part Hamburgs mit einem Rest von Kanten, Dreck und Unverkäuflichkeit verloren. Es gibt also die Hoffnung, unsere Ideale von einer lebenswerten Stadt für alle durchzusetzen.

Wird das nächste Album dem dann auch wieder musikalisch Ausdruck verleihen?

So weit kann ich grad nicht denken, dafür hat die Arbeit an diesem Projekt zu viel Kraft und Zeit gekostet.

Bleibt da wenigstens noch Luft für eine Fortsetzung von Fraktus?

Da sind wir seit zwei Jahren dran, aber Investoren, Sender, Produzenten zu finden, die so was finanzieren, ist nicht einfach. Für den ersten Teil haben wir 13 Jahre gebraucht! Das wird ein schwerer Weg. Kannst dir ja ausrechnen, wann dann der zweite kommt.

Ungefähr, wenn euer Pachtvertrag für den Pudel Club verlängert wird?

Exakt

Der Text ist vorab auf www.musikblog.eu erschienen

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