Reise: Barfuß über Bucheckern

Barfu§park Egestorf, Ahornweg 9, 21272 Egestorf

Sauber veschlammt

Ohne Schuhe über Bucheckern, Lehm oder Glasscherben entdeckt man degenerierte Sinne wieder (@Barfußpark Egestorf). Zu Besuch in einem Barfußpark nahe Hamburg.

Von Jan Freitag

Der Fuß ist ein empfindliches Werkzeug. Was heißt ist: er wurde dazu gemacht. Eingepfercht in enges Schuhwerk, malträtiert mit absurden Absätzen, geformt, gepresst, gestreckt vom Diktat wechselnder Moden. Wir können nicht mehr mit den Zehen tasten, der Ferse rollen, dem Ballen federn. Wir lassen ein Meer aus Rezeptoren verkümmern und ein Viertel unserer Knochen, spüren Schmerz, wo er nicht hingehört, und Scham wenn uns ganz unten wer zu nahe kommt. Degeneriert zu taktilen Autisten, sind uns die Fundamente seltsam fremd, nackt zumal. Barfüße: Kinderkram.

Doch dann – unversehens, unerwartet, Huch! – versinkt man knöcheltief in einer breiigen Masse, tritt nach langen Sekunden braun verschmiert heraus und mit einem Mal werden die Füße wieder zu Körperteilen, Extremitäten, zu sich selbst. So fühlt sich also ein Barfußpark an. Inmitten der Lüneburger Heide gibt es eine dieser Massagebänke der Natur, Trampelpfade fürs Wohlergehen des kompliziertesten aller Glieder. Exakt 50 davon existieren in Deutschland, aber der in Egestorf, am Rande des Naturschutzgebiets, zählt zu den schönsten. Und härtesten. Womit wir beim Wesentlichen wären.

Denn schon die ersten Schritte sind qualvoll, fühlt man sich doch in der Öffentlichkeit ohne Schuhe sonderbar entblößt, abseits von Badegewässern. Also rasch ins Kneipbecken, zum nächsten, dem wahren Schmerz. Grundwassertemperiert beißt er sich durchs Schienbein zum Knie in die Wade und zurück. Ein Playstation-Teeny mit schiefem Basecap gibt schon hier schreiend auf. Das kann ja heiter werden…

Wird es auch: Auf Rasengittersteinen Kieseln, selbst Glasscherben – alles ungewohnt, so ohne Socken, aber nicht ungewöhnlich. Und dann Rindenmulch, ein Gefühl wie auf Flokati, wie Erinnerungen aus Kindtagen. Nur welche? Die nächsten werden klarer: nasser Lehm, Moor, Reisig und Torf, gefolgt von Hängebrücken, Plattenwegen, Hochstelzen, flankiert von lehrreichen Gimmicks zum Hören, Tasten, Riechen von Flora und Fauna. Es sind sensorische Genüsse zwischen Attraktion, Überraschung und Balance in Vorbereitung auf die echten Grenzerfahrungen: Bucheckern etwa (aua?), Heidekraut (aua?!), Tannenzapfen (aua!). Nichts verpflichtet zum Erdulden, überall gibt es Nebenstrecken auf Sand, Holz, Wiese – aber das wäre ja feige…

Dennoch ist der Parcours kein Ort der Kasteiung; er führt über verschüttete Sinne zu einem Gefühl innerer Reinigung. Verkrustet, schlammig, bestens durchblutet sind die Füße nach knapp drei Kilometern Spaziergang auf 30 Fußballfeldern Wald und doch scheint man sauberer als zuvor. Es ist ein Extremsport der Reize, die erdnahe Variante jener Nude Shoes, mit denen die Lifestyleindustrie uns Großstadtkrüppel Natur vorgaukelt, ohne gleich darin zu versinken; Schuhe, die sich tragen, als ginge man ohne. Tut man aber nicht, man tut nur so. Ein Barfußpark dagegen ist echter. Eine Touristenattraktion zwar, aber von Neurologen empfohlen, sogar mitentwickelt, wie hier in Egestorf, ein Naturheilmittel. Verschreiben lassen kann man es sich dennoch nicht. Schade eigentlich.

www.barfusspark-egestorf.de

www.barfusspark.info

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