Paul Weller, Leyya, Schluck den Druck

Paul Weller

In Würde zu altern ist – falls man nicht grad jung sterben will – ein Primärziel menschlicher Reifung. Botox mit 47, Harley mit 57, Basecap mit 67 führen ja eher zu Fremdscham als Age Credibility. Man muss sich das mit der Würde ohne nachzuhelfen allerdings auch leisten können. Paul Weller zum Beispiel hätte seit dieser Woche hierzulande gesetzlichen Anspruch auf Rente, sieht jedoch auch ohne plastische Chirurgie und Extensions noch immer aus wie kurz vorm Alnighter anno 79. Vor allem aber macht er seit mittlerweile fast fünf Jahrzehnten meist ziemlich erfolgreich Musik und hat dabei nichts von seiner gediegenen Energie verloren, ohne sich dafür an irgendwelche Modernitätszwänge anzupassen.

Auch sein 17. Solo-Studioalbum (von denen aus Jam- und Style-Council-Zeiten ganz zu schweigen) hat nämlich nichts von dieser zeitlosen Eleganz eingebüßt, mit der er bereits Anfang der 70er R’n’B, Glam und Rock’n’Roll zu einer Melange vermengt hat, die erst ein paar Jahre später Etiketten wie Punk oder Wave auf sich vereinte. Gewiss, auch Saturns Pattern hat seine geriatrischen Längen; zwischen den Zeilen verliert sich der schick ergraute Dandy zuweilen in hochnäsiger Beweihräucherung seiner musikalischen Virilität. Die meisten der neun Stücke machen Wellers psychedelische Sixties-Lässigkeit aber auf famose Art anschlussfähig für die Gegenwart. Live cool, die old.

Paul Weller – Saturns Pattern (Parloaphone)

Leyya

Allumfassende, unentrinnbare, daseinsbestimmende Melodramatik hingegen ist das Privileg der Jugend. Das Londoner Indierock-Quartett The XX hat dieses düstertristdepressivträumerische Lebensgefühl vor ein paar Jahren zu einem nahezu brillanten Debütalbum verdichtet, das zum Trio geschrumpft einen ähnlich schwermütigen Nachfolger präsentierte. Seither klaffte ein Loch im popkulturell wahrnehmbaren Fach elaborierten Trübsinns, das jetzt gestopft wird: mit Leyya. Ein Duo aus – Achtung! – Oberösterreich, das der Melodramatik ein neues Gesicht verleiht, aber auch neuen Schwung.

Ihr Debütalbum Spanish Disco versieht das Hintergrundrauschen pubertierender Existenznöte mit einer irisierenden Mischung aus New Wave, Dreampop und Houseelementen, beschleunigt das Ganze gemessen an The XX allerdings hier und da. Das Ergebnis ist mehr als verdichtete Tristesse mit durchscheinender Frauenstimme, sondern gelegentlich fast dynamisch, im Rahmen des Genres versteht sich, also eigentlich wieder nicht, es ist kompliziert. Leyya sind einfach komprimiertes Gefühl einer Generation, die vom Hipstertum angeödet ist, vom Hamsterrad überfordert und vom Gruppendruck genervt. Paul Weller würde kotzen, und viele jüngeren so: Hach!

Leyya – Spanish Pop (LasVegas Records)

Schluck den Druck

Alle Pillenschmeißer, Discorocker, Wochenendkokser, Alltagsverdränger, Dancefloordynamiker dagegen so: Doppelunddreifachyeah! Zumindest wenn Schluck den Druck den Kaossilator anwirft und die Beats durchs Studio ballert wie alliiertes Sperrfeuer der Spaßguerilla. Zur Erinnerung: Schluck den Druck ist ein Trashtechpop-Duo bis -Trio aus Berlin, dass vor fünf Jahren auf dem eigenen Label Im Rausch mit Freunden ein gleichnamiges Debüt kreierte, mit dem es seither so manchen Tanzboden zur Raserei bringt. Jetzt erscheint ihr zweites Album namens Rave ist Karate und auch das ist der Sound gewordene Aberwitz zum Abgehen.

Aber nicht nur das. Verglichen mit der Erstling ist der Nachfolger atmosphärisch noch immer voll übersteuert, hat aber im Rahmen seines Metiers durchaus ernste Momente, die dem digitalen Umfeld fabelhafte Beat-Kaskaden entlocken, viele davon kreativer, vielfältiger, gar klüger als ein halbes Jahr Disco-Charts zusammen. Flankiert von acht Videos acht verschiedener Künstler(innen) ergibt Rave ist Karate daher ein Gesamtkunstwerk der artifiziellen Gegenwart, das aus fast jeder Note echten Schweiß verdampft. Nichts für Feingeister, es sei denn im Rausch.

Schluck den Druck – Rave ist Karate (Im Rausch mit Freunden)

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