30 Rock: Jack Donaghy & Alec Baldwin

Arschlochfernsehen

Die fabelhafte Sitcom 30 Rock blickt so artifiziell wie realistisch hinter die Kulissen der amerikanischen Comedy-Industrie. Der verdiente Lohn dafür sind allerlei Fernsehpreise und die Primetime, zumindest in den USA. Bei uns hingegen wird die Serie mal wieder abseits der Wahrnehmbarkeit versendet (donnerstags, 22.55 Uhr, RTL Nitro).

Von Jan Freitag

Ein – pardon, das Wort muss jetzt mal sein: Arschloch gilt gemeinhin als Königsdisziplin des Schauspiels. Wen immer man in der Branche fragt, er würde den schlichten Romantiker Romeo leichten Herzens gegen seinen intriganten Widerpart Tybald tauschen, diesen bauchgetriebenen Unruhestifter. Herausfordernd ist ein Bernd Stromberg, kein Prof. Brinkmann. Und süffige Sympathieträger(innen) von Christine Neubauer über Erol Sander bis Veronica Ferres haben ja auch deshalb ein derart lausiges Renommee, weil ihre Figuren frei von jedem Makel sind. Grundsätzlich. Immer.

Arschlöcher hingegen sind in Film und Fernsehen mehr noch als in der Realität vor den Studiotüren Makelmillionäre. Windige Fehlersammler. Vermeintliche Unsympathen, die all das öffentlich raushauen, was sich selbst rückständige Normmänner allenfalls mal daheim am Stammtisch trauen. Unflätige Dinge tun zum Beispiel, etwa einer Mitarbeiterin beim ersten Treffen lächelnd „natürlich kochen Sie nicht“ ins Gesicht zu sagen, „sie sind ja eine New Yorker Feministin mit Collage-Abschluss, die vorgibt, glücklich zu sein als überlasteter, untervögelter Single“.

So unverfroren nimmt der neue Chef einer amerikanischen TV-Varietésendung Tuchfühlung zu seiner fortan wichtigsten Autorin auf. Und wie dieser charmante Soziopath Jack Donaghy auch sonst mit der klugen, aber spröden Liz Lemon umgeht, wie er überhaupt alle Leute seines Einflussbereichs in Grund und Boden ekelt, wie ihm der Hollywood-Star Alec Baldwin zu verachtenswerter Grandezza treibt, ohne ihn aller Menschlichkeit zu berauben – da zeigt sich abermals: Wenn irgendein Land jenseits deutscher Grenzen Fernsehunterhaltung produziert, kann Spaß tatsächlich Tiefgang haben und umgekehrt.

30 Rock heißt die sehenswerte Ausnahmeerscheinung am gesättigten Markt importierter Sitcoms und läuft ab heute – wie hierzulande für alles Serielle von Belang üblich – auf einem Spartenkanal zur Nacht. Das ist schade, nein: unerhört. Denn so fiktiv die permanente Kollision von Donaghys elitärer Selbstgerechtigkeit mit seinem Umfeld bisweilen auch wirkt, so realistisch ist die spielerische Eleganz, mit der Alec Baldwin sein kultiviertes Arschloch auf ein höheres Niveau hebt. Das liegt daran, wie er die Frage, warum er tagsüber einen Smoking trage, mit der Antwort abbürstet, „es ist halb sechs, bin ich ein Bauer?“. Es liegt aber mehr noch an Tina Fey.

Die Hauptdarstellerin verleiht ihrer Liz nicht nur eine hinreißende Balance zwischen Ostküsten-Emanzipation und männerdominierter Wirklichkeit, sie hat 30 Rock auch noch im Ganzen ersonnen, produziert, gemacht. Was zudem nicht ihrer Fantasie entsprang, sondern einem tiefen Blick in die Branche: Vor Feys bislang größten Erfolg, der nach Startproblemen am heimischen Markt weltweit läuft und sämtliche relevanten Fernsehpreise im Dutzend abräumt, hat sie jahrelang Witze für die Comedy-Legende Saturday Night Live geschrieben, die hier ziemlich unverblümt als Vorbild der persiflierten „Girlie Show“ firmiert. Die Mittvierzigerin kennt den amerikanischen Humorbetrieb somit von innen und spielt sich darin ebenso selbst, wie Baldwins Donaghy zum wahrhaftigen Stammpersonal des Großsenders NBC zählt, der hier unter seinem Klarnamen durch den Kakao gezogen wird.

Diese Bereitschaft zur Selbstironisierung war 2006, als die erste von 138 Folgen in sieben Staffeln anlief, selbst in den USA selten. Mittlerweile hat sich dieses Prinzip bissiger Selbstreflexion jedoch bis nach Deutschland durchgesetzt, wo Lerchenberg zuletzt das ZDF an der Nase durch den eigenen Ring zog. 30 Rock hat dazu aber etwas, das in Mainz fehlt: Die Bereitschaft, auch ein größeres Publikum zur prominenten Sendezeit daran teilhaben zu lassen, was Gaststars von Al Gore über Oprah Winfrey bis Steve Buscemi ins New Yorker Rockefeller Plaza 30 lockte. In Lerchenberg trat mal Wayne Carpendale auf. Witzig.

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