Monoklub

Ziemlich british

Die Hamburger Mod-Band Monoklub holt auf ihrem Debütalbum den englischen Sound der Sixties zurück in die Gegenwart und beweist aufs Neue, wie zugänglich die Hansestadt für alles von der Insel ist.

Von Jan Freitag

Mode, es ist noch gar nicht allzu lange her, war mal ziemlich simpel geordnet. Röhrenjeans waren für Prolls und Schmalzlocken für Teds, Schurwolle war für Hippies und Zerrissenes für Punks. Popper hatten Polohemden an, Faschos welche mit Lonsdale drauf, alle anderen trugen das Zeug ihrer Geschwister auf. Fertig war die Jugendkultur. Und heute? Tragen Nazis Palästinensertuch unterm Undercut und meiden Lonsdale wie Blumenkinder Plastikhosen. In Modedingen ist auf nichts mehr Verlass.

Beinahe jedenfalls.

Denn dann knattert Justus Lohmann in Parka überm gebügelten Button-Down-Hemd auf seinem italienischen Motorroller durchs neoklassizistische Eimsbüttel heran, bestellt vorm telefonzellenrot gestrichenen Gloria ganz herkömmlich schwarzen Kaffee anstatt neumodischer Milchpanschereien, klappt sein silbernes Zigarettenetui mit Wappen des FC St. Pauli auf und raucht wie damals, als Rauchen weder verrufen war noch lässig, sondern einfach Regelzustand wie Atmen oder Reden.

Ein derart stilsicheres Exemplar der Roaring Sixties wirkt wie eine Reise rückwärts in jene Ära, als das Äußere zweifelsfrei innere Werte preisgab, als die Großstadtwelt trotz rauchender Kohleöfen irgendwie klarer war und Popkultur berechenbar. Als es noch echte Mods gab. Doch was heißt hier gab – es gibt sie ja, diese Relikte einer britischen Subkultur der frühen Sechzigerjahre, in der junge Arbeiterkinder ihre proletarische Herkunft mit schmalem Schlips zum engsitzenden Anzug und aufgemotzter Vespa konterkarierten, ohne sie gleich zu negieren. Besonders in Hamburg lebt dieser Stil – mehr ein geschlossenes Zeichensystem – fort und findet unverdrossen Anhänger wie Justus Lohmann samt seiner Freunde Eike Resener und Florian Hagen. Die drei sind ins Straßencafé gekommen, um mit Fred Perry und Pilzkopf ihre ausgestellte Britishness, vor allem aber um ihr Debütalbum zu präsentieren. Es klingt wie aus der Zeit gefallen und doch seltsam zeitgemäß.

Das Album heißt wie die Band dahinter Monoklub und ist ein feines Stück modernisierter Nostalgie. Mit Lohmanns hochverzerrter Gitarre, Hagens zurückgenommenem Bass und Reseners präzise beschleunigten Drums transponiert das Trio den Sound ihrer Sehnsuchtsepoche mit Eins-zwo-eins-zwo-Uptempo in die Gegenwart permanenter R ‘n’ B- bis Britpop-Revivals. Und würde Monoklub sieben meistens kurze, stets hochenergetische Songs nicht auf Deutsch darbieten, mit Titeln wie Realität oder Tristesse, die trotz alltagsnüchterner Namen gern mal von Mädchen und Partys – Jungsangelegenheiten eben – erzählen, käme also auch noch das Vokabular von der Insel – die drei mittelständigen Mittdreißiger mit bürgerlichen Eltern befänden sich definitiv nicht nur in der falschen Klasse und Phase, sondern auch noch im falschen Land.

Das jedoch tun sie keinesfalls, im Gegenteil. “Wir sind sicher keine britischen Working-Class-Heroes”, sagt Sänger Justus mit Hamburger Akzent, der seine Uelzener Wurzeln breit überlagert, “aber ziemlich anglophil”. Und dafür sei Hamburg nach wie vor das perfekte Pflaster. Schon als Film und Soundtrack von The Whos Rockoper Quadrophenia den Mods 1979 ein bemerkenswertes Comeback bescherten, fand die Rückkehr hierzulande vor allem zwischen Alster und Elbe statt. Hier feierte die Szene nicht nur Wochenende für Wochenende gewaltige Allnighter, die schon wegen ihres exzessiven Drogenkonsums als Vorreiter technoider Raves gelten. Hier bekam man auch die zugehörige Kleidung, traf die zugehörigen Leute, spielte dank der originellen Clubkultur auch die zugehörige Musik. Und das, sagt Florian, auch er natürlich adäquat gekleidet, “hat sich bis heute fortgesetzt”.

Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.

Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.

Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!

Monoklub – Monoklub (brillJant)

Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.

Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.

Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!

Monoklub – Monoklub (brillJant)

Der Text ist vorab erschienen auf: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/monoklub-mod-band-album-hamburg

 

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