Katastrophenfrauen & Christina Große

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

1. – 7. Juni

Seit Herbst besteht die Nachrichtenwelt offenbar nur noch aus Krisen. Die „Tagesschau“ etwa geriet damals so kriegerisch, dass Sprecherin Linda Zervakis auf die Frage, warum sie ab Juli den Summer of Peace moderiert, entgegnet: Arte wolle der „Katastrophenfrau“ wohl eine Friedenspause gönnen. Doch just als der Kulturkanal seinen Schwerpunkt in Hamburg präsentierte, mehrten sich mysteriöse good news: Zuerst liefert Don Sepps Rücktritt Stoff für Dauerschleifen vom Crash seiner Mafia, pardon: Fifa. Dann berichtet Zervakis’ Sendung mehr als die üblichen 25 Sekunden pro Woche über den Kita-Streik, der nun in die Schlichtung geht. Schließlich gibt’s das Freitagsschmankerl dazu: Günther Jauch beendet seine Talkshow im Ersten. Wen man da wohl mehr vermisst – ihn, Blatter, Streiks oder doch Winnetou?

Dessen Alter Ego Pierre Brice ist nämlich Samstag gestorben. Wir werden ihn vermissen. Wen dagegen kaum jemand vermissen würde, wäre Roger Köppel. Bei Frank Plasberg durfte der Schweizer dennoch sein salonfaschistoides Weltbild absondern, in dem er Landsmann (und Kumpel) Blatter eine blütenweiße Demokratenweste attestierte und jeden Journalist, der das bestreitet, zur „Rowdy-Publizistik“ zählt, die Köppels Weltwoche ebenso wie seiner rechtsradikalen Partei natürlich total fremd ist, wenn beide saftig gegen Asis, Schwule, Neger hetzen.

Damit befindet sich der braun(gebrannt)e Publizist in bester Gesellschaft mit Ulrich Marseille, der gerichtlich gegen Günter Wallraff vorgeht, weil er Missstände in dessen Klinik-Konzern recherchierte, ohne vorher förmlich um eine Audienz gebeten zu haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn journalistische Arbeit abseits offizieller Pressestellen beginnt…

0-FrischwocheDie Frischwoche

8. – 14. Juni

Dass er sich von derlei Drohgebärden nicht beirren lässt, zeigt RTL in seiner einzigen Sendung, die eine Vorform journalistischer Relevanz erreicht: Team Wallraff, dessen heutiges Thema aus verständlichen Gründen erst um 21.15 Uhr bekannt wird. Wenn Thomas Gottschalk am Freitag (23.40 Uhr) im Vierteiler 40 Jahre Musikvideos allerdings die ersten acht seit Queens Bohemian Rhapsodie Revue passieren lässt, zeigt der Sender, dass man auch ohne Bedeutsamkeit anschaulich unterhalten kann.

Bedeutsam und anschaulich – das schafft aber doch eher Arte, dessen Themenabend zum Thema Flüchtlinge am Dienstag zwei herausragende Dokus darüber bringt, wie Zielländer die Ströme eher blockieren als auflösen. Dazu passt Eric Friedlers preisgekrönte Doku Aghet, die den Völkermord an den Armeniern und das Versagen der Weltbevölkerung parallel auf 3sat (22.25 Uhr) in Form von Zeitzeugenberichten prominent verlesen lässt.

Ähnlich historisch geht es Donnerstag abermals auf Arte zu, wo um 20.15 Uhr die achtteilige Zeitreise 1864 beginnt, dessen Untertitel Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges den deutsch-dänischen Konflikt jener Tage banaler erscheinen lässt, als dieses hyperrealistische Stück fiktionalen Edutainments verdient. Fiktionale Realität der besten Sorte ist auf dem Kulturkanal dann Mittwoch zu sehen, wo Nina Hoss in Thomas Arslans schwarzweißem Spätwestern Gold so glaubhaft nach dem Edelmetall jagt, als seien beide einst beim berühmten Rush in Klondike dabei gewesen.

Gelungen ist auch ein Film, der sich gar nicht um Bedeutsamkeit kümmert, sondern lieber ein skurriles Panoptikum Schweriner Plattenbaubewohner erschafft, mit Charly Hübner als scheuem Hausmeister, der sich am Degeto-Freitag in Anderst schön um Christina Große als spröde Ellen bemüht, was zeigt: Romantische Komödien brauchen auch in ARD und ZDF gar keine hübschen Gesichter, um zu gefallen. Das gleiche gilt übrigens bisweilen für Weltsport, weshalb sich beide Sender völlig zu Recht weigern, die „Europa Spiele“ aus der aserbaidschanischen Halbdiktatur zu übertragen, weshalb sie die Farce ab Freitag an Sport1 delegiert haben, dem moralische Überlegungen so fremd sind wie sexhotlinefreie Nächte.

Es wird also öffentlich-rechtlich unsichtbar bleiben, wenn in Baku, sagen wir: Marathon gelaufen wird. Aber immerhin sorgt Arte für eine Art Ersatz, wenn es – Stichwort Wiederholung der Woche – heute Dustin Hoffman als Marathon-Mann auf die Spur von Laurence Olivier als furchtbarer SS-Arzt à la Mengele (1976) setzt. Die nächste Spur (der Steine) wird 100 Minuten später im MDR gelegt, mit Manfred Krug als renitentem DDR-Bauarbeiter. Seit 50 Jahren sehenswert!



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