Interview-Classics: Dieter Baumann

Das bin nicht 1:1 ich

Lebende Personen werden eher selten verfilmt. Einer von ihnen war vor zehn Jahren der Weltklasseläufer Dieter Baumann. 2004 hatte das Erste die aberwitzige Karriere des Olympiasiegers unter Dopingverdacht in Spielfilmform gegossen – allerdings nicht im Auftrag des weißen Kenianers, wie seine Konkurrenz den Ausnahmeläufer seinerzeit ehrfürchtig nannten. Freitagsmedien dokumentieren das Interview zu Ich will laufen mit einem bemerkenswert übellaunigen Sympathieträger.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Baumann, wie oft wurden Sie seit Herbst 1999 frei vom Thema Doping interviewt?

Dieter Baumann: Keine Ahnung.

Und der Tendenz nach?

Ich glaube, es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht, das Thema anzuschneiden. Damit lernen Athleten umzugehen. Insofern findet es in jedem Gespräch mit Journalisten statt.

Nur die Ebene hat gewechselt – vom Saubermann zum Sünder.

Ja klar, die Rolle hat sich geändert, aber dann eben auch wieder. Das ist ein ständiger Wandlungsprozess. Ich weiß, was Sie jetzt von mir hören wollen.

Ob sich bei ihnen alles um Doping dreht.

Mein Leben beschränkt sich nicht aufs Thema Doping. Es ist mit tollen Projekten erfüllt und die paar Interviews verkrafte ich halt.

­Sie waren stets offensiver als andere.

Das bin ich noch. Ich habe ja nichts zu verbergen.

Wann haben Sie beschlossen, sich selbst an die Öffentlich zu wenden.

Das war schon während der ersten Monate. Ich hatte mir viele Notizen gemacht und gemerkt, es tut mir gut, wenn ich die Tagesverläufe quasi als Tagebuch festhalte. Irgendwann ging mir auf: da könnte ein Buch draus werden.

Und wann wurde das Filmprojekt an Sie herangetragen?

Kurz vor der EM 2002.

War das eine Chance, alles noch mal mit größerer Resonanz aufzurollen?

Eigentlich habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Natürlich sehe ich diese Gefahr, dass alles wieder angerührt wird. Deswegen habe ich sehr lang versucht, das Projekt nicht zu machen.

Wenn auch ohne Erfolg.

Na ja, ich bin dem Charme vom Regisseur Diethard Klante erlegen und habe ihm gesagt: Gut, wenn es dein Lebensglück erhöht, machen wir’s eben. Er ist da sehr hartnäckig.

Wie finden Sie seinen Film?

Ich kann da keine Wertung abgeben. Das ist als Betroffener nicht möglich. Es gibt aber diese Ambivalenz – auf der einen Seite war alles so wie im Film dargestellt, auf der anderen wurde vieles weggelassen, das mir wichtig wäre. Und Hans-Werner Meyer…

Der Sie im Film spielt.

… kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Da muss ich mich neben mich stellen und sagen, dass ist künstlerische Freiheit. Der schneidet den Dieter Baumann so auf sich zu, dass er den spielen kann. So muss man auch den ganzen Film verstehen. Das bin nicht 1:1 ich, das ist ein Schauspieler, der sich dieser Figur annähert.

Wie groß war ihr Einfluss?

Diethard Klante hat mit unzähligen Menschen Gespräche geführt, die involviert waren. Natürlich auch mit mir. Irgendwann hat er uns das Drehbuch vorgestellt. Aber konkrete Einflussmöglichkeiten waren nicht vorgesehen oder gewollt.

Wie war es, als sie erstmals den Rohschnitt gesehen haben?

Da blieb die Ambivalenz erhalten, dass ich die ganze Geschichte noch mal erlebe und wieder einen kleinen Schritt zurückmache. Eigentlich wollte ich nur noch nach vorn stürmen. Aber manchmal ist es auch okay, einen Rückblick zu wagen.

Sie kommen im Film sehr gut weg. Es könnte der Eindruck entstehen, Dieter Baumann wäscht sich hier rein.

Die Sorgen mache ich mir nicht, weil ich mit dem Film gar nichts zu tun habe. Ich hab Gespräche geführt, Herrn Klante Unterlagen zur Verfügung gestellt, und er hat Rechte meines Buches „Lebenslauf“ erworben; das ist ja die Handlungsgeschichte.

Haben Sie sich mehr über die Affäre an sich geärgert oder darüber, dass die Zahnpastaversion belächelt wurde?

Ärgern ist das falsche Wort – man ist hilflos, machtlos. Es ging ja auch um eine existenzielle Bedrohung. Aber es gibt jetzt hier keine Medienschelte; jeder hat da auf verschiedenen Ebenen seine Rolle gespielt, in seinem Bereich und mit seinem Motiv. Ich war da nur der Spielball. Es ging nicht mehr darum, ob ich’s getan habe. Eine differenziertere Betrachtung konnte ich irgendwann eh nicht mehr erwarten.

Hätten Sie gedacht, dass die Geschichte irgendwann mal Filmstoff wird?

Ach, mich überrascht im Leben nichts mehr. Aber ich hätte es auch nicht vorhergesagt. Ich habe einfach überhaupt nicht gedacht.

Können Sie sich nach dem ersten Einblick ins Filmgeschäft vorstellen, dort aktiv zu werden?

Grundsätzlich bin ich für alles offen. Die Welten des Athleten und die des Schauspielers liegen ja gar nicht so weit auseinander. Beides hat immer mit einer Bühne zu tun und meine ist das Stadion. Ich habe dieses Projekt genutzt, über den Zaun zu schauen.

Vermissen Sie nach dem Rücktritt Ihre alte Bühne?

Nein. Ich hab 20 Jahre Leistungssport gemacht. Eine tolle, schnelle Zeit. Aber ich habe auch gemerkt, dass es sich abnutzt. Es hat viel Kraft gekostet. Ich genieße es, ein Freizeitläufer zu sein. Es geht um nichts mehr, das ist wunderbar.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.