Matthew Herbert, Nozinja, Ferric MC

Matthew Herbert

Was Laute zu Klängen macht, Klänge zu Tönen, Töne zu Musik und Musik harmonisch, ist vielgestaltig wie die Zahl der Geräusche generell. Eine Bach-Kantate unterscheidet demnach von karibischer Trommelei und Eurodance mehr als die Summe der einzelnen Teile, besteht aber auch nur aus ähnlichen Bauteilen, die eben bloß eigentümlich verfügt werden. Nach diesem Motto füllt der britische Elektrotüftler Matthew Herbert seit jeher Hallräume mit kuriosem Wohlklang. Selbst die Akustik eines Schweinelebens von der Geburt bis zur Schlachtbank diente da schon als Klanggerüst. Verglichen damit wirkt sein neues Album The Shakes gradlinig.

Durch viele der zwölf Stücke fließt orchestrales Dance-Pathos, als ginge Frankie noch nach Hollywood, während tanzbare Melodramatik umherflattert, als sänge Rihanna, wer „in the middle oft the night“ auf wen warte. Das wirkt zuweilen fast eingängig – würde der akademisch gebildete Produzent zwischendurch nicht dauernd widersprüchliche Soundkaskaden zu digitalen Popgespinsten verweben. Bissfester war Soundbrei selten.

Matthew Herbert – The Shakes (Accidental Records)

Nozinja

Für eher nordwestlich geschulte Ohren klingt jedoch vieles, was den strengen Regeln klassischer Harmonielehre allzu sehr wiederspricht, rasch dissonant, also unhörbar. Wer diese eurozentrische Sicht auf den Musikgeschmack überwinden will, ohne gleich jede Grenze einzureißen, dem sei ein Blick nach Südafrika empfohlen. Hier vereint Richard Mthetwa, genannt Nozinja, den urwüchsigen Sound seiner Heimatprovinz Limpopo mit digitaler Disco, und weil der Pionier elektronischen Crossovers über diese Art modernisierter Tradition den ortsüblichen Bantudialekt legt, nennt er sie „Shangaan Electro“.

Das Resultat klingt zwar leicht nach Kwaito, dieser verschwitzten House-Variante mit HipHop- und Dance-Elementen, ist aber um eine gehörige Prise aberwitziger. Da flattern Samples afrikanischen Alltagslebens vogelwild über eklektische Percussion, da überdrehen scheinbar wirr verklebte Beats, da läuft schon mal auf 45, was mit 33 Umdrehungen schon arg schnell ist, und sorgen so für eine Dynamik, wie sie womöglich nur den Vierteln dieser Region entspringen kann.

Nozinja – Nozinja Lodge (Warp)

Ferris MC

Innen rau, außen rau, durch und durch rau ist hingegen Sascha Reimann. Der Pfälzer hat seine Ursprungsmentalität seit dem Zuzug ja so oft gegen die Kaimauern der Waterkant gedeppert, dass er als assimilierter Prollrapper Ferris MC zum Synonym fürs Küstenattribut schlechthin wurde, mit dem sich das glattgebügelte Hafenviertel so gerne schmückt: Derbe. Derbe ist Ferris seit 1995 als Vorgröler des deutschen Sprechgesangs, derber wurde er zwischendurch bei Deichkind, derbst bleibt er auch auf seiner ersten Soloplatte seit zehn Jahren.

Es ist eine Rückkehr, die sich vom bierdosenzischenden Sideprojekt ein paar Eventelemente geborgt hat und auch sonst ambivalenter klingt, rockiger, poppiger, weniger bekifft als beim antiquarischen Durchbruch Asimetrie anno 99. Aber auch Glück Ohne Scherben treibt dem deutschen Hip-Hop mit kratzender Stimme die Konsensbereitschaft aus den Zeilen. „Ich lass die Kettensägen kreischen“, rappt er in All die schönen Dinge und bricht auch sonst gern Beine, entzündet Rote Teppiche, verprügelt Promis, kotzt und tritt und haut alles zu Klump. Reimann? Geil!

Ferris MC – Glück Ohne Scherben (Warner)

Mehr pics’n’sound’n’kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-05/ferris-mc-heather-nova-matthew-herbert-nozinja

 

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