Katharina Wackernagel; RAF & Romanzen

Gern ohne Happyend!

Im deutschen Fernsehmelodram ist Katharina Wackernagel meist das letzte Aufgebot bürgerlicher Willenskraft. Mit Mädchenlächeln und Frauenpower kämpft sie auch im ARD-Film Immer wieder anders (Freitag, 20.15 Uhr) ums Wohlergehen ihrer Familie, wie sie es schon in Dutzenden baugleicher Filme getan hat. Interview mit einer Schauspielerin, deren Figuren stets das Gute suchen – und finden.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wackernagel, an einer Stelle in Immer wieder anders fragt die Nebenbuhlerin Katjas Mann, was er denn in diesem Spießerparadies wolle.

Katharina Wackernagel: Mit getöpfertem Türschild.

Ist das auch Ihre Vorstellung vom Spießerparadies, so eins am Einfallfamilienhaus im Speckgürtel hängen zu haben?

Das Namensschild dürfte gern aus Metall sein, aber ein Häuschen mit Garten in Innenstadtnähe und zwei Kindern plus Hund finde ich noch nicht spießig. Spießig ist allenfalls die Tatsache, dass das Paar darin nicht über den Zustand seiner Ehe reden kann, um das oberflächliche Glück drum herum nicht zu gefährden.

Dass Ihre Figur mit Heirat in weiß, 50er-Jahre-Pömps und Doris-Day-Haarbändern versinnbildlicht.

Das ist aber eher kein Konzept. Die Haarbänder waren zum Beispiel meine Entscheidung, da steh ich einfach drauf. Katja ist Lehrerin, Frau, Mutter, handwerklich begabt, also eigentlich modern. Mir ist zwar vieles an dieser Figur ein bisschen fremd, aber sie ist unbedingt authentisch. Und ihr Leben mag kein Rock’n’Roll sein, aber haben wir nicht alle die Sehnsucht nach einem gemütlichen Nest?

Sie haben die?

Ich sehne mich jetzt nicht nach Häuschen, Garten, zwei Kindern, verbinde mit spießig aber dennoch etwas anderes: kleingeistig, intolerant, engstirnig, rückwärtsgewandt.

Also das Gegenteil dessen, was man sich vom Kind einer Schauspielerdynastie vorstellt.

Das mag schon sein, aber meine Kindheit war völlig normal.

Es gingen also nicht ständig Kollegen ein und aus, um über den Kulturbetrieb zu debattieren?

Das schon [lacht], aber so viel auch über Kultur geredet wurde – ich trage das überhaupt nicht weiter.

Was macht es aus einem Kind, unter lauter Schauspielern groß zu werden?

Zum Beispiel, schon früh Theater zu spielen. Meine Familie hat mich dazu weder gedrängt noch davon abgeraten, aber es ist schon ein Bett bereitet, in das man sich gut legen kann. Es gab also nicht die typischen Sprüche wie „lern was Vernünftiges“; als ich mit 15 die reguläre für die Schauspielschule schmeißen wollte, haben meine Eltern allerdings schon gefragt, ob ich noch ganz dicht sei.

Mit Erfolg?

Na ja, ich hab noch zwei Jahre gewartet und dann zu Drehen begonnen, was für meine Eltern, Großeltern, meinen Onkel, die allesamt vom Theater kommen, dann auch wieder nicht richtig war, so ohne Schauspielschule. Umso mehr haben die geschmunzelt, als ich voriges Jahr erstmals auf der Bühne stand. Trotzdem: einer meiner Brüder ist auch Informatiker geworden: man muss also auch mit dieser Verwandtschaft nicht zwingend auf die Bühne.

Muss man mit ihr denn zwingend politisch werden?

Auch nicht. Meine Eltern sind viel politischer als ich, auch, weil sie aus einer Zeit stammen, in der kulturell viel mehr angeschoben wurde als heute.

Das hat einen Teil davon bis ins Umfeld der RAF getragen.

Ja, meinen Onkel Christof.

Hat es sie von der Politik abgeschreckt, dass er wegen seiner Mitgliedschaft im Knast saß?

Ich würde sagen: Einen anderen Zugang dazu entwickelt. Meine Eltern sind immer offen damit umgegangen, dass Onkel Christof praktisch meine gesamte Kindheit im Gefängnis saß. Dadurch habe ich natürlich viele Fragen gestellt: Was ist die RAF, was ist Terrorismus, was ist los in diesem Land? Das hat mich geprägt; wir sind alle dazu erzogen, unsere Meinung zu äußern.

Auch lautstark?

Na ja, wenn ich so sehe, wie meine Eltern stets für ihre Vorstellungen gekämpft haben, bin ich vermutlich doch, wie soll man das sagen: gemütlicher?

Spießiger?

Nein (lacht). Realistischer. Natürlich gehe auch ich auf die Straße, wenn aus meiner Sicht was schief läuft im System. Aber das gesellschaftliche Klima ist heute eben ein anderes als vor 30, 40 Jahren, selbst die Demonstrationen sind heutzutage andere. Aber so sehr meine Eltern betont haben, wie wichtig es sei, gegen das eingestaubte Nachkriegssystem mit all den Altnazis in wichtigen Positionen zu kämpfen, haben sie immer betont, das sei nur gewaltlos möglich.

Hat diese Erziehung einen anderen Zugriff auf Ihre Rolle als Terroristin Astrid Proll im Baader-Meinhof-Komplex mit sich gebracht als bei den anderen Darstellern?

Das glaube ich nicht. Ob Baader-Meinhof oder Immer wieder anders – eine Rolle bleibt eine Rolle. Die nehme ich an und spiele sie. Ein Leben im Untergrund zu spielen, ist ebenso toll wie eines in dem, was angeblich ein Spießerparadies ist; beides zu führen, dagegen eher nicht so.

Was mögen Sie denn lieber – harte Realität oder unterhaltsame Leichtigkeit, Contergan oder Romanze?

Da wird wohl jeder Schauspieler ersteres antworten. Aber wenn sie authentisch und glaubwürdig sind, mag ich leichte Stoffe genauso wie die schwierigen. Trotzdem hätte Immer wieder anders an manchen Stellen ein bisschen radikaler sein können, mutiger. Aber ich kann voll dahinter stehen. Der Film liegt mir am Herzen und er fügt sich gut in mein Gesamtwerk. Ich möchte letztlich eine breite Palette an Filmen haben.

Und welche Rolle fehlt Ihnen dazu noch ganz dringend?

Da fällt mir jetzt keine ein. Aber ich habe mal wieder Lust auf so ein richtiges historisches Drama. Gern ohne Happyend.

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