Ludger Pistor: Bescheiden & brillant

Die zweite Riege

Nebenrolle hat einen despektierlichen Klang. Im Film sind das die Akteure hinter den Stars. Einer von ihnen, Ludger Pistor, hat es in Ein Schnitzel für alle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mal von hinten ins Rampenlicht geschafft – und erzählt, wie es sich auf beiden Seiten anfühlt.

Von Jan Freitag

Wir leben in einer Welt großer Namen. Der Boulevard, diese promisüchtige Welt öliger Gazetten, schmiert sein Geschäft praktisch mit nichts anderem. Bekannte Köpfe sind die Leitwährung der Erregungsökonomie. Heutzutage können sogar Arbeitslose Vorsitzende großer Dax-Konzerne benennen. Selbst Bundestagswahlen gewinnt man nun ohne jedes programmatische Profil spielend, solange nur ein gewohntes Gesicht von den Plakaten grinst. Und da ist noch nicht mal vom Film die Rede, dieser Oberflächenkunst, deren Topgagen fürs Titelpersonal nicht bloß in Hollywood zusehends den Löwenanteil der Produktionskosten fressen. Da klingt ein Begriff wie „Nebenrolle“ beinahe despektierlich.

Nebenrolle, das ist schließlich zweites Glied. Zufahrtsstraße. Ein lauschiges Plätzchen am Rande der Aufmerksamkeit, nicht irrelevant, aber austauschbar. Und wer will das schon sein? „Niemand“, glaubt Ludger Pistor. „Auch ich steh ja gern im Mittelpunkt“, fügt der ungemein rührige Darsteller unzähliger Filme und mindestens ebenso vieler Serienepisoden, von denen einem nur grad irgendwie keine einzige einfällt, hinzu. Auch er wolle sich „nicht auf Krampf nach vor spielen“, Gott bewahre; doch jeder Schauspieler, Pistor lacht fröhlich, „hat Angst, nicht wichtig zu sein und ersetzbar“.

Anders als in Schnitzel für alle also. Denn in der ARD-Komödie, „ich traue es mich gar nicht zu sagen“, so Pistor, spielt das Ruhrpottgewächs nach bald 30 seiner 54 Jahre auf Erden erst die zweite wirklich bedeutsame Hauptrolle. Und das auch nur, weil es die Fortsetzung seiner ersten ist: Ein Schnitzel für drei. Mit der durfte Ludger Pistor 2010 einen netten Wahrnehmungserfolg vorn auf der Besetzungsliste verbuchen. Davor wie danach allerdings gab es zwar Sprechauftritte in bedeutsamen Blockbustern – Schindler’s Liste oder Casino Royale, selbstredend Inglorious Basterds, zuletzt X-Men, solche Kaliber. Vor allem aber gab es nach seinem furiosen Kinodebüt in Der Name der Rose vor knapp drei Jahrzehnten reihenweise Assistenzeinsätze bei Schimanksi, allerlei Parts in Filmen mit Titeln wie Lüg weiter, Liebling, außerdem viel Trash von GZSZ bis Cobra 11. Und dann diese eine preisgekrönte RTL-Serie, in der er freilich nur den Sidekick der Titelfigur Balko gab.

Ludger Pistor, dieser gut geschulte Mime mit Ausbildungsstationen in New York bis Wien, mit markanter Nase und reichlich Bühnenerfahrung, er war also ein langes Berufsleben lang bloß Ergänzungsspieler. Das wirft die Frage auf: reicht ihm das? Tja, sagt Ludger Pistor zögernd, und verweist auf Theo Lingen. Theo Lingen, das war – für die Jüngeren – Pistors beruflicher Vorfahre, der sich einst durch die schwarzweiße Filmära näselte wie sonst nur Hans Moser – noch so einer, der Pistors, nun ja: Schicksal teilt. Denn Lingen, erklärt dieser, habe vorm Krieg vor allem Hauptrollen gespielt. Im Wirtschaftswunderland dagegen, das vornehmlich Aufsteiger liebte und strahlende Helden, sei Lingens Paradetypus vom „kleinen Mann“ zusehends im Hintergrund gefragt gewesen. Selbst ein Heinz Rühmann, glaubt Pistor, „würde heute nicht mehr reüssieren“.

Dabei zeugt es durchaus von Selbstbewusstsein, dass sich sein leidlich bekannter Kollege von am Großschauspieler dreier Staatssysteme misst. Aber auch Pistor, selbst aus „kleinen Verhältnissen“ stammend, sieht den Ottonormalverbraucher schließlich ebenso wie Rühmann als Kernkompetenz. Figuren wie jener Wolfgang, der in „Schnitzel für alle“ an Armin Rohdes Seite so weit unten im sozialen Ranking startet, wie ihn der erste Teil entlassen hatte, liegen ihm quasi genetisch. Die zwei Überlebenskünstler helfen dem Glück diesmal zwar gemeinsam mit einer Behinderten-WG auf die Sprünge, indem sie fremdes Geld (nach diversen Stolpersteinen) im Kasino mehren; doch auch jetzt wird das Happyend eines mit Haken sein. Etwas zum leise Lächeln, statt lauthals Jubeln.

Im deutschen Film, der Unterschicht meist als Desaster verhandelt, das übliche Fiktionspersonal von Kommissar bis Studienrat dagegen stets in Designervillen von Rem Kohlhaas einquartiert, ist derlei Heiterkeit am Rande der Gesellschaft die Ausnahme. Und somit ein Glück für Ludger Pistor, der es als „Mr. Germany, wie ich mich hin und wieder nenne“, endlich mal schafft, „90 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren“ und trotzdem an der Bühnenkante zu stehen. Dabei ist es ihm ungeachtet ihrer Größe viel wichtiger, „meine Rolle nach Kräften auszufüllen“. Zumal Nebenfiguren zwar oft „im Schatten der Titelfiguren stehen, aber trotzdem im Rampenlicht“. Wie Derricks Assistent Harry, den Pistor „eine der dollsten Figuren der deutschen Fernsehgeschichte“ nennt. „Und stellen Sie sich Schimanski mal ohne Thanner vor.“

Undenkbar, würde auch Hanns Zischler sagen, der seit 1970 weit mehr als 100 Filme mit seinem „schweigenden Gesicht“, wie es der Stern mal lobte, bereichert hat. „Ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter, fünfter Stelle“. Das aber sei kein Verharren auf halber Treppe zum absoluten Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Schließlich sei niemand entbehrlich, nicht im Film noch auf der Bühne. „Supporting Act“ nennt die amerikanische Filmwissenschaft Charaktere seiner Güte. Nachfahren großer Nebendarsteller von Hanns Lothar bis Elisabeth Flickenschild. Heute heiße sie Johanna Gastorf, Martin Brambach und Sandra Borgmann, die sich ganz offen zur Nebenrolle bekennen: Famose, aber uneitle Diener am Großen Ganzen, im Hintergründ tätig und doch Handlung selbst wie die erste Garde.

In „Ein Schnitzel für alle“ sind das übrigens eine großartige Therese Hämer, die als Wolfgangs Frau abermals hinter den Stars agiert. Oder Christina do Rego als deren Tochter Jessica, die nicht nur in Pastewka bereits ausgiebig ihr komisches Talent bewiesen hat. Auch das sind Typen jenseits gängiger Klischees, Schönheitsideale oder Altersgruppen, die an der Besetzungsspitze schwer zu vermitteln, aber keinesfalls unterbeschäftigt, gar unterfordert sind. „Je besser die Qualität bei der Besetzung der Nebenrolle ist“, hat Berthold Brecht übers Theater gesagt, „desto besser ist die Inszenierung“. Und auch, wenn das zweiteilige Schnitzel eher leichte Kost ist: Mit guten Nebendarstellern, und seien es welche auf Ausflug in Hauptrollen, wird daraus eine nahrhafte Mahlzeit.

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