De Lux, LA Priest, AB Syndrom

De Lux

Es ist ein bisschen wie mit dem Jenseits: Wer da mal drin steckt, braucht schon viel religiöse Autosuggestionskraft, um ins Diesseits zu gelangen. Weil also auch, sagen wir: die Talking Heads länger als mancher meint (1991) in den Ewigen Popjagdgründen sind, muss etwaiger Bedarf danach eben von Wiedergängern der vier Postpunklegenden gedeckt werden. Gerade fühlen sich dazu offenbar Isaac Franco und Sean Guerin berufen. Auf ihrem zweiten Album klingt De Lux jedenfalls, als wäre David Byrne höchstpersönlich vom Altenteil kultivierter Kollaborationen nach L.A. gekommen, um den zwei Nostalgikern neben seinem musikalischen Aberwitz auch die Stimme zu leihen.

Nach ein paar Scéancen im Proberaum klingt Generation demnach wie eine digitale Verwilderung des bilderstürmenden New Wave von damals, die Siebziger, ebenfalls eine wilde Zeit. Das kalifornische Duo allerdings packt auf jeden Irrsinn jener Aufbruchstage noch eine Schippe „synth wizardry“, wie sie ihr Projekt umschreiben, drauf. Funky Disco De Lux eben, da glitzert das schwärzeste Loch.

De Lux – Generation (Innovative Leisure)

LA Priest

Noch mehr glitzert artifizieller Pop nur, wenn ihn Erleuchtungskünstler wie Prince zelebrieren. Der aber hat es auf seinen Platten Nr. 36f zuletzt übertrieben mit den Mashup-Kaskaden, weshalb auch hier ein Kopist mit Eigensinn empfohlen sei. Er heißt LA Priest, stammt aus der Mitte Englands, hat mit seinem One-Record-Wonder Late of the Pier 2009 den Dance Punk der Talking-Heads-Ära in die Gegenwart transponiert und forciert dieses Bemühen nun auf Solopfaden.

http://www.vevo.com/watch/la-priest/oino-(official-video)/GBA321500002

Dem Vernehmen nach hat sich der Soundberserker für sein Solodebüt unter grönländischen Ureinwohnern umgehört, aber das ist abseits vom Titel eher für Etymologen relevant. Was Inji echt abhebt vom Gros elektronischer Schmelztiegel, ist sein unbedingter Wille, dem Ganzen eine nostalgische Struktur einzugravieren, die sich ihrer Wurzeln nicht nur sampelnd bedient, sondern dies durch Erkennbarkeit honoriert. Das klingt bei all dem orgelpeitschenden Retrofunk so unverwechselbar, dass sein Vorbild auf den Alben 38ff ruhig weiter übersteuern darf. Des Prinzen Quintessenz läuft hier.

LA Priest – Inji (Domino)

AB Syndrom

Die Quintessenz lässigen Understatements haben zwei Elektronikfrickler aus dem Mittelgebirgsgürtel entdeckt. AB Syndrom heißt das zum Quartett gewachsene Duo, dem nach ihrem Debüt nun ein Nachfolgealbum glückt, das die Vorschusslorbeeren von 2012 zum echten Gourmetdebüt verwendet. Hey Herz ist nämlich nicht bloß eine Aneinanderreihung digitaler Spielereien mit federleichtem Indiepop; mittlerweile um Bassvariationen zweier Freunde ergänzt, kombinieren die 14 neuen Stücke Aljoschas Feuerwerk kreativer Samples und Percussions mit Bennets tiefenentspannt erzählter Alltagslyrik zu einem echten Gesamtkunstwerk.

http://hologramm.absyndrom.de/

Das aber ist es noch nicht, was Hey Herz so bemerkenswert macht. Dafür sorgt ein hingebungsvoller Hang zur Schieflage, die aufs erste Hören zuweilen verstört, dann aber den ganzen Charme des Albums entfaltet. Da wabert gern mal wie im wunderschönen Lagerfeuer eine Kakophonie dissonanter Orgelschwaden in die Chill-out-Zone, dass man kurz erwacht aus seinem Tagtraum, den Leib aber gleich wieder wohlig niedersinken lässt, angesichts der Geschmeidigkeit, mit dem richtig und falsch hier montiert wird. Hey Herz – schon jetzt das Sommeralbum schlechthin. Ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen, an heißen Tagen wie diesen.

AB Syndrom – Hey Herz (Herr Direktor)


ARD-Brennpunkt: Cichowicz, Zeiß, Baumann

Herr Herres hat das letzte Wort

Ungefähr seit Herbst 2014 werden die Nachrichten von Krisen dominiert wie allenfalls in den heißesten Phasen des Kalten Kriegs. Doch was für die Welt katastrophal ist, ist für Nachrichtenmacher Alltag – etwa in Sondersendungen wie dem Brennpunkt, der mittlerweile dauernd auf Sendung scheint. Im Interview vom Winter vorigen Jahres erzählen die Chefredakteure Thomas Baumann (ARD) und Andreas Cichowicz (NDR) gemeinsam mit ihrem mittlerweile pensionierten Kollegen Michael Zeiß (SWR), was hinter der wichtigsten Plattform aktueller Weltgeschehensanalyse steckt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Baumann, Herr Cichowicz, Herr Zeiß, können Sie sich an den allerersten Brennpunkt erinnern?

Thomas Baumann: Nein, ich entblöße mich. Wann war das?

Andreas Cichowicz: Anfang der Siebziger. Damals gab es auch filmische Brennpunkte, allerdings mit festem Sendeplatz.

Michael Zeiß: Und worum ging’s nun bei der Premiere?

Um die Beteiligung deutscher Firmen an einem Staudamm in Mosambik, am 6. Januar 1971. Gut 20 Jahre später wurde die Reihe zur Sondersendung. Was glauben Sie, hat sich seither an diesem Format verändert?

Zeiß: Mein erster Brennpunkt war 1977, kurz bevor ich zum SDR kam. Es ging um Mogadischu, wo der Kollege Kurt Stenzel als einziger Journalist vor Ort war und mit der befreiten Maschine nach Frankfurt flog. Von dort ging es mit drei Filmrollen per Hubschrauber nach Stuttgart, wo daraus ein Brennpunkt entstand. Heute kann man von fast jedem Ort aktuell schalten; das ist überhaupt nicht miteinander zu vergleichen.

Auch inhaltlich, handwerklich?

Zeiß: Während es damals eher um Filmberichte ging, die mit einem gewissen Zeitverzug vom Studio aus geliefert wurden, müssen unsere Korrespondenten heute bereits direkt vor Ort analysieren, wo immer es ist. Die Schnelligkeit hat sich da ungeheuer erhöht.

Baumann: Hinzu kommt: Wir haben im Vergleich zu damals wesentlich mehr Ausgaben der Tagesschau. Der Brennpunkt steht also nicht mehr so sehr  in der Pflicht, Aktualität abzubilden. Er soll die Aktualität vor allem mit Hintergrund ergänzen.

Cichowicz: Weil das Nachrichtliche auch über all die anderen News-Kanäle gut abgedeckt wird, dient er heute entsprechend stärker der Vertiefung. Zwar basierend auf einem Ereignis, aber weniger auf Exklusivität ausgerichtet. Anders als früher bedarf es vor jedem Brennpunkt der zugehörigen News.

Ergibt die sich in der Regel im Tagesverlauf oder steht sie schon morgens fest?

Baumann: Weder in den Redaktionen der ARD-Sender noch in der Programmdirektion wird jeden Morgen die Frage nach einem Brennpunkt gestellt, aber alle haben ein Gespür für Reizschwellen. In der Regel bieten die zuständigen Funkhäuser oder das ARD-Hauptstadtstudio Brennpunkte an. Über diese schriftlichen Vorlagen beraten wir in der werktäglichen Schaltkonferenz der Chefredakteure. Anschließend teile ich deren Votum dem Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen mit.

Volker Herres.

Baumann: Ob er unserer Empfehlung für einen Brennpunkt folgt oder nicht, liegt allein bei ihm.

Er hat also ein Vetorecht.

Cichowicz: Kein Vetorecht – ein Entscheidungsrecht. Herr Herres hat das letzte Wort.

Dass ein Brennpunkt zum abgehörten Handy der Kanzlerin im NSA-Skandal nicht gesendet wurde, war so ein Fall?

Cichowicz: In der Tat. Aber gesendet ist das falsche Wort; es kam ja gar nicht erst zur Entstehung des Beitrags.

Baumann: Zumal auch die Chefredakteure in ihrer Schaltkonferenz zurückhaltend waren, ob ein Brennpunkt zwingend sei. Denn einerseits: Wenn ein deutscher Außenminister zur härtesten diplomatischen Maßnahme greift und den US-Botschafter einbestellt, ist das ein sehr starkes Indiz für die außerordentliche Lage. Anderseits blieb die Ausspähung des Merkel-Handys blieb ein Verdacht. Und Volker Herres hatte Skrupel, darauf eine Sondersendung zu gründen. Außerdem vermisste er im Konzept den inhaltlichen Mehrwert zur Tagesschau.

Angeblich auch wegen mangelnder Quotenaussicht, die der anschließenden Show mit Kai Pflaume Zuschauer gekostet hätte.

Baumann: Ich habe an diesem Tag mehrfach mit Volker Herres gesprochen und kann Ihnen versichern: Um Quote und audience-flow ist es zu keinem Zeitpunkt gegangen.

Zeiß: Davon abgesehen muss der Programmdirektor eben auch das Gesamtprodukt und dessen Publikum im Blick haben. Da ist es legitim, bei jeder Umprogrammierung in Betracht zu ziehen, was dadurch verdrängt würde. Wir Chefredakteure sind da sicher brennpunktaffiner, aber hochwertige Unterhaltungsformate haben auch ein Recht auf ihren Sendeplatz.

Baumann: Übrigens: Das ZDF hatte am selben Tag keine Unterhaltungsshow im Programm, ist aber offensichtlich zur selben Entscheidung gelangt wir Herr Herres: Auch im ZDF gab es kein Spezial.

Wie oft votiert denn ein Programmdirektor gegen seine Chefredakteure?

Baumann: Darüber führe ich nicht Buch, aber in den vergangenen zwei Jahren erinnere ich exakt diesen einen Fall, und das in einem brennpunktstarken Jahr wie 2013. Ich habe so etwas auch unter Volker Herres’ Vorgänger Günter Struve erlebt, aber sehr selten.

Gibt es feste Parameter, die ein Nachrichtenthema brennpunkttauglich machen?

Cichowicz: Es gibt ein Ausschlusskriterium, das vor zehn Jahren noch seltener angewendet wurde: ein Brennpunkt darf nicht bloß wiederholen, was die Tagesschau bereits gezeigt hat. Oberste Faustregel ist eine außergewöhnliche Nachrichtenlage. Diese Latte muss erstmal gesprungen werden.

Zeiß: Neben diesem Mehrwert geht’s um dreierlei: eigener Ansatz, erzählenswerte Geschichte, aktueller Dreh. Das gilt besonders fürs Ausland, wo oft die zugehörigen Bilder fehlen und Informationen schwieriger zu bestätigen sind. In der letzten Zeit haben wir zwar viele Brennpunkte aus Syrien oder Ägypten gemacht, von größter Bedeutung ist aber auch die persönliche Betroffenheit des Publikums. Inlandsthemen liegen ihm einfach näher als Südamerika und Afrika. Ein Korrespondent in Mexiko hat es schwerer, etwas abzusetzen als der in Kairo.

Cichowicz: Wobei die Chance bei Naturkatastrophen steigt. Dabei gilt, so zynisch das klingt: Je näher dran, je mehr Opfer, desto größer der Vertiefungsbedarf. Dennoch muss er sich auch dann visualisieren lassen, was beim NSA-Skandal schwieriger ist als bei Wetterphänomenen. Deshalb bleibt vieles oft lange knapp unterhalb der Schwelle des Brennpunkts.

Baumann: Hinzu kommen inhaltliche und logistische Faktoren: Wie viele Leute haben wir vor Ort? Vor allem aber: Wie stichhaltig sind die vorliegenden Informationen? Wir Chefredakteure haben im letzten Jahr in den Schaltkonferenzen tagelang über die Authentizität der Bilder von Chemiewaffenopfern in Syrien diskutiert. Wenn man nicht verifizieren kann, von wem Bilder stammen, wann, wo und wo sie gemacht wurden und wen sie genau zeigen, besteht äußerste Gefahr, Opfer gezielter Falschinformation zu werden. Wir haben da miteinander gerungen und entschieden, das Thema auf den üblichen Nachrichtenplätzen zu belassen.

Warum dort, wenn die Beweislage so dünn war?

Baumann: Weil wir uns nicht der Nachrichtenunterdrückung schuldig machen dürfen. Wichtig war: Wir haben die Meldungen bewusst vorsichtig und im Konjunktiv formuliert.

Aber kippt die Angebotspolitik denn nicht zur Nachfragepolitik, wenn übers Elbhochwasser elf Brennpunkte nacheinander gesendet werden, die zwar selten Neuigkeiten erbringen, aber viele Bilder zu einem Thema, das die Zuschauer brennend interessiert?

Cichowicz: Sie haben insofern recht, als ich mich an einen schlecht geschalteten Wetter-Brennpunkt gar nicht erinnern kann. Das geht immer.

Baumann: Es gab 2013 einfach besonders außergewöhnliche Phänomene. Das Hochwasser an Donau und Elbe hat sehr viele Menschen in Deutschland ganz persönlich betroffen. Wir hatten viele Reporterinnen und Reporter in den Krisenregionen, die eigene Bilder und Reportagen liefern konnten. Das waren nicht nur Wasserstandsmeldungen, da ging es um existentielle Fragen, um Haus, Heim, Versicherungsschutz. Und das Hochwasser war eben keine Sache von nur zwei Tagen; es dauerte Wochen. Da entsteht beim Publikum auch so etwas wie eine Erwartungshaltung nach Brennpunkten.

Wenn Wetterfolgen vor der eigenen Haustür besonders gut funktionieren – gibt es auch Themen, die per se eher ungeeignet sind?

Baumann: Grundsätzlich geht alles mit einem bedeutsamen Thema. Aber: Brennpunkte gelten dann als wenig attraktiv, wenn wir keine Bilder haben, sondern lediglich ‚talking heads’.

Cichowicz: Selbst bei Boulevardthemen kann es wie beim Brennpunkt über die Trennung von Charles und Diana um Politik gehen, nämlich die Thronfolge. Bei härteren Themen dagegen stellt sich nicht so sehr die Frage nach dem Ob, sondern dem Wann oder Wie.

Wenn die Queen morgen früh abdankt – wäre das einen Brennpunkt wert?

Zeiß: Unbedingt, auch wenn sie stürbe, müsste man darüber nachdenken.

Baumann: Ich hielte die Abdankung der Queen bei weitem nicht nur für ein klassisches Boulevardthema. Keine Monarchin ist länger im Amt. Wie hat sich Großbritannien seit ihrem Amtsantritt verändert! Das Thema hat eine Reihe politischer Dimensionen.“

Cichowicz: Beim Thailändischen König wären wir dagegen sehr entspannt, weil das zudem nicht die hochpolitische Frage nach dem Fortbestand der Monarchie aufwürfe.

Herr Seelmann-Eggebert muss allerdings Zeit haben.

Cichowicz: Das hat der dann. In der Tagesschau können wir kein Interview mit unserem Königshausexperten machen, im Brennpunkt gehört es unbedingt dazu.

Zeiß: Um mal die Königsebene zu verlassen: Als Nelson Mandela gestorben ist, haben wir eine halbstündige Sondersendung gemacht – allerdings nach den Tagesthemen; er war ja politisch nicht mehr aktiv.

Baumann: Deshalb möchte ich die Frage nach Angebot und Nachfrage mal umdrehen: Hätten wir einen Brennpunkt zu Michael Schumachers Skiunfall gemacht, die Quote wäre gigantisch gewesen. Wir waren aber nicht in der Lage, inhaltlich und bildlich echten Mehrwert gegenüber der Tagessschau um 20 Uhr herzustellen. Weil es diese Dinge sind, die zählen, haben wir uns gegen einen Brennpunkt entschieden und auf Quote verzichtet.

Cichowicz: Und wenn wir einen Brennpunkt über den Auftakt im NSU-Prozess machen, wird das garantiert kein Straßenfeger, ist aber politisch zu wichtig fürs Land, um es zu lassen.

Baumann: Und es gilt auch: Auf die erwarteten Interessen größerer Publika zu achten, ist nicht verwerflich. Wenn über drei Millionen Menschen in diesem Land Türken oder türkischer Herkunft sind, dann befördert das die Neigung, über die Besetzung des Geziparks in Istanbul einen Brennpunkt zu machen.

Cichowicz: Und weil dazu auch die Quellenlage hervorragend war, hatte der Brennpunkt mit 26 Prozent die zweithöchste Quote 2013 knapp hinterm Beginn der Flut.

Zeiß: Sie sehen schon: wir schauen bei allen Qualitätsansprüchen durchaus auf die Zuschauerzahlen. Das gilt fürs Fernsehen insgesamt.

Cichowicz: Trotzdem erinnern wir alle uns eher an gute Sendungen als die mit toller Quote.

Wann gilt ein Brennpunkt über die Quote hinaus noch als besonders erfolgreich?

Baumann: Wenn er einlöst, was das redaktionelle Konzept versprochen hat. Wenn er einen inhaltlichen und bildlichen Mehrwert zu vorhergehenden Sendungen bietet. Wenn er analytisch und verständlich zugleich ist.

Zeiß: Wenn zur handwerklichen Qualität ein eigener Nachrichtenwert hinzukommt.

Cichowicz: Und wenn es keine technischen Probleme gab oder schlechte Interviews.

Baumann: Ein Bespiel: Nur 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon hat es unsere Reporterin Ina Ruck geschafft, ein Interview mit den Eltern eines Tatverdächtigen aus dem Kaukasus zu bekommen. Das war aufschlussreich, das bietet den Mehrwert, den wir uns wünschen, das hatte sonst niemand.

Was auch an daran liegt, dass Ina Ruck als Washingtoner Korrespondentin des WDR vor Ort war und sich dort bestens auskennt. Was qualifiziert ein Funkhaus über geografische Nähe und gewachsene Strukturen noch für einen Berichtsort?

Zeiß: Also zunächst mal ergibt sich die Zuständigkeit immer aus dem Standort des Studios, danach erst inhaltlich.

Cichowicz: Aber es gibt auch inhaltlich Stärken und Schwächen. Improvisation zum Beispiel, wenn eine Bombe hochgeht und alle Ü-Wagen beim Sport sind. Dafür haben Reporter heute Handys, mit denen sie „schmutzige“ Bilder machen und verschicken, während man früher erst aufs große Equipment warten musste. Ein Studio, das oft Brennpunkte liefert, hat gewiss mehr Routine, als jene, die alle paar Schaltjahre dran sind. Aber ich warne vor Hochnäsigkeit.

Baumann: Brennpunkte sind vor allem dann gut, wenn unsere Korrespondenten ihr Expertenwissen aus dem Stand abrufen können. Als vor wenigen Monaten die Gewalt in Kairo eskalierte und Präsident Mursi entfernt wurde, da wurde Volker Schwenck fast rund um die Uhr geschaltet und hat jede neue Entwicklung klug eingeordnet. 

Cichowicz: Und war dafür Tag und Nacht präsent.

Zeiß: Der SWR ist seit dem Irak-Krieg weltweit in Dauerbereitschaft. Wann ist der nächste Anschlag? Bebt die Erde in Haiti? Was passiert in Chile? Wir halten die Maschinerie tagtäglich bis 18.30 Uhr so am Laufen, dass im Extremfall noch ein Brennpunkt möglich ist.

Das klingt nach massiver Überlastung des Korrespondenten.

Baumann: Kurzzeitig kann das mal so sein. Aber die Häuser senden rasch Unterstützung, wie das Beispiel Fukushima zeigt. Der NDR hat da umgehend zusätzliches Personal entsandt, so dass wir stets genug eigenes Reporter- und Technikpersonal im Krisengebiet hatten.

Zeiß: Worüber sich kaum einer beschweren wird; dass ist unser Job, den wir alle lieben. Aber unsere Teams stehen in der Tat unter permanenter Spannung. Zumal sie zusätzlich Formate wie den Weltspiegel beliefern.

Baumann: Und dabei oft Unglaubliches leisten. Am zweiten Tag nach dem Taifun Hayan hat unser Reporter Robert Hetkämper einen Helikopter gemietet, mit dem er als allererster Bilder vom Ausmaß der Katastrophe machen, mit Betroffenen reden konnte. Aber auch das ist nie die Leistung eines Mannes allein; dahinter steckt ein riesiges Team bis hin zur Heimatredaktion.

Zeiß: Finanziell, organisatorisch, technisch und personell leistet sich die ARD da einen Aufwand, bei dem die Gebührengelder wirklich richtig angelegt sind.

Wie viele Personen sind mit diesen Mitteln vom Auftrag bis zur Moderation mit einem Brennpunkt befasst?

Baumann: Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten. Es gibt Brennpunkte, die auf der Berliner Bühne spielen, etwa Rücktritte von Köhler und Wulff. Da ist die Zahl der Beteiligten aus Redaktion und Technik überschaubar: etwa 40 – 50 Personen.

Zeiß: Besonders personalintensiv ist diese Sendeform jedenfalls nicht.

Baumann: Aber nehmen Sie Fukushima. Rechnet man da alle Beteiligten in Hamburg, Tokio, der Krisenregion und bei den ARD-Häusern mit, geht es weit über 50. Durchschnittszahlen machen also keinen Sinn! Und es fragt sich ja auch: Wer ist im engeren Sinn „befasst“?

Cichowicz: Die vielen Leute von Kamera über Regie bis zur Maske sind schließlich ohnehin da, müssen höchstens ihre Schichten verlängern. Davon abgesehen sind es beim NDR je nach Ereignis sechs bis acht Mitarbeiter auf Zuruf: ein Moderator, zwei Redakteure plus drei bis fünf Autoren und Korrespondenten, alles natürlich gegebenenfalls mit weiblicher Endung.

Gibt es unter den Sendern Befindlichkeiten wie beim Tagesthemen-Kommentar, dass etwa nach drei WDR-Brennpunkten mal Bayern dran ist?

Cichowicz: Es gibt keinen Proporz. In den Neunzigern gab es oftmals noch erbitterte Konkurrenz um die Sendeplätze. Das ging so weit, dass die einen etwas machen wollten, was die anderen aus gutem Grund abgelehnt hatten. Heute geht es kollegialer zu, die Kompetenzen sind klarer verteilt. Wenn sich die Elbflut Richtung Norden schiebt, übernimmt halt der NDR vom MDR, aber wenn sie vorher versandet wäre, hätten wir uns über die ausbleibenden Folgen für die Menschen mehr gefreut als über einen ausbleibenden Brennpunkt von uns geärgert.

Zeiß: Und alle in der ARD freuen sich, wenn andere einen guten Brennpunkt geliefert haben.

Baumann: Es gibt kein Soll an Brennpunkten, das zu erfüllen wäre. Weder pro Landesrundfunkanstalt noch fürs gesamte Erste Programm. Im Jahr 2012 hatten wir lediglich zehn Stück, 2013 waren es dreimal so viele. Es hängt eben alles von der Nachrichten- und Ereignislage ab.

Und die Programmdirektion wünscht sich auch nicht mehr davon, weil sie in der Regel viele Zuschauer ins Folgeprogramm locken?

Baumann: Nein, Null, keine Vorgaben.

 


ZDFneo: Themenwochen Horrorfilme

Voll Porno, der Horror

Mit einer aberwitzigen Reihe zeigt ZDFneo seit voriger Woche sechs Samstage lang bis zum Morgengrauen die ganze Bandbreite des Horrorfilms und was sein Erfolg mit uns, dem Publikum, zu tun hat.

Von Jan Freitag

Worte, die es sinnübergreifend in den landläufigen Jugendslang schaffen, haben das Klassenziel sprachlicher Relevanz meist mehr als übererfüllt. „Porno“ zum Beispiel stand auf Schulhöfen eine Weile lang für „dufte“, wie es Großeltern der Benutzer Jahrzehnte zuvor noch weit betulicher ausgedrückt hatten. Deren Kinder wiederum umschreiben es unverdrossen mit dem zeitlosen „geil“, das die Enkelgeneration kurz ums zeitgemäß robuste „Dildo“ ergänzte, was Vati, seit neuestem „Babo“ genannt, schon mal einen Ausruf unbehaglichen Missfallens entlockt, der wirklich meint, wonach er klingt: „Horror!“

Während Dildo, Porno, geil nämlich von Muttis Nachtisch bis zum üblen Partyabsturz alles Mögliche bezeichnen kann, ist der Begriff blanken Entsetzens vor allem für wahrhaftige Scheußlichkeiten reserviert: mindestens Gammelfleischpartys über 30-Jähriger, tendenziell schlimme Autounfälle, Enthauptungsvideos, Trennungen per WhatsApp oder auch das, was ZDFneo ab heute aneinanderreiht, bis die Nackenhaare senkrecht stehen. Unter der Steigerungsform von „Grusel“ (übertroffen allenfalls durch „Splatter“ genannte Kunstblutorgien) zeigt der Spartenkanal dann sechs Samstage lang von der „Tagesschau“ bis zum, pardon, Morgengrauen Horrorfilme zwischen „atemberaubendem Nervenkitzel und wohlig gruseligem Schauer“, wie es Redakteurin Gabriele Weyand ein bisschen altbacken ausdrückt.

Die Intensität körperlicher Abwehrreaktionen dürfte bei den knapp drei Dutzend vorwiegend amerikanischen Exemplaren (aus Deutschland stammt nur der moderne Zombiefilm Rammbock, 25. Juli, 1.20 Uhr) zwar variieren – davon zeugt die enorme Bandbreite vom Monstermovie der Nachkriegszeit über die Hollywoodschocker der Siebziger bis in die psychoterrorisierende Gegenwart voll exzessiver Gewalt und atmosphärischer Knalleffekte. ZDFneo geht es allerdings weniger um einen Wettbewerb maximaler Angstschweißausschüttung; im Fokus des sommerlichen Schwerpunkts steht eher die Vielschichtigkeit eines Genres, das seit der Stummfilmära zum festen Repertoire des Kinos zählt. Und beides hat gute Gründe.

Die Bilder lernten schließlich gerade laufen, als der ungebremste Industrialisierungswahn erstmals offenkundig an soziale, technische, also menschliche Grenzen stieß. Naturzerstörung, Armut, der Weltkrieg und ein angeblich unsinkbares Schiff, das schon bei der Jungfernfahrt sank, sorgten für einen Skeptizismus, der sich vor allem in Kunst und Kultur wiederspiegelte. Die erste Verfilmung von Mary Shellys Frankenstein versetzte dem Fortschrittsglauben schon 1910 einen weithin spürbaren Dämpfer und etablierte die Furcht vorm Unbekannten, Bedrohlichen, Entfesselten als Triebkraft des Kintopps. Geister, Dämonen, Vampire und bald auch die ungeheuer angesagten Zombies markierten fortan bedrohliche Antipoden der Zivilisation, denen auch Ordnungsstaat und Happyend nie ganz beikommen konnten.

So sicher zumindest die westliche Gesellschaft nach 1945 geriet, so beherrschbar ihre Mechanismen wirkten, so sehr die Todesgefahr früherer Epochen aus dem Alltag verschwand – stets dräute da etwas Unheimliches im Untergrund wachsender Städte und ihrer Vorortidyllen. Zeitgenössische Ängste vorm Unbeherrschbaren, die durch Arnolds Tarantula am vorigen Sonntag früh, Hitchcocks Die Vögel (11. Juli, 21.35 Uhr) oder Spielbergs Weißer Hai (18. Juli, 1.15 Uhr) verkörpert wurden und bald ihren Weg ins Unterbewusstsein fanden, wo das Böse mal im Keller von Halle Berrys Psychiatrie lauert (Gothika, 1. August, 22.05 Uhr), mal in einem hermetischen Kubus samt sechs unwissentlich Eingeschossener (Cube, 0.55 Uhr), besonders gern jedoch im eigenen Kopf jener, die sich fortan selbst bekämpfen müssen wie in The Unborn (23.40 Uhr). Und das sind längst noch nicht die krassesten Auswüchse eines Metiers, dass mit The Walking Dead gerade eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten fortsetzt, deren lebende Leichen einst allenfalls Bahnhofskinos entvölkert hätten.

Wie jedes Konsumgut unterliegt auch das Gruselige zwar einer Steigerungslogik des freien Marktes, um im Reizgewitter der Erregungsindustrie wahrnehmbar zu sein; wenn selbst „Torture Porn“ genannter Folterhorror wie Hostel zu Kassenschlagern werden, hat das jedoch nicht nur mit einer Perversionsspirale zu tun. Überspitzt zu Untoten, Raketenwürmern, Knochenjägern, Katzenmenschen, Triebtätern wie in der ZDFneo-Reihe, lassen sich die Abgründe menschlicher Natur vom Sessel aus mit etwas Gänsehaut nun mal gemütlich abstrahieren, als existierten sie nur in 2 bis 3D. Am Ende entspringt demnach auch George Clooney als Gewohnheitsverbrecher beim aberwitzigen Splatter-Finale im Titty Twister nur der irren Fantasie von Quentin Tarantinos From Dusk Till Dawn zum Auftakt. Nichts als Kino.

Oder?