Interview-Classics: Phil Collins

Warum diese Eitelkeit?

Zum Geburtstag seines Musicals Tarzan ist Phil Collins (Foto@Stage Entertainment) mit seinen zwei jüngsten Söhnen nach Hamburg gekommen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Fünf Jahre später zeigen die freitagsmedien das Gespräch über Männlichkeit, Selbstwertgefühl, Körperkult, leichte Musik und sein erstes Schlagzeug.

Interview: Jan Freitag

Phil Collins: Sie sind ja ganz außer Atem. Sind Sie gerannt?

Nein, ich hatte gerade ein Fußballspiel.

Als Spieler? Gewonnen?

Ja, 3:2, aber das ist unterste Amateurliga in Hamburg. Hat Ihr Team gewonnen, die Tottenham Hotspurs?

Sicher, sie haben gestern Portsmouth 2:1 besiegt, aber ich bin nicht mehr so ein Fan der Spurs wie früher. Das war eher Teil meiner Jugend. Als ich von Nord- nach Westlondon gezogen bin, wechselte ich zu den Queens Park Rangers und später, als ich viel mit den Genesis unterwegs war, wurden wir Freunde von Liverpool, die gestern unglücklich verloren haben. Ich verehre eher gutes Spiel wie jetzt von Manchester United, so wie meine beiden Jungs, sie sind große Fans von Rooney und Ronaldo. Richtig glühende Fußballleidenschaft hat viel mit dem Alter zu tun.

Und dem Geschlecht.

Selbstverständlich.

Wollen wir über Männlichkeit sprechen?

Warum nicht.

Hat Sie eine Relevanz für Sie als Mann?

Ich nehme Sie als Tatsache hin.

Sind Sie eher ein physischer oder ein intellektueller Typ Mann?

(lacht) Tja, ich bin wohl nicht gebildet genug, um wirklich ein intellektueller Kerl zu sein. Aber davon abgesehen war ich früher deutlich körperlicher als heute. Schlagzeugspielen ist eine ungemein physische Angelegenheit, weitaus mehr als viele andere Instrumente, vom Komponieren ganz zu schweigen. Aber selbst, wenn ich mich in früheren Jahren hingesetzt habe, um zu schreiben, war das etwas völlig anderes im Vergleich zu heute. Damals war ich sogar beim Nachdenken eher physisch, heutzutage überdenke ich meine Physis permanent auf eher intellektuelle Weise.

Ist das ein natürlicher Reifungsprozess?

Auch, sicher. Je älter man wird, desto mehr neigt man zur Analyse menschlichen Verhaltens – das der anderen, idealerweise aber auch des eigenen. Man versucht sich wie seine Mitmenschen zu mäßigen, man verliert an Temperament und Spontaneität. Der Geist siegt in gewisser Weise über den Körper.

Wie würden Sie Ihren Körper beschreiben?

(lacht) Gebraucht. Früher erlangte ich meine Fitness auf der Straße, auf Tour, unterwegs. Heute definiere ich meine Erscheinung viel weiter entfernt von Muskeln, Physis, Form. Ich bin nicht so fit wie ich mal war – und sein sollte (lacht).

Haben Sie als Schuljunge geträumt, eins der Sportasse zu sein?

Nicht wirklich. Als ich 13 war, ging ich ja zur Schauspielschule – mit elf Mädchen, außer mir nur noch ein anderer Junge. Sie können sich vorstellen, dass es eine großartige Zeit für mich war. Außerdem spielte ich damals schon sehr lang Schlagzeug, ich habe mit vier, fünf Jahren begonnen und das war ebenso wie Gitarrespielen eine ziemlich coole Sache.

Musik war also keine jugendliche Therapie zur Verbesserung Ihres Selbstbewusstseins.

Nein, ich habe darüber noch nie viel nachgedacht, es sei denn, man fragt mich konkret danach wie Sie jetzt. Trotzdem hat es mein Selbstbewusstsein natürlich gestärkt, als positiver Nebeneffekt. Aber dass ich überhaupt Schlagzeuger wurde, war totaler Zufall. Ich wurde 1951 geboren, die Nachkriegszeit, alles war knapp und man bekam zum Geburtstag einen Spielzeugsoldaten, ein Spiel, einen Fußball, keine ganze Kollektion von Star-Wars-Figuren, Gameboys, Spiele, von allem reichlich. Und ich hab eben ein Schlagzeug gekriegt.

Weil Ihr Vater Drummer war?

Ehrlich – keine Ahnung warum. Ich weiß noch, wie mir die Kinnlade runterklappte, aber meine Schwester war Eisläuferin, mein Bruder Cartoonist, also standen wir in gewisser Weise am Rande des Showgeschäfts, mehr steckt nicht dahinter.

Gerade darin entsprechen sie nicht dem gängigen Typus des Popstars. Hatten Sie je Probleme mit der Selbstachtung?

Im Alter langsam schon (lacht). Wenn ich in einer Bank arbeiten würde, wäre das viel wahrscheinlicher, aber in meinem Business ist das etwas schwieriger zu beantworten. Aber nein, glauben Sie mir: Ich hatte nie schlaflose Nächte wegen mangelnder Selbstachtung, war jedoch immer (überlegt lange) … sehen Sie, je öfter man liest, dass man nicht wie ein traditioneller Popstar aussieht, dass man sich optisch von den Ansprüchen dieser Branche und ihrem Publikum unterscheidet, dann beginnt man irgendwann, darüber nachzudenken und gerät in Gefahr, tatsächlich an Selbstwertgefühl einzubüßen. Ich hatte also lange Zeit keine allzu hohe Meinung von meinem Äußeren, aber das bezog sich nur auf den Abgleich mit dem öffentlichen Bild von mir.

Sie haben es nicht zu einem Problem gemacht?

Niemals. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir die Maskenbildner in den Achtzigerjahren, als ich zu einer öffentlichen Person wurde, wegen meines schütteren Haars ständig aufwändige Haarbehandlungen aufzwängen wollten, bis ich fast wie ein Plüschtier aussah. Das hab ich ziemlich schnell abgelehnt, weil es nicht nur albern aussah, sondern auch mehr gestört hat als Unperfektion aus Sicht der Popindustrie und zeigte mir, dass mein Aussehen andere offenbar weitaus mehr gestört hat, als mich selbst. Ich bin ein Schlagzeuger und es ist Musik, versehen Sie? Rod Steward hat sich herausgeputzt, wenn er den vorderen Bühnenrand betrat, ich habe mich herabgeputzt wenn ich an den hinteren Bühnenrand ging. Jetzt, als Musical-Komponist, verschwinde ich ganz dahinter. Also warum die Eitelkeit? Vor 30, 40 Jahren haben die Menschen in der Musikbranche weniger über so etwas nachgedacht als heute.

Jetzt malen Sie sich die Vergangenheit schön.

Nein, wenn man eine zu große Nase hatte, hielt man sie eben nicht in die Mitte des Plattencovers. In den letzten 20 Jahren hat das Image in allen Bereichen eine größere Bedeutung gewonnen. Überhaupt waren Musiker auf Schallplatten seltener, mal abgesehen von den ganz großen wie den Stones. Es war eine symbolischere Zeit.

Sie waren auf all ihren Soloplatten so groß zu sehen.

Aber doch so groß, dass ich kaum hineinpasst, weil es so ungeheuer persönlich war, was ich verarbeitet habe. Face Value zum Beispiel, mein erstes Soloalbum, war die Verarbeitung meiner Scheidung und allem, was damit zu tun hatte, eine düstere Zeit, aber auch eine produktive. Und darum geht es doch in der Musik: Gefühle hineinzulegen und auszudrücken. Darum musste man auch meinem Gesicht so nah wie möglich kommen können. Auf No Jacket Required ging es mir dann wieder besser, also wurde das Cover farbig. Bei Hello I Must Be Going hatte ich neue Perspektiven, also blickte ich zur Seite. Es sind Stimmungsbilder.

Bei denen auffällt, dass sie im Laufe Ihrer Karriere immer unkomplizierter werden, verglichen mit den Anfängen bei Genesis.

Das kann schon sein, aber die Vertracktheit von Genesis war auch der Ausdruck seiner Zeit wie jede Musik, die man macht. Ich komponiere nicht mehr viel, aber eines der fünf Lieder, die ich in der letzten Zeit geschrieben habe, klingt für Außenstehende womöglich simpel – nur ein Klavier und ich. Aber gerade diese Reduktion macht es unheimlich komplex, weil der Kopf sich mehr dazu mehr eigene Bilder erstellen muss.

Dennoch gilt das Musical als besonders unkomplizierte Musikrichtung.

Sicher, Tarzan ist massentauglich, aber ich betrachte es auch mehr als ein Projekt, um meiner Abkehr von der Popmusik eine konkrete Richtung zu verleihen.

Der Held ist eine ungeheuer physische Figur. Welche Relevanz hat sie in unserer Zeit?

Das ist eigentlich ein Missverständnis von Edgar Rice Burroughs Roman. Unser Bild von Tarzan ist geprägt durch frühe Cartoons, die Filme mit Johnny Weissmüller, wo die Figur muskelbepackt, stark und impulsiv ist. Als wir für sie für das Musical in New York, Holland oder Hamburg gecastet haben, suchten wir einen eher zerbrechlichen Typ, kein Produkt täglicher Workouts im Fitnessstudio. Genau solche aber haben sich massenhaft beworben, weil das dem Bild von Tarzan entspricht, aber auch dem des Durchsetzungsfähigen in der Wildnis. Wir wollten aber das genaue Gegenteil, eine stinknormale Person.

Wie Greystoke.

Genau, Christopher Lambert, eine der wenigen realistischen Adaptionen. Ein Charakter, der seine Kraft eher aus dem Geist schöpft, den Körper aber dennoch im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzt. Das ist gegenwärtig doch die viel zeitgemäßere Eigenschaft. Deswegen passt Tarzan je nach körperlicher Ausgestaltung in jede Zeit, es geht ums Überleben im  Dschungel, ob aus Pflanzen oder Beton. Physische Stärke ist heutzutage doch eher Accessoire als Grundlage.

Stört Sie die enorme kulturelle Bedeutung von Körper, Form, Schönheit da umso mehr?

Absolut. Und zwar auch aus eigener Erfahrung, ihr nicht gerecht werden zu können. Es gibt zwar bestimmte Genres, in denen es völlig okay ist, wie Pete Doherty auszusehen (lacht), aber meistens wird doch ein ganz anderer Typ erwartet. Vor allem Frauen werden unsäglich auf ihren Körper reduziert. Je höher die kommerziellen Erwartungen an sie sind, desto stärker repräsentieren sie den Venus-Typ – in der Werbung, in Filmen, der Musik. Die Gesellschaft erwartet es von ihnen und weil die Protagonistinnen dieser Erwartung gerecht werden wollen, wird sie immer weiter verfestigt. Es ist ein Teufelskreis.

Dem nur wenige entrinnen wie die Schauspielerin Tilda Swinten.

Ja, so was ist äußerst selten. Diese körperliche Stilisierung des Perfeken zerstört die Selbstachtung vieler Menschen und hat Auswirkungen bis in Bereiche, wo es eigentlich keinerlei Relevanz haben sollte. Ein Politiker mit dem Auftreten eines Winston Churchill ist zumindest in England heutzutage kaum noch denkbar. Ich will gar nicht sagen, dass Bill Clinton oder Tony Blair keine guten Politiker sind, aber beide haben die Standards für äußerliche Sekundärtugenden des smarten Repräsentanten enorm erhöht. Bei einem Churchill hat das gesprochene und geschriebene Wort das Image geformt, heute ist es eine jugendliche Ausstrahlung im gereiften Körper. Unsere politischen Führer sehen – mal abgesehen von Gordon Brown – alle gleich aus, nicht grad Yuppies, aber doch kreierte Images. Es sind Verkäufer.

Und die Wähler Konsumenten.

In der Tat. Unser gesamtes Umfeld ist doch Ergebnis einer einzigen großen Verkaufsstrategie: Selbst untere Einkommensschichten haben zwei Autos, Flatscreens in jedem Zimmer, alles ist ein einziges großes Wollen, das andere so neidisch macht, bis sie die Ansprüche noch höher schrauben.

Sie haben keine zwei Autos und Flatscreens in jedem Zimmer?

Nein, ich habe ein fünf Jahre altes Auto, und Sie wären überrascht wie klein mein Haus ist. An einer Straßenecke eines kleinen Dorfes in der Schweiz. Gut, ich habe noch ein Appartement in New York, das ich mir nach dem Start von Tarzan zugelegt habe, aber auch aus dem Grund, dort vielleicht mal mehr Theater zu machen. Alles in allem führe ich nach der Scheidung ein eher einfaches Leben.

Nach welcher Scheidung – der letzten?

Oh Gott! (rammt sich symbolisch einen Pflock ins Herz). Ja, der dritten. Und ich habe ehrlich nicht das Gefühl, eine vierte zu brauchen. Ich bin offenbar dazu bestimmt, allein zu sein. Und welche Frau würde wohl jetzt noch meine Hochzeitsabsichten ernst nehmen?

Zumal Sie in Kürze 60 Jahre alt werden.

Oh Gott – das kommt hin!

Klingt nicht sehr begeistert. Wird dich etwas ändern?

Ach, den größten Schritt habe ich ja bereits vollzogen habe, seit ich mich auf die Familie konzentrierte. Ich will meine Jüngsten aufwachsen sehen, fahre sie zu Schule, zum Fußball und genieße das sehr.

Keine Konzerte mehr?

Das letzte Mal bin ich bei einem Schulfest meines achtjährigen Sohns Nicholas aufgetreten. Aber die Zeit der Tourneen ist endgültig vorbei und das vermisse ich auch nicht. Durch meine Familie ist mir klar geworden, dass Karriere nicht mehr so wichtig ist. Ich werde nie aufhören, Musik zu machen und nehme gerade ein Coveralbum mit 30 Motown-Klassikern.

Aber ein Popstar sind Sie nicht mehr.

So sieht es wohl aus.

Haben Sie Ihr erstes Schlagzeug eigentlich aufgehoben?

Nein, leider. Ich habe auch keine Ahnung, wann es mir verloren gegangen ist und würde einiges darum geben, wenn es wieder auftaucht.

Hängen Sie auch sonst an Dingen der Vergangenheit?

Sehr, ich brauche sie als Speicher meiner Erinnerung. Deshalb bin ich auch das kollektive Gedächtnis meiner Familie. Dafür bräuchte ich dann doch ein größeres Haus.

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