Der Patriarch: Uli Hoeneß & Udo Honig

Von wegen Demut

Sat1 und ZDF machen den Fall Hoeneß fast zeitgleich zu abendefüllenden Filmen. Der Patriarch mit Thomas Thieme als Bayern-Boss macht heute den Anfang und zeigt: etwas mehr privater Humor hätte dem gut recherchierten Dokudrama gut getan.

Von Jan Freitag

Es gibt nicht viele Menschen, deren Äußeres allein schon zur bundesrepublikanischen Ikonografie zählen. Konrad Adenauer vielleicht, Boris Becker, Tony Marshall, vielleicht noch Susann Stahnke. Ach ja – und Uli Hoeneß natürlich, der schwäbische Dampfkessel. Wenn es in ihm arbeitet, arbeitet es nämlich meist gewaltig. Wenn es in ihm kocht, kocht er beinahe über. Wenn es ihn ihm brodelt, dann wird sein Kopf gemeinhin zum Hochofen: Schmallippig, rotgesichtig, prallvoll mit Plänen vom nächsten Angriff noch im Moment des Rückzugs. Uli Hoeneß, das weiß Annette Ramelsberger besser als andere, ist ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, mal charmant, meist aufbrausend, aber demütig? Nein, sagt die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung im ZDF-Film Der Patriarch, Demut sei „wider seine Natur“. Weshalb sie dem gefallenen Engel hiesiger Fußballherrlichkeit unterstellt, die Beichte vor Rupert Heindl sei bloß gespielt.

Na das passt ja.

Vorm Strafrichter am Landgericht München mimt Thomas Thieme die Demut seiner Titelfigur mit einer Art innerem Aufruhr, der offenbar nur vorgeschoben ist und dem Original somit fast gespenstisch nahe kommt. Dauernd arbeitet, kocht und brodelt es so wahrhaftig im Charakterdarsteller, dass Der Patriarch oft vom Dokudrama zur dramatischen Dokumentation wächst. Und das hat mehr Gründe als besagter Thieme, der seinen wuchtigen Leib schon Helmut Kohl lieh, Gustav Krupp oder Martin Bormann.

Da wäre das Drehbuch, mit verfasst von Annette Ramelsberger, die dem Steuerhinterziehungsprozess vom mediensturmumtosten Anfang bis zum erwartbaren Ende beigewohnt hat. Da wäre also eine umfassende Recherche, die in den Verhandlungspassagen auf Gerichtsprotokollen beruht und in den Rückblicken auf reichhaltiger Quellenlage der aufkommenden bis formvollendeten Mediengesellschaft. Da wäre demnach eine Titelfigur, die Zeit ihres Lebens im Rampenlicht steht und dort von allem berichtet, was angefragt wird, also einer Menge. Da wäre, in einem Wort: viel Wahrhaftigkeit.

Und zwar selbst dann, wenn sich das obligatorische Reenactment mit Robert Stadlober als Dieter mit Löwenmähne überm Bayerntrikot in ihrer polyesterbunten Siebziger-Ästhetik oft arg gefällt. Geschickt montiert Regisseur Christian Twente einen Ulmer Metzgersohn mit dem bayerischen Nationalspieler zum Über-Ich globaler Fußball-PR, dessen machtbewusste Empathie seinen Sport mehr geprägt hat als alle Beckenbauers, Bosmans, Ballartisten. Und wenn das Bild vom Gerichtssaal, wo mit jedem Verhandlungstag weitere Millionen hinterzogenes Geld zutage treten, über den väterlichen Betrieb, wo der Lehrling zur Expansion rät, umschaltet auf ein grobkörniges Originalzitat des 22-Jährigen, keiner seiner Schulkameraden müsste wie er „Steuererklärungen ausfüllen oder Geld anlegen“, ist das dramaturgisch auf höchstem Niveau.

Dummerweise bleibt der Film auch atmosphärisch oft erhaben. Von der Kanzel seriöser Unterhaltung aus sendet er reichlich Moralin ins Publikum – bedeutungsschwer, sachlich, aber nur selten mit dem, was Uli Hoeneß kennzeichnet: Hingabe. Dem Patriarch fehlt trotz Thieme, Kostümorgien und putziger Originalzitate jede Leichtigkeit im Umgang mit einem Skandal, der ja vor allem bizarr anmutet. Von Willi Lemke über Theo Zwanziger bis Rainer Calmund sitzen gewichtige Zeitzeugen im Dutzend vor der Kamera; allein, es fehlt jene Emotionalität, die der tiefe Fall des hochgestiegenen Halbgottes bei vielen bis heute entfacht, wo er Gerüchten zufolge schneller als jeder Verurteilte zuvor zum Freigänger wurde.

Da war es keine schlechte Entscheidung von Sat1, den Fall 13 Tage später zur Groteske im Stil von Wes Andersons Grand Budapest Hotel zu machen. Uwe Ochsenknecht spielt Udo Honig darin als ulkigen Strippenzieher, der seinen Knast bald nach der Einweisung zur florierenden Wurstfabrik managt. Mit Wahrheit hat das weniger zu tun als Steuerbetrug mit einem Kavaliersdelikt. Da oft aber grad im Humor die Wahrheit am wirksamsten ist, sei Wissbegierigen mit Unterhaltungsbedarf vielleicht doch eher der Kommerzkanal empfohlen. Nach kurzem Warm-up im Zweiten.

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