Wladimir Kaminer: Germanenseismograph

Die Provinz hat mehr Keller

Wladimir Kaminer ist eine Art russischer Seismograph deutscher Befindlichkeiten. Nun reist er für 3sat durch die Kulturlandschaften (montags, 19.30 Uhr) unserer Provinz – und entdeckt darin Dinge, die Eingeborenen vielleicht verborgen blieben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wladimir Kaminer, Sie wenden sich in „Kulturlandschaften“ dauernd an eine imaginäre Olga. Wer ist das – eine Brieffreundin?

Wladimir Kaminer: Olga ist weder imaginär noch eine Brieffreundin, sondern meine Frau, die da drüben steht (zeigt zur Tür).

Die Frau im bunten Kleid?

Nein, die im schwarzen; Olga ist nicht so ein bunter Typ. Wie ich. Es ist eine Macke von mir, dass ich mehrmals am Tag mit ihr reden muss, selbst wenn ich weit weg bin. Weil wir beim Drehen also sowieso ständig kommuniziert haben, kam der Produktion die Idee, dass ich meine Gedanken auch im Film in einer Art vorgelesenen Briefen an sie weiterreiche. Zuerst war ich misstrauisch, aber das Lesen symbolisiert wunderbar die Distanz, die auch ich gegenüber dem habe, worüber ich hier berichte.

Distanz zu dem Land, dass Sie mittlerweile die Hälfte ihres Lebens bewohnen?

Wissen Sie, wir leben in einer der Zeit der Völkerwanderung, gegen die die vor 2000 Jahren purer Stillstand war. Jeder sucht nach einem besseren Ort zum leben, lieben, arbeiten; dadurch sind wir alle Touristen. Man hat zwar eine Postadresse, aber selten Bezug zum Wohnort. Ich zum Beispiel bin fast das ganze Jahr unterwegs und weiß, wie schwer es ist, eine Gegend in kurzer Zeit kennenzulernen; dafür brauchst du Insider. Das Erfolgsrezept der Sendung ist also weniger Distanz als die Mischung aus Eingeweihten und einem Ahnungslosen wir mir, der ohne Vorbehalte und Bilder an eine neue Gegend herantritt. Das heißt nicht, dass ich Distanz zu ganz Deutschland habe, sondern nur zu den unbekannten Ecken.

Was bezeichnen Sie dann als Heimat?

Meine Heimat ist am Ende da, wo ich geboren bin. Aber in dieser neuen Zeit müssen alle alten Begriffe neu definiert werden. Ich kann und will den sozialistischen Background meiner Vergangenheit, den ich durchaus schätze, weder verdrängen noch eins zu eins in die Gegenwart übertragen. In der Sintflut neuer Technologien und Werte muss jeder seine Heimat immer wieder aufs Neue entdecken. Umso erstaunlicher, dass so wenige Europa als ihre Heimat bezeichnen, dieses mächtige, starke, gewaltige Gebilde mit endloser Wirtschaftskraft und 500 Millionen Einwohnern. Ich sehe mich nicht als Deutscher oder Russe, sondern als Europäer. Denn in Europa hat die Vielfalt der Kultur den Menschen eine Form der Freiheit verschafft, wie es sie sonst nirgends gibt. Hier kann man sein Leben selber basteln – ohne dass ihm ein Staat, ein Führer, die Kirche sagen kann, wo es lang geht. Davon bin ich großer Fan.

Ist das schon Patriotismus?

Nein. Ich habe bislang vor allem negative Erfahrungen mit Patrioten gemacht, weil die meisten von ihnen Liebe zu ihrem Land als Hass auf andere missverstehen. Der gemeine Patriotismus ist mir zu aggressiv, wohingegen wahre Patrioten die Liebe zum Ort ihres Herzens dafür verwenden, es allen darin besser gehen zu lassen. Egal wer und woher, das kann ein Dorf sein, eine Insel oder die größte Stadt.

Wie ist als langjähriger Berliner Ihr Verhältnis zur Provinz?

(überlegt lange) Ein bisschen gespalten. In einer Großstadt kann sich jeder ausleben wir er mag, ohne dass er dabei beobachtet wird. In der Provinz ist es umgekehrt: Die Möglichkeiten sind begrenzt, aber jeder sieht dabei zu, sie zu ergreifen oder auch nicht. Nehmen Sie die beiden Musiker der Serie aus dem Schwarzwald; ich denke nicht, dass deren Nachbaren wirklich wissen, welche Art Black Metal die zwei machen. Provinz hat mehr Keller, in denen ein Doppelleben möglich ist.

Keller, spannend!

Absolut. Großstadt ist dagegen ein bodenloser Eimer, in dem alles verschwindet, was man so hinein kippt; deshalb fahre ich gern in die Provinz, um in einige hineinzuklettern.

Nur auf Besuch oder mit der Option, zu bleiben?

Ach, ich habe zwar meine Wohnung am Mauerpark, wo heute Tausende von Menschen dran vorbeiziehen und morgen Tausende anderer. Gleichzeitig habe ich allerdings auch mein Häuschen mit Garten in einem nordbrandenburgischen Dorf, das offiziell 160 Einwohner hat, gefühlt aber höchstens drei. Wenn ich da spätabends die Sterne zählen gehe, wissen es am nächten Morgen alle.

Ist das ein Rückzugsort?

Es ist vor allem eine Bereicherung, weil ich das Großstadtleben nicht missen möchte, aber ab und zu Luft holen muss.

Könnten Sie sich vorstellen, je wieder in Russland zu leben?

Hmm, lieber würde ich in Berlin bleiben. Russland ist ein sehr interessantes Land, aber durch bestimmte Ereignisse der Geschichte hat es sehr viel Zeit verloren, die für seine Entwicklung wichtig gewesen wären. Ich helfe denjenigen, die versuchen, das Land auf Weltniveau zu bringen, wie und wo ich kann, aber lieber aus der Ferne.

Zumal die Menschen in Deutschland Sie mehr schätzen und lesen als irgendwo sonst auf der Welt. Liegt das am Spiegel, den Sie Ihrer Wahlheimat aus der Perspektive eines Zugereisten vorhalten?

Ich bilde mir ein, dass meine Nationalität in der Liebesbeziehung dieses Landes zu mir und umgekehrt eine untergeordnete Rolle spielt. Ich und meine Leser haben einfach sehr ähnliche Interessen. Weil Literatur eine Einladung zum Gespräch ist, finde ich daher hier mehr Gesprächspartner als in Russland, wo die Probleme ganz andere sind als die, die ich anspreche. Russland hat trotz der schwierigen deutschen Geschichte noch viel mehr mit seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Sind Sie dennoch bekannt in Ihrer alten Heimat?

Anders als hier. Als Russland noch ein europäisches Land sein wollte, haben sich die Medien für mich als jemand interessiert, der es im restlichen Europa zu etwas gebracht hat. Das hatte Beispielcharakter. Jetzt, wo das Land sich beleidigt von Europa entfernt und wie eine wütende Ziege in den Wald rennt, werde ich zur fünften Kolonne erklärt, der zum Feind übergelaufen ist.

Stört Sie das?

Im Gegenteil. Das reißt doch einem System die Maske vom Gesicht, das im 21. Jahrhundert aus ehemaligen KGB-Offizieren und korrupten Komsomolzen besteht. Was für ein hinterwäldlerischer Anachronismus!

Zum Abschluss also bitte: Wladimir Putin in einem Satz?

(Überlegt lange) Ach Putin, das ist eine sehr tragische Geschichte. Goethe hat es im Faust gut beschrieben: Wladimir Wladimirowitsch wurde die Verwirklichung eines Traums geschenkt, die sich zusehends als Haufen Scheiße entpuppt hat. Ich glaube, das hat ihn zutiefst frustriert, denn die Tatsache, dass Russland die Mühen des sozialistischen Experiments 70 Jahre lang auf sich genommen hat, könnte der Welt doch vieles geben. Die aber wollte gar nichts haben. Deshalb sind diese 70 Jahre schlicht verloren. Und als Erbe dieser verlorenen Zeit hat Russland nicht viel mehr als Atomwaffen, Rohstoffe und viel Platz. Das ist wahnsinnig deprimierend – für Russland, aber auch für Putin. Deshalb reagiert er, wie er reagiert.

Also – Putin in einem Satz?

Er wartet auf ein Angebot.

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