Dieter Hallervorden: Honig & Chuzpe

rote-rosen-fuer-die-damen-edek-rotwachs-ist-ein-kavalier-alter-schule-102-_v-standard368_a9eb88Was Sie Klamauk nennen…

Zwei Jahrzehnte lang war Dieter Hallervorden (Foto@ARD-Degeto/Julia Terjung) nur Didi mit der Flasche Pommes. Seit ein paar Jahren aber wagt sich der gelernte Kabarettist zusehends an Charakterrollen – wie in der ARD-Komödie Chuzpe (Samstag, 5. September, 20.15 Uhr), wo er einen jüdischen Spätheimkehrer mit verrückter Geschäftsidee in Berlin spielt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Dieter Hallervorden, Sie haben die einmalige Gelegenheit, sich ein Thema auszusuchen, über das wir nicht reden!

Dieter Hallervorden: Oh, dann nehme ich Griechenland, bitte. Oder denken Sie da an Privatangelegenheiten? Die können wir natürlich auch gern weglassen…

Ich dachte vor allem an Didi, Ihre Kunstfigur der Siebziger.

Stimmt, über die ist nun wirklich alles gesagt – auch, weil ich so viele Jahre danach noch immer ständig was dazu sagen muss. Aber wenn Sie so fragen, brennt Ihnen doch garantiert was unter den Nägeln. Also schießense mal los!

Ist alles darüber gesagt, weil es Geschichte ist oder weil Ihnen der Klamauk dieser Geschichte womöglich ein bisschen unangenehm ist?

Ersteres, weil ich das nie als Klamauk empfunden habe. Klamauk ist Bild-Zeitung, Didi dagegen ist ja daraus entstanden, dass ich seinerzeit Marty Feldman synchronisiert habe, der in seiner Heimat ein gefeierter Superstar war, weil Komödie im englischsprachigen Raum als ganz hohe Kunst gesehen wird. Aber obwohl Goethe mal gesagt hat, wie ernst man sein müsse, um was Heiteres zustande zu bringen, wird es in Deutschland noch immer nicht anerkannt. Komödie gilt hier als minderwertig, mit dem seltsamen Nebeneffekt, dass ich erst durch späte Filme wie Honig im Kopf oder jetzt Chuzpe Anerkennung kriege, die es in England auch mit dem gegeben hätte, was Sie Klamauk nennen.

Haben Sie das Gefühl, jetzt Fähigkeiten zeigen zu dürfen, die zuvor brach lagen?

Ich kann halt nur spielen, was man mir anbietet. Und da bin ich Kilian Riedhof dankbar, dass er den Mut hatte, die Rolle des Marathonläufers in Sein letztes Rennen vor ein paar Jahren auf mich zuzuschreiben. Ein Film, wo der Humor allenfalls hintergründig ist. Das war mein Wiedereinstieg in die Charakterrolle, was – ohne mir auf die Schulter zu klopfen – schon auch meine Vielseitigkeit beweist.

Empfinden Sie das angesichts des ersten Karrieredrittels als zweiten Frühling oder angesichts des mittleren eher als vergoldeten Spätherbst?

Wer sich genauer mit mir beschäftigt hat, weiß ja, dass ich auf der Schauspielschule schon Franz Moor in Schillers Räuber gespielt habe und zunächst mal Filme wie Springteufel oder Millionenspiel gedreht, was dann aber durchs politische Kabarett und Nonstop Nonsens überdeckt wurde. Umso größere Freude bereitet es mir, die Zuschauer meiner neuen Filme mit einem Hallervorden zu überraschen, den sie noch nicht kannten.

Statt noch irgendwen überraschen zu wollen könnten Sie sich aber auch in ihr bretonisches Schloss mit eigenem Wikipedia-Eintrag setzen und den Ruhestand genießen oder haben Sie dafür zu viele Hummeln im Hintern?

Wissen Sie, wenn man einen Beruf hat, der aus einem Hobby entstanden ist, kann man damit nicht einfach aufhören, nur weil es daheim gemütlicher ist. Solange mich meine Beine noch auf die Bühne tragen, da oben genug Grips steckt und ein paar Leute zusehen, werde ich dieser Leidenschaft immer nachgehen. Die anderen Hobbys von Gärtnern über Surfen bis Lesen würden nie ausreichen, mein Dasein mit Leben zu füllen. Ich bin im Unruhestand.

Das haben Sie mit Ihren jüngsten Rollen gemeinsam, die nochmals ganz von vorn anfangen und wie in „Chuzpe“ eine Bulettenfabrik in der alten Heimat aufmachen.

Was uns mehr noch vereint, ist die Tatsache, dass wir uns diese Ziele gegen alle Widerstände setzen. Aus Steinen, denen man Menschen in den Weg legt, lassen sich durchaus solide Gebäude bauen. Gut, ich werde 80; aber das Leben ist wie ein Theaterstück: Es kommt nicht drauf an, wie lange es dauert, sondern wie interessant es ist. Meins ist noch nicht uninteressant genug, um aufzuhören.

Man hat das Gefühl, dieses Motto gilt für die ganze Branche, wo es immer mehr Senioren gibt, die im Alter nochmals Fahrt aufnehmen. Hat das mit der demografischen Entwicklung zu tun?

Was meinen Sie denn?

In meiner Fernseherinnerung saßen alte Leute vor 30 Jahren im Sessel und waren gute Großeltern, heute müssen sie partout noch mal Firmen gründen und tollen Sex haben…

Wie weit das im Trend liegt, vermag ich nicht zu sagen. Aber es war und ist wünschenswert, dass die letzen Jahre oder Jahrzehnte nicht fremdbestimmt werden. Insofern ist ein Film wie Chuzpe angesichts der wachsenden Anzahl älterer Menschen, die zusehends fitter werden, absolut zeitgemäß. Darüber hinaus interessiert es mich der Kontext meiner Filme weit weniger als die Qualität seiner Bücher und Figuren. Und an dieser hat mich unabhängig vom Alter besonders die Lebensphilosophie interessiert. Sein Glas ist nämlich immer halb voll.

Das ist es bei Ihnen auch?

Meistens.

Was über seine Kraft hinaus interessant ist, ist sich nach 60 Jahren im australischen Exil irgendwie aus Jiddisch, Deutsch und Englisch zusammensetzt.

Das war die Idee: Eine Kunstsprache zu erschaffen. An der hab lange gebastelt. War nicht einfach. Weit authentischer ist allerdings die Figur selbst, diese Lebensfreude, da steckt im Gegensatz zu Honig im Kopf Gott sei Dank schon auch eine Menge von mir selbst drin. Ich hab wie er ja noch einiges vor.

Dafür spricht, dass Sie sich das zweite Berliner Theater zugelegt haben.

Nicht zugelegt – nur gemietet. Ein Haus, das eine hohe internationale Reputation hat, aber als ich es vor sechs Jahren übernommen habe total heruntergekommen war. Wir beginnen am 5. September mit der siebten Spielzeit. Richtig stolz bin ich aber eher auf die Wühlmäuse, die ich 1960 gegründet habe und seither ohne Subventionen am Laufen halte. So schlecht kann der Spielplan da nicht gewesen sein. Dennoch ist das Schlosspark-Theater mein Lieblingsprojekt, da steckt so viel Liebe, Herzblut und Geld von mir drin.

Müssen sie eigentlich noch irgendwem etwas beweisen?

Das nicht, aber die Arbeit als Intendant so eines Hauses war schon eine besondere Herausforderung. Wir gehen noch immer nicht mit plusminus Null aus einer Saison heraus, aber die Kurve weist nach oben.

Glas fast voll also…

Auf jeden Fall.

Bleibt da noch Zeit und Lust zum politischen Kabarett?

Lust ja, Zeit nein. Und Kraft? Ich bin schon jetzt total überlastet, da freue ich mich erstmal auf ein bisschen Ferien, um die Batterien aufzuladen und zu sehen, welchen Schritt ich als nächstes tun kann. Zurück darf keiner gehen.

Wenn Sie ein Cowboy wären, würden Sie offenbar in Ihren Stiefeln sterben wollen…

Ich will Molière nicht alles nachmachen und auf der Bühne sterben, aber solange mich die Leute sehen wollen, müssen Sie damit rechnen, dass ich noch etwas weiter mache.

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