BOY, Le Very, The Arcs

BOY

Die deutsche Sprache ist voller Worte der Überwältigung. „Hinreißend“ ist eines, gefolgt von „betörend“. Beide jedoch sind auf die schönen Dinge gebucht: Blumen, Kleider, Leichtigkeit. Wie viel Gewicht hinterm Liebreiz steckt, kommt da kaum zum Vorschein. Boy zum Beispiel, deren Debütalbum vor vier Jahren wie ein Wellnessurlaub aus der Nische gediegenen Easy Listenings in die Aufmerksamkeitsindustrie rauschte, mag ja hinreißenden Gitarrenpop mit betörender Sommerwindpoesie machen; auch auf dem Nachfolger schwingt abseits aller Gefälligkeit eine so viel tiefgründige Seinsbeschreibung mit, dass es härterer Worte bedarf, um des Duos aus Hamburg und Zürich habhaft zu werden.

https://youtu.be/mMdNOiplpEc; http://youtu.be/xYpK0Z95MYg

Wo Sonja Glass und Valeska Steiner von der Einsamkeit des mobilen Lebens singen, wirkt es trotz der Engelsstimmen nie larmoyant, sondern kraftvoll. Wenn reduzierte XX-Gitarren durchs Titelstück tupfen, erhält es eine trotzige Melancholie. Und wenn das analoge Songwriting digitaler grundiert wird, klingt „betörend“ zu luftig. Dann sind die beiden einfach nur überwältigend.

BOY – We Were Here (Grönland)

Le Very

Überwältigend, wenngleich auf anderem Gebiet als der musikalischen Reduktion aufs Wesentliche mit großer Wirkung ohne übertriebenen Aufwand, sind hingegen Le Very: Fünf überstylte Berliner vom Prenzlberger Coolnesserbhof Neukölln, neben denen selbst ortsübliche Hipster verblassen. Auf ihrem Debütalbum V bieten sie feil, wofür der Begriff Pop erfunden wurde: Mehr Hülle als Inhalt, weniger Intellekt als Spaß. Umso seltsamer, dass der kreative Kopf Nikolas Tillmann nebst Keyboarderin Naemi Simon und Milian Vogel (Drums), flankiert von zwei flamboyanten Gogo-Girls, beim Spartenlabel Zukunftsmusik gelandet sind.

Nicht so seltsam ist, dass ihr viriler Mix aus klassischer Instrumentierung und digitalem Disco-Chichi, von der Spex „very interdisziplinär“ getauft, längst die Tanzböden der Metropolen erhitzt. Mit englischen Texten über, nun ja, nichts Weltbewegendes, viel Clapclap und Woohoohoo, ein paar Autoscooterorgeln und weit ausgefahrener Antenne für diverse Ursachen des Hüftwackelns, holt ihr erstes Album ein bisschen Poledance ins Wohnzimmer. Nicht vordergründig klug, nicht übertrieben prollig, irgendwie angenehmer zu hören als einem der Intellekt weismachen will. Drauf gepfiffen.

Le Very – V (Zukunftsmusik)

The Arcs

Auf seinen Erfolg gepfiffen hat offenbar Dan Auerbach. Der Sänger, Gitarrist, Produzent  geht nach all den Trophäen, Soundtracks und Einnahmen seines lukrativen Garagenrock-Duos The Black Keys kurz mal eigene Wege und nennt sie The Arcs. Mit fünf befreundeten Musikern aus halb Amerika hat der Mittwestler aus Ohio ein sagenhaft unterhaltsames Debütalbum namens Yours, Dreamily gemacht, in zwei Wochen, so heißt es, schnelle Ideen, schnelle Umsetzung, fertig. Fertig? Noch lange nicht! Die 14 Songs klingen, als hätte sich Robert Palmer mit Sam Genders zur Neujustierung des Indiepop getroffen und bei einem Abstecher in die staubigen Weiten des Folks die Abfahrt zurück zur Hauptstraße verpasst.

So mäandern The Arcs also durch die Historie klassischer Bandmusik, naschen hier etwa Soul wie in der Single-Auskopplung Stay in my Corner, rasten dort im Americana wie beim nachfolgenden Cold Companion und ringen dem Rock dabei immer wieder Facetten ab, die ihm ein Überschuss an Testosteron regelmäßig vorenthält. Das ist ungeheuer lässig, selten weltbewegend, aber rundum schön zu hören. Hoffentlich verfahren sich die sechs noch ein bisschen weiter.

The Arcs – Yours, Dreamily (Nonesucht)

Zwei der Kritiken sind zuvor auf www.zeit.de erschienen

 

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