Hamburg: Hockey, Polo, Elitensport

polo-hamburg-540x304Eine Frage des Geldes

Polo ist eine der letzten Sportarten, die konsequent wohlhabenderen Schichten vorbehalten bleibt. Dass ihr deutsches Herz trotz der raumgreifenden Spielfelder ausgerechnet im engen Hamburg schlägt (Foto@Stefanie Schmalz), sagt viel über die Hansestadt aus, in der auch andere Elitesportarten von Hockey über Rudern bis Tennis bedeutsam sind.

Von Jan Freitag

Hamburg hat, wie jede Großstadt, höchst verschiedene Seiten. An dieser zum Beispiel grasen gemächlich ein paar Pferde, während es ringsum zwischen den Wipfeln tiriliert, als lägen sie im Schwarzwald, nicht wenige Minuten entfernt vom zentralen Wohngebiet mit Autobahnanschluss. Es ist still hier, fast ländlich, die Bienen summen, sanft trappeln die Hufe. Dann aber durchbrechen krächzende Kommandos das Osdorfer Naturidyll: „Wenn eure Rückhand nach rechts knickt“, fegen sie über die gepflegte Rasenfläche von zwei Fußballfeldern Größe, „ist der Schlag im Arsch“.

Rückhand?

In Hamburg ist der Begriff selbst tief im Grünen nichts Ungewöhnliches. Rückhände gibt es hier bekanntlich im Tennis, eine äußerst hanseatische Sportart, die ihre deutsche Verbandszentrale, das wichtigste Turnier, tausende von Aktiven zwischen Elbe und Alster beherbergt. Rückhände gibt‘s auch im Hockey, noch so eine Leibesübung, deren nationales Herz in Hamburg schlägt, fast alle Kammern sogar, Serienmeister und Nachwuchsmassen inklusive. Diese Rückhände hier aber erfolgen nicht nur auf edlem Grund nobler Clubs, sondern hoch zu Ross. Denn was hier bei falschem Armwinkel noch zu missraten droht, sind Rückhände blutjunger Polo-Schüler von Thomas Winter, Deutschlands bester Spieler, Fachleute meinen gar: der international einzig konkurrenzfähige.

Und das hat gute Gründe. Zunächst mal seine Mutter, eine Reitlehrerin, die den Kaufmannssohn im ostafrikanischen Sambia Anfang der Siebziger als Fünfjähriger zum Pferdenarren gemacht hat. Mehr aber noch lag es am zweiten: Hamburg. Die Stadt, so scheint es, ist ein Eldorado für Ertüchtigungen von elitärem Ruf. Neben Hockey und Tennis gilt das besonders für Rudern, dessen nationale Keimzelle – der noble DHRC Germania – vor beinah 200 Jahren gegründet wurde, als es ansonsten allenfalls Turnvereine gab. Auch Golf, Springreiten, Trabrennen, deren Kosten für Material und Mitgliedschaft bis heute weite Teile der Bevölkerung ausschließen, haben hier bedeutsame Stützpunkte. Vom Polo, dem altpersischen Königsspiel, ganz zu schweigen.

Die TopTen der nationalen Rangliste, schwärmt Thomas Winkler nach Trainingsende verdreckt, aber glücklich vom Standort seiner Poloschule, residiere vollzählig in seiner Stadt. Dass die „bundesweit qualitativ wie quantitativ spitze“ sei, habe aber nicht nur mit Tradition plus Herkunft zu tun, sondern einer gewissen „Affinität zu England“, wie er es im breitesten Hamburger Slang ausdrückt. All die Sportarten mit Oberschichtsaura nämlich sind einst vom Empire über die Waterkant ins ganze Land gespült worden. Ein Freizeitspaß für Pfeffersäcke also, nichts für den Pöbel, klischeehanseatisch und snobistisch? Mitnichten, beteuert der wettergegerbte Profi in dreckiger Jeans und Sweater unterm wilden Fünftagebart. „Eine Frage des Geldes“ werde sein zugegeben aufwändiger Sport erst, „wenn man ihn professioneller betreiben will“. Dann brauche man locker sechs Pferde pro Spieler plus Angestellte, „das kostet“.

Und es hindert das noble Vergnügen mehr als andere daran, bürgerlich zu werden. Der Deutsche Tennisbund am Rothenbaum verzeichnet seit Beckers Wimbledon-Sieg vor 30 Jahren – wenngleich längst sinkenden – Zulauf aus allen Schichten. Als olympische Kerndisziplinen hat Hockey wie Rudern trotz einiger Standesdünkel sein bourgeoises Image abgeschüttelt. Trotz hermetischer Clubs vom gräflichen GC Breitenburg nordwestlich der Landesgrenze bis hin zum edlen Treudelberg hat es selbst das distinguierte Golf ein Stück weit aus der Luxusecke in die Masse geschafft. Allein Polo hält neben dem Highend-Hobby Hochseesegeln noch die Fahne der Oberen Zehntausend hoch. Auch, wenn man es nicht so recht wahrhaben will.

Wolle man seinen Sport mit Ehrgeiz betreiben, meint Jens Thomsen, „muss man schon 5000 Euro pro Pferd übrig haben“. Klingt nach einer realistischen Einschätzung des Immobilienmaklers mit drei eigenen Tieren. Als der Hamburger jedoch vor Jahresfrist im bayerischen Fünfsternegut Ising die „Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal“ moderierte, fügte er mit hochgeschlagenem Polohemdkragen hinzu: „Das kann man sich doch leisten.“ Das „man“ ist hingegen Interpretationssache. 280 Euro kostet das Training seines Sohnes im Monat, erklärt etwa der Vater – Beitrag: 420 Euro – eines zwölfjährigen Schülers von Thomas Winter. Das dürfte der Durchschnittsmiete jener Sozialwohnungen verwahrloster Plattenbauriegel entsprechen, die das angrenzende Pologelände zum Inferno aberwitziger Gegensätze machen, leicht übertreffen.

Bei guter Sicht darf sich die anwohnende Unterschicht dann auch noch an den Karossen der 80 Nutzer des 45 Hektar großen Areals erfreuen. Während des Jugendtrainings parkt dort zwischen zwei Luxusmodellen deutscher Herkunft ein englischer Traum von Oldtimer, dem eine Mutter mit englischem Akzent und Tasche von Louis Vuitton entsteigt. Das aber ist noch lange nichts verglichen mit dem Fuhrpark vorm gediegenen Hamburger Polo Club von 1889, ältester seiner Art auf dem europäischen Festland, der im nahgelegenen Klein Flottbek Karossen ums schneeweiße Vereinsheim schart, für die man Jens Thomsens 5000-Euro-Pferde im Dutzend kaufen könnte.

So herrscht auch hier, im reichsten Teil der wohlhabenden Hansestadt, ein elitensportlicher Selbstbetrug, der bei einer Umfrage unter Funktionären den Eindruck erwecken möchte, die 22 Golfclubs im Hamburger Landesverband seien trotz Jahresbeiträgen von 800 Euro aufwärts ohne Ausrüstung, Trainer, Turniere Hartz4-kompatibel. „Vincent“, ruft der rustikale Polo-Profi Winter mit rauer Stimme über die gewaltige Grasfläche des Spielfelds von 275 Metern Länge, „linke Hand nicht ablegen, sondern am Zügel halten“. Dann hört man zwischen zwitschernden Vögeln und Hufgetrappel nur noch das helle Klacken geschlagener Plastikbälle. An einem unwirklichen Ort mit sozialem Brennpunkt. In einer Hochburg für alles, was britisch ist, sportlich. Und edel.

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