K.Flay, Frittenbude, Jimi Tenor

K.Flay

Allein überwältigt dagegen K.Flay. Auf ihrem Debütalbum grundiert die Kalifornierin Hip-Hop mit elektronischem Eigensinn zu einem Alternative-Pop, der offenbar nur zur Entfaltung kommt, wenn man dafür dem Verwertungsbetrieb der großen Musikkonzerne entflieht. Die hatten Kristine Flaherty ja längst im Visier, als sich die Beastie Boys oder Snoop Dog ihres Sounds bedienten, den sie noch während des (erfolgreichen) Psychologiestudiums an der Elite-Uni Stanford ersann. Doch bevor die Branche ihrer impulsiven Kreativität Fesseln anlegen konnte, setzte sich K.Flay nach New York ab und produzierte fast im Alleingang Life As A Dog.

Ein furioses Sammelwerk lässiger Großstadtphilosophie, das Vergleiche zu M.I.A., Mattafix oder Run The Jewels nicht zu scheuen braucht. Mit ihrer auf liebliche Art aufsässigen Stimme erzählt sie in robusten Raps von der Angst, etwas zu verpassen, mehr aber noch von jener, darüber hektisch zu werden. Die großen Musikkonzerne stehen schon wieder Schlange. Hoffentlich ganz weit hinten.

K.Flay – Live As A Dog (Humming Records)

Frittenbude

Ganz weit vorne stehen abermals die Elektropunkrapper Frittenbude. Gestartet 2006 als Spaßkapelle mit ausgewiesener Antifa-Attitüde und bierzelttauglicher Poesie im niederbayerischen Bauch der Republik, hat sich das Trio spätestens seit dem Umzug nach Berlin zum Sprachrohr fein austarierter Sozialkritik gemacht, die an große Vorbilder der swingenden Linken heranreicht und sich vor Geistesverwandten wie Brothers Keepers, Mediengruppe Telekommander oder Samy Deluxe keinesfalls verstecken braucht. Was auch daran liege, so behauptet zumindest der Texter Johannes Rögner, dass Küken des Orion alles Plakative, Parolenhafte zugunsten sublimerer Botschaften verdrängt, die sein Sprechgesang gewohnt nölig ins Unterbewusstsein massiert.

“Wir sind nicht immer dagegen / aber auch selten dafür”, singt er auf dem vierten Album und schildert damit die trotzige Verlorenheit linker Renitenz zwischen rassistischem Mainstream und kapitalismuskritischem Fatalismus. Vertont von Martin Steers Gitarre und dem technoiden Soundgewitter von Jakob Hägelsperger treffen Frittenbude damit exakt den Ton gleichgesinnter Rezipienten. Und die anderen? Tanzen einfach mit.

Frittenbude – Küken des Orion (Audiolith)

Jimi Tenor

Das übrigens, Tanzen nämlich, geht mittlerweile auch zur Musik von Jimi Tenor. Nach seiner Frühzeit im kakophonisch treibenden Industrial vor bald drei Jahrzehnten, gefolgt von einer experimental-elektronischen Phase, die Ende der Neunziger zunehmend in den Freejazz abbog, ist der finnische Klangvirtuose auf seinem neuen Album Mysterium Magnum nun im Neo-Swing gelandet. An der Seite von UMO, dem nationalen Jazz Orchester seiner Heimat, verdichtet er die Atmosphäre einer Big  Band so gekonnt mit dem Sog eines gelungenen Soundtracks, dass Entkommen kaum möglich ist.

Mit geschlossenen Augen wähnt man sich unwillkürlich im Thriller der Siebziger, dessen Handlung Tenors Arrangements im anschwellenden Moll-Ton vor sich hertreibt wie auf einer Verfolgungsjagd in schweren US-Kutschen auf den Straßen von San Francisco. Nie kommt das Gemüt hier vollends zur Ruhe, stets dräut selbst in den ruhigen Passagen irgendwo ein Bläserteppich oder Tenors Altsaxophon, gepaart mit seinem russischen Synthesizer Ritm-2. Dem Titel macht das alle Ehre, dem Komponisten sowieso. Ein funkiges Spätwerk des Jazz, nebulös, einvernehmend, einfach fabelhaft!

Jimi Tenor & UMO – Mysterium Magnum (Herakles)

Ein Teil der Texte ist vorab auf ZEIT-Online erschienen

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