Unter meinem Bett, Malakoff Kowalski

Unter Meinem Bett_Cover_kleinUnter meinem Bett

Kinder hatten’s schon immer schwer. Einst mussten es artige kleine Erwachsene sein, denen debile Lieder und Horrorstory voll fieser Wölfe oder toter Suppenkasper vorgesetzt wurden. Jetzt sind die Geschichten zwar altersgerechter, das Liedgut aber verharrte im infantilen Heitidei – bis Deine Freunde dem Nachwuchs ein Stück Wirklichkeit ins wachsende Hirn rappten. Das HipHopTrio aus Hamburg besingt erstmals echte Herausforderungen für die Kleinsten, zu Themen wie Überforderung, Aufräumen, Spickzettel, deine Mudder, betextet mit Niveau, Relevanz und Spaß, in einem Sound, der auch Großen gefällt. Das muss dringend erwähnt werden, wenn von einer neuen Platte mit Kinderliedern die Rede ist. Sie heißt Unter meinem Bett und stammt von den derzeit populärsten Singer/Songwritern im Land.

Im Namen der Zielgruppe protestiert Gisbert zu Knyphausen gegen den Zwang zum dauernden Sollen, dem er das Recht aufs Wollen entgegensetzt. Jan Plewka beschreibt einen grimmigen alten Mann, der wohl jedem Kind beim Spielen schon mal den Tag versaut hat. Desiree Klaeukens vergleicht Urlaub mit einer extralangen Schulpause und Die Höchste Eisenbahn feiern das Großwerden, beschreiben aber auch seine Tücken. Die 13 Tracks von 12 Künstlern sind überwiegend heiter bis wolkig, klingen dabei oft gar nicht anders als andere Lieder der Verfasser, gönnen sich dennoch zwischendurch überdrehten Gaga von Olli Schulz oder Peter Licht und bieten als Schlussakkord den Titelsong des seligen Nils Koppruch, der das Chaos unterm Bett feiert. Im Zielgruppenpraxistest hat die Platte bereits Höchstnoten erzielt. Heitidei war vorgestern, Deine Freunde haben nun Unterstützung, man möchte glatt wieder klein sein.

Various Artists – Unter meinem Bett (Oetinger Audio)

Album_Cover_Malakoff_KowalskiMalakoff Kowalski

Kind geblieben und dennoch gewaltig ist ein Künstler, der aussieht, als verkaufe er Altkleider im Brennpunktviertel, aber zu den fantastischsten Musikern der nostalgischen Moderne: Malakoff Kowalski, ein Erregungskünstler der besonderen Art. Wobei im Zustand großer Erregung zwei Arten Triebabfuhr üblich sind: Alles raus lassen oder nichts rein. Wer verliebt ist, neigt da gelegentlich zum Überschwang und lässt es alle Welt andauernd wissen. Wn die hingegen im Ganzen verdrießt, der zieht sich oft ins Schneckenhaus zurück. Kowalski, der eigentlich heißt, ist beides: Furchtbar verliebt in eine Frau, schrecklich verdrießt von der Popkultur. Ein vertrackter Zustand zwischen Reduktion und Überfluss, die der Hamburger persischen Ursprungs aus Boston am Sitz Berlin mit viel Nonchalance löst.

Sein zweites Album auf Solopfaden heißt I Love You und schmiert dem Zeitgeist hinreißend nostalgischen Honig um den Hipsterbart, als sei nicht der Mittdreißiger in die Spätfünfziger gereist, sondern sie gewissermaßen zu ihm. Er selbst verortet seine wunderbar windschiefe Stimme zu glasklaren Psychobeatriffs in filigraner Jazzkelleraura zwischen Nouvelle Vague und Wes Andersen, was den 15 Tracks abermals die Atmosphäre eines schwarzweißen Science-Fiction-Films verleiht: aufs Nötigste reduziert, von Herzen übermütig, zum Niederknien schön.

Malakoff Kowalski – I Love You (MPS)

Mehr Text’n’Sound’n’Kommentare bei ZEIT-Online

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