Fettes Brot: Spaßrap & Politpop

Fettes Brot @ Ondrey LudkovskiUnser Chef ist der Song

Kaum zu glauben, aber selbst Fettes Brot (Foto@Ondrey Ludkovski) werden sichtbar älter, wenn man die drei HipHopper aus Hamburg genau 20 Jahre nach ihrem Debüt vor sich hat. Seltsam jünger wird hingegen ihr Sound, der den gewohnt schnodderigen Rap ihrer neuen Platte musikalisch absolut discotauglich begleitet. Das erklärt vielleicht den Titel: Teenager vom Mars. Textlich indes vollführt auch das achte Album seit Nordisch by Nature den unvergleichlichen Mix aus parolenhaftem Humor und linksalternativer Attitüde, die Martin Vandreier alias Doktor Renz, „König“ Boris Lauterbach und Björn (Beton) Warns mit „Unterhaltung & Haltung“ umschreiben. Ein überraschend sachliches Gespräch mit drei Spaßveteranen des Diskurs-Raps.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ich habe in den letzten Jahren etwas den Anschluss an euer Werk verloren, aber kann es sein, dass Fettes Brot ein wenig den Anschluss an den HipHop verloren haben?

Martin: Wann denn ungefähr – 1996?

Schon später, eher zwischen Domotape und 3 is ne Party. Habt ihr euch in all den Jahren zusehends dem Pop geöffnet oder verklärt man damit die Vergangenheit?

Boris: Wir waren ja noch nie eine Band, die ängstlich war im Umgang mit genrefremder Musik und dem Übertreten von Grenzen im Sinne eines puristischen Ansatzes von HipHop. Die große Klammer sind und bleiben wir drei, unsere Stimmen, die Texte. Auch auf dem neuen Album hört man Songs wie K.L.A.R.O oder Ganz schön Low unsere Wurzeln genau an, aber wir haben auch nix gegen Pop.

Mit dem Begriff tritt man euch nicht zu nahe?

Boris: Anderen im Genre vielleicht schon. Uns nicht. Pop ist, wenn es das Zeug zur Popularität hat, da hat keiner von uns was gegen.

Björn: Dass wir heute klingen, wie wir klingen, hat ja auch damit zu tun, dass wir uns als Musiker weiterentwickelt haben und im Songwriting besser geworden sind. Learning by doing halt und growing up in public, um mal ganz hiphop-mäßig ein paar Anglizismen einzustreuen.

Benutzt ihr also richtige Poppeitschen wie die Cher-mäßige Stimmverzerrung in Mein Haus, weil ihr es könnt oder steckt da ein Konzept hinter?

Martin: Cher? Ein älteres Beispiel ist dir nicht eingefallen?!

Boris: Das ist einfach nur ein Effekt, der drinbleibt, wenn es geil klingt, und rausfliegt, wenn nicht. Unser Chef ist immer der Song, nicht irgendein Anspruchsdenken. Wenn er uns sagt, ein Gitarrensolo reinzupacken, gehorchen wir ihm.

Martin: Und ob nun Hall, Verzerrung, Delay, was immer: So was gehört eben zum modernen Popsound dazu, um etwa eine Stimme mal artifizieller klingen zu lassen. Da nutzen wir nur die gegebenen Möglichkeiten.

Boris: Und machen uns generell nicht mehr so viele Gedanken über Sparten.

Bedeutet „nicht mehr“, dass ihr euch diese Gedanken früher gemacht habt?

Björn: Wir nicht, aber viele um uns herum, allerdings früher mehr noch als heute. Zu Beginn wurde die Frage einfach viel öfter gestellt, ob das noch HipHop ist. Heute ist er auch in Deutschland vielfältig wie nie, da passen die Schubladenbegriffe nicht mehr.

Martin: Nimm mal einen Song wie Hey Ya! von OutKast, das ist kein HipHop, man hört ihm aber in jeder Zeile an, dass André 3000 aus dem Fach kommt.

Boris: Oder Cee-Lo Green mit Crazy.

Martin: Da gibt’s Hunderte von Beispielen, wo die Grenzen verwischen. HipHop hat Musik, die er früher nur gesampelt hat, weiterentwickelt und sich dabei weit für andere Sparten geöffnet. Das macht ihn so spannend.

Gibt es bei aller Veränderung, die auch euer Sound durchlaufen hat, so etwas wie einen Kernbestand von Fettes Brot – Humor zum Beispiel, die Suche nach einer Punchline?

Boris: Beides, auf jeden Fall.

Martin: Die Krone des Songwritings ist für uns, Unterhaltung und Haltung zusammenzubringen, wenn die Leute auf den Dancefloor gezogen werden, das Gehirn aber angeschaltet bleibt und mal subversiv, mal plakativ mit Gedanken gefüttert wird, die uns am Herzen liegen oder wütend machen.

Würdet ihr euch als politische Band bezeichnen?

Martin: Da wir uns alle als politische Menschen bezeichnen und vieles davon in unsere Musik einfließt, wahrscheinlich schon.

Björn: Wobei man politische Musik auf keinem Fall mit dem verwechseln darf, was an Politik in den Nachrichten, geschweige denn den Parteien geschieht. Unser Weg ist eher zu kommentieren, wenn etwas mal sehr richtig läuft.

Boris: Oder sehr falsch.

Ist es da gewollt, dass viele Leute irritiert sind, wenn ihr zum 25. Geburtstag der Roten Flora in Hamburg auf der Bühne eines linksautonomen Zentrums steht aber vor allem auf die Partytube drückt?

Boris: Wenn jemand so irritiert ist, dass er sich zwischendurch fragt, ob das nun sozialkritisch ist oder nicht, haben wir unser Ziel schon erreicht. Wir wollen nicht schwarz oder weiß sein und trennen selten zwischen Entertainment und Diskurs. Wenn wir zum Jubiläum der Roten Flora spielen, ist das für sich ja schon Aussage genug, selbst wenn wir das nicht extra betonen. Aber was das Publikum daraus macht, hängt von jedem einzelnen darin selber ab. Sowas mögen wir alle auch als Hörer.

Heißt das im Umkehrschluss, dass ihr es weniger mögt, wenn sich Musik allzu explizit positioniert und womöglich offen politisieren will?

Boris: Kommt auf den Einzelfall an.

Martin: Wenn etwas oft genug gesagt wurde, würde ich es mir jedenfalls wegen der Aussage allein nicht kaufen. Andererseits wirst du selten ein Stück finden, dass konkreter wird als Ganz schön Low.

In dem es um was genau geht?

Martin: Sexismus im Rap, Fremdenfeindlichkeit, deutsche Angst vor Flüchtlingen, Gewalt im Allgemeinen, Themen einer breiten Palette, die uns ankotzen.

Was ist bei euch als erstes da: das Thema, ein griffiger Slogan oder die Musik?

Martin: Kann alles vorkommen, aber schon oft auch Slogans. „Das letzte Lied auf der Welt“ zum Beispiel war so ein Aufhänger, der mal im Proberaum fiel und schnell den Eindruck erweckte, da könne man was draus machen. Wichtig ist aber immer, dass daraus ein Song entsteht, der unseren Ansprüchen genügt. Bei aller Party darf der nie zu oberflächlich bleiben.

Björn: Wir unterhalten uns ja manchmal einfach nur darüber, was wir lesen, gucken, uns beschäftigt. Alles taugt da zur Inspiration. Ich kann mich noch gut erinnern, wie aus dem Anschlag auf die Redaktion der Charlie Hebdo sofort was in uns entstanden ist. Erst, wenn man am Ende eines Produktionsprozesses schaut, welche Lieder auf der Platte bleiben oder runterfliegen, sieht man, was uns offenbar im letzten Jahr beschäftigt hat.

Boris: Da findet sich inhaltlich immer wieder was Neues, aber auch wiederkehrende Themen.

Björn: Vor dieser Platte hätte ich mir zum Beispiel nicht vorstellen können, mal ein Lied über Barbara Emme, genannt Emmely, zu machen, die diesen gefundenen Pfandbon eingelöst und daraufhin ihren Job im Supermarkt verloren hat. Sehr komplexes Thema, bei dem die künstlerische Herausforderung darin bestand, es trotzdem kunstvoll, schön und unterhaltsam zu machen, ohne mit überflüssigen Erklärungen zu langweilen.

Boris: Da ist die Arbeitsweise intuitiver, als es von außen den Anschein hat, und letztlich ist immer auch ein bisschen Glück dabei, was uns thematisch vor die Füße fällt.

Plant ihr eure Platten heute mehr oder weniger als früher?

Björn: Weder noch, viel geplant haben wir nie.

Martin: Wir haben uns früh dagegen entschieden, uns konzeptionell einzuschränken und haben ja auch bei niemandem unterschrieben, besonders politisch sein zu müssen.

Boris: Oder sonstwie thematisch stringent.

Björn: Das stimmt so nicht.

Martin: Du sagst, ich lüge?!

Björn: Hier mal nicht… Aber ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass uns ein paar Ideen zu gagig waren, um dem Ernst der Sache gerecht zu werden. Aber da geht es explizit um unsere eigenen Ansprüche, nicht darum, was jemand von außen von uns erwartet.

Martin: Wobei wir uns ein kreatives, kritisches Umfeld bewahrt haben, dass immer wieder…

Boris: Gern auch ungefragt…

Martin: … Meinungen reinruft; so verfolgen wir oft verworfene Ideen weiter oder werden auf Schwachstellen hingewiesen. Das war früher allerdings ungestümer und hat sich auf sehr erwachsenem Niveau eingependelt.

Entspricht diese Mischung von Haltung und Unterhaltung, von der öfter die Rede war, eigentlich auch euren Persönlichkeiten?

Martin: Keine Fragen zur Übereinstimmung von Image und Person, dass regeln die Genfer Konventionen unmissverständlich!

Boris: Verschiedenste Leute interpretieren verschiedenste Sachen in uns hinein, manchmal entsprechen wir denen mehr, manchmal weniger. Wichtig ist, dass wir uns davon frei gemacht haben, es beeinflusse unser Glück, ob wir uns richtig oder falsch interpretiert fühlen.

Björn: Was ich allerdings sagen kann, ist, dass mir die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, eigentlich durchweg sympathisch sind und ich mich unter ihnen zuhause fühle.

Seid ihr mit den Leuten groß geworden oder wächst da was nach?

Björn: Da sind sogar so junge Leute dabei, dass ich mich immer mal frage, ob sich deren Eltern 1994 auf einem Konzert von uns kennengelernt haben.

Martin: Wir haben ja das große Glück, dass unsere Konzerte immer größer geworden sind im Laufe des Jahres. Hier in Hamburg passen 13.000 Leute in die Arena und die werden aller Voraussicht nach auch kommen. Da findest du alles von 15 bis was weiß ich.

13.000 – hattet ihr vor 20 Jahren im Hinterkopf, so was erreichen zu können?

Martin: Wir sollten damals mal im Huxley’s in Berlin vor 2000 Leuten spielen, was uns so erschreckt hat, dass wir lieber zweimal vor der Hälfte im SO36 auftreten wollten, obwohl das viel anstrengender war. Mittlerweile haben wir Spaß daran gefunden, zu wachsen.

Björn: Auch wenn manche Ängste größer werden.

Martin: Aber das ist ja das Gute am Erwachsenwerden.

Der Text ist vorab bei Musikblog erschienen

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