Meister des Todes: Heckler, Koch & HSW

milberg_koffler_lauterbach-100-_v-standard368_bd4351Meister des Politainments

Der heutige ARD-Mittwochsfilm Meister des Todes (20.15 Uhr; Foto@diwafilm) verbindet journalistische Recherchen zum illegalen Waffenhandel von Heckler & Koch so gekonnt mit fiktionalen Mitteln, dass er juristische Folgen haben dürfte. Vorher aber liefert er bedrückend gute Fernsehunterhaltung.

Von Jan Freitag

Sabine Stengele, die Frau des Waffenhändlers, hat keine Kinder. Das sollte unbedingt beachten, wer heute Meister des Todes schaut, einen schmerzhaft sehenswerten ARD-Film, in dem Frau Stengeles Gatte mit Unterstützung von ganz oben illegal Sturmgewehre ins mexikanische Krisengebiet liefert und ertappt wird. Die badische Hausfrau mit Villa im Dorfidyll wird ja von keiner Geringeren als Veronica Ferres verkörpert, was insofern bemerkenswert ist, als sie sonst (abgesehen von einer sexy Bundeskanzlerin) ausnahmslos starke Mütter im Kampf um ihre Brut verkörpert. Dass sie hier allem Anschein nach kinderlos bleibt, muss im Angesicht ihres Rollenprofils demnach dramaturgische Gründe haben: Während Sabine Stengele nämlich auch ohne Nachwuchs ums Gute ringt, soll ihr angetrauter Alex als skrupelloses Arschloch inszeniert werden.

Mission gelungen.

Heiner Lauterbach spielt seinen selbstgerechten, unsympathischen, karrieristischen Biedermann im wohlgenährten Wanst süddeutscher Global Player mit derart provinzieller Grandezza, dass man ihm nicht auch noch Abkömmlinge wünscht, die womöglich Teile seines miesen Charakters erben. Doch so abschätzig, wie dieser bis zur Selbstverleugnung loyal ergebene Prokurist des größten Arbeitgebers im Ort seine Frau behandelt, wird ohnehin schon zu Beginn des Films klar, dass ihm die Verwandtschaft ringsum weit wichtiger ist als jene hinter der eigenen Haustür.

Es geht in Daniel Harrichs fabelhaftem Drama folglich gar nicht nur um die Abgründe des globalen Handels mit Dingen, die besser nicht global gehandelt werden, sondern um was Archaisches: Familie, dieses blutdicke, traditionsharte, oft konservativ gebrauchte, selten belanglose Wort nürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, mit dem sich auch in einer sozial fragmentierten Zeit wie unser nahezu alles verkaufen lässt: Vergangenheit und Zukunft, Abgrenzung und Offenheit, Gemeinsinn, Liebe, Hass, Werte, ach ja: Und Waffen. Waffen? Fragen Sie mal Heckler & Koch!

Die badische Waffenschmiede baut seit 1949, was gemeinhin als „Wehrtechnik“ verharmlost wird und momentan unterm Kürzel „G36“ für größtmögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Rüstungssektor steht. Errichtet auf den Ruinen des Konkurrenten Mauser, der vom selben Oberndorf am Neckar aus (mit kurzer Entnazifizierungsunterbrechung) seit gut 200 Jahren Schießgerät in alle Welt liefert, versteht sich H&K nicht bloß als mittelständisches Unternehmen, sondern als weitverzweigte, stets verlässliche, sehr verschwiegene Sippe, zu der Mitarbeiter, Nachbarn, Kunden ebenso zählen wie die Verwandtschaft aus Politik Verwaltung und Ökonomie.

Am Beispiel eines beschlagnahmten G36 mit, Registrierungsnummer 85-012252, das sich trotz Ausfuhrverbot bei einem berüchtigten Killer im mexikanischen Bandenkrieg wiederfand, folgt bereits das aktuelle ZEIT-Dossier den Ästen, Wurzeln, Trieben dieses Stammbaums und stößt dabei auf ein Geflecht wechselseitiger Hilfestellung, Vorteilsnahme und Amtshilfe, die sprachlos macht. Sogar Daniel Harrich. Gewissermaßen. Denn um dem schwebenden Verfahren gegen Heckler & Koch nicht filmisch vorzugreifen, hat der Regisseur und Drehbuchautor sämtliche Protagonisten von den Ergebnissen seiner jahrelangen Recherche zum System H&K abstrahiert. Reiner Selbstschutz, heißt es vom verantwortlichen SWR. Anders als in seiner anschließenden Dokumentation Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam, nennt Harrich den inkriminierten Waffenhersteller in Meister des Todes vorsorglich „HSW“. Mit besagtem Alex Stengele in leitender Funktion, dessen Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) und einem Mittelsmann namens Lechner (Udo Wachtveitl), die dank willfähriger Ministerialdirigenten (Michael Roll), Wirtschaftsfunktionäre (Herbert Knaup) und anderweitig korrupter Gewährsleute wie dem Botschaftspersonal das Sturmgewehr GS38 nach Mexiko schaffen. Ein Land im Kriegszustand, das vom Auswärtigen Amt auf die Rote Liste jener Staaten gesetzt wurde, dem keine kriegstauglichen Waffen geliefert werden dürfen.

Eigentlich.

Doch wie geschmiert sich solch ein Verbot „mit aktiver Unterstützung der für Kriegswaffenexportkontrolle zuständigen Ministerien und Behörden“ umgehen lässt, wie Harrich feststellt, das zeigt seine Erzählung vom HSW-Mitarbeiter Peter Zierler (Hanno Koffler), der das SG38 so unvoreingenommen wie innbrünstig am fernen Bestimmungsort präsentiert – bis er Augenzeuge eines tödlichen Einsatzes der heißen Ware in den Händen der dortigen Polizei wird und sich fortan von seinem Arbeitgeber, für den schon Vater und Großvater tätig waren, lossagt. Mit allen Folgen eines verletzten Wir-Gefühl verschworener Gemeinschaften. „Die Familie vergisst nichts“, sagt der ausdrucksstark verkarstete Lauterbach zu seinem verstoßenen Ziehsohn, als der „Nestbeschmutzer“ von seiner alten Dorfgemeinschaft erst ausgeschlossen, dann scharf beschossen wurde.

Wie seine „Familie“ all die Schweinereien von Waffenschiebereien bis zum kollektiven Mobbing durchzieht – das ist fast zu realistisch, um bloß erzählt zu sei. Dennoch bleibt es in jeder Sequenz ein erfundenes Fressen für den Prozess gegen Heckler & Koch, der womöglich hohe Strafen nach sich zieht. Wie schons Harrichs erschütternder Oktoberfest-Spielfilm „Der blinde Fleck“, dem im Frühjahr die Wiederaufnahme fahrlässig eingestellter Ermittlungen vor rund 30 Jahren folgte, könnte also auch dieses Werk juristische Konsequenzen haben.

Zuvor aber liefert es exzellentes Politainment mit herausragenden Darstellern in so glaubhaften Rollen, dass selbst Veronica Ferres als Stengeles Frau nie stört. Was in den „Dokumenten zum Leben fehlt“, sagt Co-Autor Gert Heidenreich über die erdachten, aber realen Charaktere, „haben wir durch Fantasie und Dramaturgie erfunden“. Nur so schafft es ein abstraktes Thema wie illegaler Waffenhandel an all den anderen Krisen der Welt vorbei in die Köpfe der Zuschauer. Schon dafür gebührt Daniel Harrich Dank!

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