Jürgen Vogel: Blochin & Physis

blochinGhettogeschulter Ansatz

Seit Jahren redet die Branche über diesen fortsetzungstauglichen Fünfteiler im ZDF (ab Freitag, 20.15 Uhr): Blochin, ein Ermittler an der Grenze zwischen gut und böse, der den deutschen Abstand zur internationalen Serie – obwohl das Echo eher verhalten ausfällt – verringern soll. Hauptdarsteller Jürgen Vogel (Foto@Stephan Rabold/ZDF) über seinen Antihelden, physische Rollen und warum keiner seine guten Filme sehen will.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jürgen Vogel, wenn man das ZDF so über Blochin reden hört, scheint damit der Anschluss ans internationale Serien-Niveau erreicht.

Jürgen Vogel: Das finde ich auch.

Warum genau?

Weil Bild- und Tonsprache mutig, modern, neugierig sind. Ich spüre da eine große Offenheit für ungewöhnliche Charaktere, die hierzulande selten ist. Einer wie Blochin wär vor fünf Jahren auch im ZDF unmöglich gewesen, weil bis dahin die Überzeugung herrschte, Hauptfiguren müssen zum Sympathieträger, mehr noch: zur Identifikationsfigur für alle taugen, selbst im Kino. Diese Regel lösen wir ein Stück weit auf.

Dass der identifikationsstiftende Sympathieträger einen Mord begeht, wäre unmöglich gewesen?

Mehr noch: moralisch fragwürdige Dinge waren generell tabu für Titelfiguren – es sei denn, sie hießen Hitler oder so. Obwohl auch Helden mal Fehler machen duften, war schwarz stets schwarz und weiß weiß. Da sich unsere Farbskala mehr an Spannung als Formalismen orientiert, deckt Blochin das ganze Spektrum ab. Gerade das macht ihn ja so amerikanisch, skandinavisch. Das Publikum entwickelt Empathie, nicht nur obwohl, sondern weil er fehlbar ist. Es möchte ihn vor seiner eigenen Unberechenbarkeit bewahren und wünscht sich manchmal, Oh Gott, mach das jetzt nicht.

Haben die Deutschen genug von strahlenden Helden?

Ich würde es positiver formulieren: Sie sehnen sich nach einer sehr menschlichen Diskrepanz zwischen Wollen und Können, die in uns allen steckt. Blochin will unbedingt ein guter Vater sein, Ehemann, Freund und Bulle sein, aber seine Vergangenheit und Eigenarten holen ihn immer wieder ein. Das kann fast jeder, der einen Neuanfang wagt, nachempfinden.

Spiegelt diese Diskrepanz auch ein wenig das Männlichkeitsbild unserer Tage wider – hin und hergerissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Wenn Blochins Verletzlichkeit zum Vorschein kommt, hab ich meine Arbeit diesbezüglich wohl richtig gemacht. Aber es geht gar nicht so sehr um Männlichkeit als die Konflikte zwischen Opfer und Täter, deren Grenzen hier meist fließen. Denn anders als in anderen Formaten, wird Blochin strikt horizontal erzählt, breiter, vielschichtiger. Er lässt Dinge offen, verstrickt die Handlung, macht also genau das, was sich die Leute heutzutage auf DVD kaufen und mit Untertiteln durchgucken, ohne aufs Klo zu gehen. Schön blöd, dass wir dieses Potenzial bislang so verschenkt haben.

Aber ein Krimistoff sollte es in Deutschland schon sein…

(lacht) Tja, besser isses, auch in Serien. Dieser Kompromiss ist hierzulande wohl nötig. Noch. Durch einen Regisseur wie Matthias Glasner bleibt es aber nie auf dieser Ebene stehen, sondern entfaltet sich in alle Richtungen bis hin zum Familiendrama, mit diesem brüchigen Charakter in der Mitte, der zwar sympathisch sein darf, aber nicht um der Sympathie willen. Nett interessiert mich nicht die Bohne, schon gar nicht in einer Serie.

Was Sie abermals interessiert, scheint hingegen Ihr Körper zu sein, den Sie von Beginn an voll einsetzen.Vogel

Absolut, ich mag das Physische – weil ich es gut kann, weil es mir liegt, weil es für Schauspieler aber auch wichtig ist. Wenn du irgendwo reinkommst, grade stehst, keine Angst zeigst, ist das eine archaische Haltung, auf die auch ich selber da draußen reagiere. Aber dein Auftreten ist nur souverän, wenn Instinkt und Intellekt gut harmonieren. Wenn du die inaktiven Ermittler von früher – Der Alte, Der Dicke, der Derrick – mit der physischen Präsenz moderner Tatort-Kommissare vergleichst, ist es da doch kein Wunder, dass ich für so ein Format wie Blochin infrage komme. Ich hatte schon immer diesen ghettogeschulten Ansatz, bei dem eine Schaufel zur Selbstverteidigung in der Hand nicht wie ein Fremdkörper wirkt.

Eine Geige hingegen schon?

Schon eher. Aber auch das will ich lernen! Je älter du wirst, desto breiter sind deine Facetten aufgestellt, aber das Proletarische steckt immer in mir.

Testen Sie deshalb für DMAX dicke Maschinen?

Klar, das finde ich richtig geil. Aber ich finde es eben genauso geil, Friedrich II. zu spielen. Prinzipiell finde ich alles geil, was mein Repertoire erweitert. Ich bin viel zu neugierig für Genregrenzen.

Und jetzt kommt sogar eine Krimi-Serie hinzu, die es hierzulande schwer haben dürfte, wenn darin kein anschlussfähiger Kommissar im Whodunnit-Modus ermittelt.

Darüber sind wir uns im Klaren.

Bei Matthias Glasners Polizei-Serie KDD haben Sie auf der anderen Seite des Gesetzes mitgewirkt – warum ist die Sendung trotz allen Lobs ins Quotenloch gefallen?

Weil offenbar weder die Zeit noch das Publikum reif waren dafür. Und vor acht Jahren gab es auch noch nicht die Mediatheken von heute, wo du aktuelle Serien am Stück sehen kannst.

Und anders als in den USA, wo Serien längst voller Oscar-Gewinner sind, verirrt sich hierzulande nur selten mal ein Star abseits vom Tatort in eine. Woran liegt das?

Vermutlich, weil große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet. Diese Unterscheidung hab ich nie gemacht; ein guter Film ist ein guter Film, egal wo er läuft. Und das Gleiche gilt heute auch für Serien. Dummerweise gehen viele Produzenten noch immer davon aus, dass sie die großen Namen für so was gar nicht anfragen brauchen. Dabei kannst du als Schauspieler nicht nur die ganz anspruchsvollen Sachen machen. Dann bist du nämlich bald arbeitslos.

Oder drehst Komödien…

(lacht) Was ich gut finde, hat da eh keine Chance. Ein wirklich geiler Film wie Stereo hatte voriges Jahr 90.000 Zuschauer und mein Berlinale-Beitrag Gnade noch mal die Hälfte weniger. In Sachen Filme, die keiner sehen will, bin ich Weltmeister. Selbst wenn sie künstlerisch als wichtig gelten. Es gibt immer Cineasten, die für interessante Sachen ins Kino gehen, aber die Masse erreichst du vor allem im Fernsehen. Ehrlich: es ist schon schön, nicht dauernd unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu laufen.

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