Fujita, Zitronen, Joe Jackson

GoldiesDie Goldenen Zitronen

So wie den Goldenen Zitronen ein wenig vom Erfolg Gleichgesinnter wie Tocotronic zu gönnen wäre. Dafür freilich ist auch das zwölfte Album der Avantgardepunks zu erfolgsverachtend. Auch Flogging A Dead Frogg ist so konsequent auf distinguierten Krawall gebürstet, dass ein Hitparadenplatz unwahrscheinlicher wäre als jene klassenlose Gesellschaft, der die Hamburger seit fast 30 Jahren das Wort singen. Schon der Einstieg: Fan without Fan, ein düsterer Angriff aufs Harmoniebedürfnis im Stile des New Wave, bevor er NDW wurde.

Gefolgt von sperrigen Anleitungen zur Revolte gegen alles, was der freien Entfaltung des Menschlichen ins Gehege baut: Investoren, Gutmenschen, Gentrifidingsbums. Mehr genölt als gesungen, klingen die englischen Neubearbeitungen alter Instrumentalstücke wie Störfunk im Mainstreamradio. Doch gerade das ist in Zeiten, da die Masse kurz von Moll auf Dur schaltet und, sagen wir, Flüchtlinge mit Empathie statt Toleranz genannter Verachtung begrüßt, nötig. Beides gießen die Goldies gewohnt umwerfend in technoide Kakophonien analoger Renitenz.

Die Goldenen Zitronen – Flogging A Dead Frog (Altin Village & Mine)

 

ERATP075_cover_index_1Masayoshi Fujita

Ebenso analog, dabei allerdings weit reduzierter und überhaupt mit dem jetztzeitigen Furor einer deutschen Postpunkdiskursirgendwasband in keinem Takt zu vergleichen, aber ähnlich kraftvoll ist hingegen das zweite Album des japanischen Vibraphonisten Masayoshi Fujita, richtig gelesen: Vibraphonist! Zumindest in seiner Wahlheimat Berlin unterm Pseudonym el fog bekannt, hatte der Klangvirtuose sein oft als Schulchorbegleitung verkanntes Instrument lange Zeit eher als Accessoire ambientbasierter Spielereien verwendet. Auf Apologues jedoch führt er dessen Sound zurück zur Essenz – und erzeugt gerade dadurch eine warme Vielschichtigkeit, die man dieser metallisch kühlen Unterart der hölzernen Marimba, kaum zugetraut hätte.

https://vimeo.com/133573158

Produziert vom Elektro-Künstler Jan Jelinek, präpariert Fujita sein Arbeitsgerät mit allerlei Zusatzstoffen wie Alufolie oder Eisenstücken und erweitert damit nicht nur das Klangspektrum des Vibraphons; dank befreundeter Musiker, die Fujitas Kompositionen wie im fantastischen puppet’s strange dream circus band mit Geigen, Flöten, Akkordeon unterstützten, entfaltet Apologues gelegentlich die Wucht eines vollumfänglichen, perfekt eingespielten, wohltemperierten Orchesters. Trotz und wegen aller Reduktion.

Masayoshi Fujita – Apologues (Erased Tapes)

JJJoe Jackson

Reduktion ist in Zusammenhang mit Joe Jackson seit fast 40 Jahren ziemlich ambivalent. Ende der Siebziger hat das virtuose Multiinstrumentalist Glamrock mit Swingelementen und etwas Punk zu einer unvergleichlichen Art frühen Powerpop inszeniert, die mit Look Sharp ein Schlüsselwerk der späten Disco-Ära hervorbrachte und ähnlich reduziert war wie eine Beethoven-Symphonie. Zugleich aber  waren seine Kompositionen auf vielen 19 Studioalben von solcher Zuspitzung, dass kaum ein Ton je überflüssig erschien. Das hatte sich seit seine Umzug nach Berlin 2006 und zwei melodramatischer Platten leider geändert. Aber die neue reißt da vieles wieder raus.

Fast Forward erinnert ein bisschen an das Gesicht des 61-Jährigen: Zur Maske gelifted, will es den Zauber der Jugend in die Gegenwart retten, was ganz gut gelingt, da JJ in seiner Brillanz schon immer so artifiziell wirkte, als fiele er noch aus jeder Zeit. “I’m going back to the age of gold / the age of sin” singt er im Titeltrack, “fast forward to the age I’m in”. Und tatsächlich entfaltet die Reise durch vier Orte seiner Karriere (New York, Amsterdam, Berlin, New Orleans) viel der Kraft, die ihm verloren gegangen schienen. Traumwandlerische Harmonien, stimmige Bläsersequenzen, ein Mix aus Cool und Funk mit etwas Glamour der großen Jahre, die Rock und Disco versöhnt hatten wie kaum jemand zuvor. Album 20, weitermachen.

Joe Jackson – Fast Forward (earMusic)

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